Soll keiner sagen, die Portugiesen könnten nicht rechnen. Als einzige Mannschaft verlangen sie während dieser EM-Endrunde Eintrittsgeld beim öffentlichen Training. Zehn Euro kostet es, den Torschüssen, Kreisspielen und Dehnübungen der WM-Vierten von 2006 zuzusehen. Offenbar ein attraktives Angebot: Die erste Übungseinheit war ausverkauft – 12.000 Menschen kamen ins Stadion von Neuchatel und wollten vor allem einen Mann sehen: Cristiano Ronaldo. Schönling, Schönspieler und vor dem Auftakt der Gruppe A am Samstag gegen die Türkei (20.45 Uhr, live bei ZDF und Morgenpost Online) erster Anwärter auf den Titel, Star dieses Turniers zu werden.
Dass der Angreifer von Manchester United das Potenzial dazu hat, ist unbestritten. Er gilt derzeit als bester Fußballspieler des Planeten. Franz Beckenbauer sagt das, auch Alex Ferguson oder Ruud van Nistelrooy, Luis Figo („So schnell kann ich gar nicht gucken“) sowieso.
Nur wird Ronaldo nicht dementsprechend bezahlt. Seit dieser Woche gibt es nämlich einen neuen Vorsitzenden im Millionärsklub der Fußballprofi: Zwölf Millionen Euro bekommt der Schwede Zlatan Ibrahimovic von seinem Klub Inter Mailand pro Jahr überwiesen.
Ronaldo kann eine Million mehr als Ibrahimovic verdienen
Dass er die Tabellenführung aber verteidigen kann, darf ernsthaft bezweifelt werden. Macht Real Madrid Ronaldo doch ein Angebot, das dieser nicht ablehnen kann. In Spanien soll er an gut drei Tagen so viel einnehmen können wie der portugiesische Verband mit einem ausverkauften Training: 120.000 Euro, aufs Jahr gerechnet 13 Millionen, eine Million mehr als Ibrahimovic.
Seit Wochen buhlt Madrid mit seinem deutschen Trainer Bernd Schuster um den Portugiesen, der so unmögliche Freistöße schießt, der Kopfbälle in ungeahnten Höhen erwischt und den die Gegenspieler immer seltener stellen – aus Angst sich zu blamieren. Neben dem üppigen Salär ist dies den Spaniern auch eine recht ansehnliche Ablöse wert: 100 Millionen Euro, so die bislang letzte Meldung. Auch dies wäre Rekord – 2001 zahlte Real umgerechnet 75 Millionen Euro für Zinedine Zidane.
Dass der Wechsel bislang nicht zustande kam, liegt ganz offensichtlich nicht an Ronaldo. Der portugiesische Kapitän lässt immer wieder mal fallen, dass er gern in Spanien spielen würde. Und seine Mutter, der er auf seiner Geburtsinsel Madeira ein Häuschen gekauft hat, nennt noch regelmäßiger den Namen des Klubs. „Ich würde gern für Real spielen“, sagte Ronaldo einem brasilianischen Internetanbieter dieser Tage unerwartet offen: „Allerdings nur, wenn es wahr ist, dass sie mir und Manchester so viel zahlen, wie sie sagen. Es hängt nicht von mir ab.“
Trainer Ferguson ist bereit, Ronaldo auf die Tribüne zu verbannen
Der 23-Jährige kann froh sein, dass sein Klubtrainer nicht im Raum war, als er diesen Satz sagte. Ferguson hat David Beckham in der Kabine ja mal einen Schuh an die Stirn gefeuert und soll auch sonst gern mal einen Tobsuchtsanfall bekommen. Gerade das Thema Ronaldo ist für den Mann, der Manchester gerade zum zweiten Mal zum Champions-League-Titel führte, ein sehr sensibles. Das mitunter aber zu drastischen Worten führt. „Ronaldo geht nirgendwo hin. Die Familie Glazer (Klubeigner von Manchester – d.R.) wird Real zum Teufel jagen“, tobte Sir Alex und fügte hinzu, dass er auch Ronaldo auf die Tribüne verbannen könne. Und bei Ferguson ist dies keine leere Drohung. Nicht umsonst riet ausgerechnet Beckham dem Portugiesen gerade, besser freiwillig in England zu bleiben.
Ronaldo wollte die Entscheidung über seine Zukunft vor dem Turnier in Österreich und der Schweiz getroffen haben, auch um seiner Mannschaft nicht zu schaden, wie er sagte. Nun hat er sie aber in den Juli verschoben, und seine Landsleute fragen sich, ob dies wohl ein Fehler ist. Wird Ronaldo durch die Verhandlungen, Angebote und Gerüchte vielleicht zu sehr abgelenkt und kann sich nicht mehr richtig auf die EM konzentrieren? Von den genervten Mitspielern mal ganz abgesehen, die ja auch seit Tagen nur nach Ronaldo gefragt werden.
Schließlich sind die Portugiesen ja nicht gekommen, um einfach nur mitzuspielen. Sie sind in den Alpen, um den Titel zu holen, den sie vor vier Jahren im Endspiel gegen Griechenland aus der Hand gaben. „Ich will ins Finale, und dort will ich gewinnen“, sagt Trainer Felipe Scolari.
31 Tore in der Premier-League-Saison
Wen er dazu braucht, weiß er genau: einen Ronaldo in Topform. Den Ronaldo, der in der abgelaufenen Premier-League-Saison 31 Tore schoss, der sich jetzt weniger in Schwalben übt und der seine Übersteiger längst auch zum Raumgewinn und nicht nur zum Demütigen gegnerischer Verteidiger nutzt. Kurzum: Scolari benötigt ihn als Star dieser Europameisterschaft. Nur: Hat er dazu nach über 60 Pflichtspielen noch die Kraft und das Feuer?
Am Samstag wird Cristiano Ronaldo erste Antworten geben, wozu er trotz des ganzen Rummels um seine Person noch in der Lage ist. Und am Sonntag vielleicht auch: Dann findet wieder ein öffentliches Training statt. Es ist bereits ausverkauft.





