Am Morgen danach soll er beim Frühstück schon wieder gelacht haben. Sagen die Mitspieler. Es ist schwer zu glauben, denn was dem Schweizer Stürmer Alexander Frei im Auftaktspiel der Europameisterschaft im eigenen Land passierte, war die größte anzunehmende Katastrophe. Frei erlitt einen Innenbandriss im Knie, seine Mannschaft verlor in der Folge unglücklich 0:1 (0:0).
Die Schweiz ohne Frei – das ist ungefähr so, als hätten sich im ersten Spiel der Heim-WM 2006 Michael Ballack und Miroslav Klose verletzt. Frei ist der einzige Schweizer Stürmer auf internationalem Niveau – hinter ihm kommt ganz lange gar nichts. Zudem ist er der unumstrittene Anführer seiner Mannschaft. Der Mann von Borussia Dortmund gibt den Takt vor und hat immer wieder betont, dass er bei dieser EM nicht nur mitmachen, sondern sie auch gewinnen will.
So trat er auch gegen Tschechien auf. Frei war der beste Schweizer, trieb das Angriffsspiel immer wieder voran und erarbeitete sich Chance um Chance. Dreimal schoss er gefährlich auf das Tor des glänzenden Torhüters Petr Cech, ehe er in der 44. Minute von Zdenek Grygera gefoult wurde. Nichts Übles, ein Tackling wie 100 andere auch. Nicht für Frei. „Als Alex das Knacken und Reißen gespürt hat, wusste er sofort, dass es etwas Schlimmeres ist“, sagte Mannschaftsarzt Cuno Wetzel später.
Frei weinte hemmungslos
Deshalb schossen Frei Tränen in die Augen. Immer wieder, hemmungslos. Der große Hoffnungsträger der Eidgenossen weinte minutenlang – auch noch, als er – eine dicke Bandage um das Knie und gestützt von zwei Männern – in die Kabine humpelte. Mit ihm verschwanden viele Hoffnungen auf eine Sensation bei diesem Turnier. „Die ganze Schweiz weint mit Frei“, schrieb die „Sonntagszeitung“, und der „Sonntagsblick“ konstatierte: „Es ist zum Heulen.“
Ganz besonders für Frei, der schon die komplette Bundesligahinrunde verletzt verpasst hatte und auch die vergangene Europameisterschaft nicht beenden durfte. Wenn auch selbstverschuldet. Im zweiten Gruppenspiel hatte er den Engländer Steven Gerrard angespuckt und es intern auch zugegeben. Der Verband riet ihm für die Anhörung aber, dies zu leugnen. Dann tauchten Fernsehbilder der Unsportlichkeit auf: Frei wurde für den Rest des Turniers gesperrt und hatte den Ruf, nicht nur ein unsportlicher Spieler, sondern auch noch ein Lügner zu sein. Der Begriff „Spuckaffäre“ schaffte es 2004 sogar auf Rang zwei bei der Wahl zum „Schweizer Wort des Jahres“. Immerhin nahm Frei es mit Humor. Er adoptierte wenige Wochen nach dem Vorfall ein Lama.
Diesmal wiegt der Fall aber offenbar schwerer. Frei wird trotz sechswöchiger Verletzungspause bei der Mannschaft bleiben. „Alex bleibt auf eigenen Wunsch. Ich hätte ihn aber auch darum gebeten“, sagte Nationaltrainer „Köbi“ Kuhn. Frei werde seine Therapie bei der Nationalelf absolvieren, dies sei mit Borussia Dortmund abgesprochen. Kuhn: „Alex bleibt auch in seiner jetzigen Situation ein Anführer.“
Allerdings nur in der Kabine. Und deshalb hat Kuhn vor dem Spiel am Mittwoch gegen die Türkei Probleme, Zuversicht auszustrahlen. Er muss das Problem lösen, wer nun die Tore schießen soll. Etwa Marco Streller, am Samstag neben Frei in der Startelf? Der Angreifer war gegen Tschechien nicht nur indisponiert, sondern hatte vor der EM auch seinen Rücktritt angekündigt, weil er die Pfiffe der eigenen Fans nicht mehr ertragen könne. Angeschlagen ist er außerdem. Es ist tatsächlich zum Heulen.
sid/jr


