Einzelne Straßenfeger verwischten letzte Spuren. Mit großen Besen kehrten sie noch in der Nacht Gehwege und Straßen rund um das Stade de Geneve sauber. Der Regen der vergangenen Tage war abgezogen, und Cristiano Ronaldo ebenfalls. Teil eins der groß angekündigten Show des 23-Jährigen war vorüber. Ein Tor war Ronaldo nicht vergönnt, und doch war er es, der Portugal zum 2:0 gegen die Türkei führte. Das erste spielerische Glanzlicht dieser EM.
„Es ist immer gut, mit dem rechten Fuß zuerst aufzustehen“, urteilte Ronaldo etwas umständlich. Er, der Beau und Zuberfußballer, werde zum Star dieser EM – darin waren sich im Vorfeld alle Experten einig. Also blickte Fußball-Europa an diesem Auftaktabend nach Genf und auf ihn.
Es war (noch) nicht der ganz große Glanz, den Ronaldo versprühte, aber selbstverständlich zeigte er gegen die Türken wie erwartet herausragende Szenen. Wie jenen kunstvoll getretenen Freistoß, als der türkische Torhüter Volkan Demirel den Ball mit den Fingerspitzen noch den entscheidenden Millimeter in Richtung Pfosten ablenkte. Oder die vielen Dribblings und Beinschüsse, mit denen er seine Gegenspieler abschüttelte. Abschütteln musste, denn zum Teil hatte er bis zu fünf Gegenspieler auf einmal. Das entspricht der Hälfte aller türkischen Feldspieler.
Ein paar sinnlose Soloeinlagen zu Spielbeginn, dann stellte sich Ronaldo, vielen Kritikern zum Trotz, in den Dienst der Mannschaft. Aufreizend zog er die Gegenspieler immer wieder auf sich. Mit dem Effekt, dass die Mitspieler alle räumlichen Freiheiten besaßen. Und wenn er manche Aktion trotzdem selbst abschloss, dann, damit die Türken sich nicht auf ihn einstellen konnten.
Als Ronaldo nach der Auswechslung von eben Nuno Gomes auch noch die Kapitänsbinde übernahm, beschleunigte er sein Tempo weiter. „Ich wollte Cristiano zusätzlich motivieren, und genau das ist eingetreten“, sagte Trainer Luiz Felipe Scolari. Ein Tor gelang Ronaldo gegen die Türkei nicht, seine Präsenz aber schuf die Röume für zwei Treffer. Sein Diagonalpass auf Moutinho in der Nachspielzeit leitete das 2:0 durch Raul Mereiles ein. Das 1:0 hatte nach Doppelpass mit Deco der herangestürmte Pepe erzielt. Bei den Portugiesen besitzen eben selbst die Innenverteidiger noch herausragende technische Qualitäten. Und sie sind dabei durchweg verdammt schnell.
Türken zu langsam
„Wir waren zu langsam“, gestand Bayern-Profi Hamit Altintop. Auch der türkische Jungstar Colin Kazim-Richards erkannte die Überlegenheit der Portugiesen an: „Sie haben unglaublich gut kombiniert. Sie haben den Ball laufen lassen – und uns auch.“ Mit dem Effekt, dass „wir schon müde waren, wenn wir dann auch mal den Ball hatten“.
Nach dem Seitenwechsel verloren die Türken phasenweise auch noch die Ordnung. „Da haben die Portugiesen umgestellt, und wir wussten gar nicht so genau, wo sie alle sind“, klagte Altintop. Pfosten und Latte verhinderten dabei ein Debakel für die Türken. Neben Ronaldo traf auch Nuno Gomes zwei Mal das Torgestänge.
Die halbe Miete für Scolari
„Es war ein Geduldsspiel“, sagte Ronaldo danach, „aber wir hatten den Sieg sehr verdient.“ Und so dürfen die Portugiesen schon in Richtung Viertelfinale blicken. „Der Sieg war deshalb so wichtig, weil man mit sechs Punkten fast weiter ist. Die halbe Miete ist also schon zusammen, ich bin sehr erleichtert“, sagte Trainer Scolari. Mehr ließ er sich nicht entlocken, auch nicht nach dem wirklich gelungenen Auftaktmatch seiner Mannschaft.
Und so oblag es seinem Superstar, die passenden Schlussworte nach einem Sieg zu finden, der eigentlich ein Schützenfest hätte werden können. Cristiano Ronaldo sagte: „Ich glaube nicht, dass uns dieser Sieg zu einem Favoriten macht – jedenfalls nicht noch mehr, als wir ohnehin schon zu den Favoriten zählen.“
Die Türken müssen sich um diese Rolle keine Gedanken machen, ebenso wenig wie die Schweizer nach ihrer Auftaktniederlage gegen Tschechien. Gegen die Gastgeber kommt es am Mittwoch nun zum vorentscheidenden Spiel um das Erreichen des Viertelfinales.
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