Am Ende ging es zu wie so oft nach dem 34. Spieltag einer Saison. Konfettiregen und Meisterschale auf der einen, Trauer und Tränen auf der anderen Seite. Dass juvenil ausgelebte Glücksgefühle und echte Männerdemut oft dicht beieinanderliegen, durften nicht nur die 75.400 Zuschauer im Berliner Olympiastadion am Samstag bestaunen. Auch andernorts – wie etwa in Bochum – gab es facettenreiche Bilder zwischen Komik und Kummer.

Szenen einer Liga, die nun bis zum 20. August in die Sommerpause geht, uns aber selbst im 47. Jahr ihres Bestehens noch wegweisende Erkenntnisse zu vermitteln vermochte. Dass ein Niederländer als Trainer tatsächlich zur Deutschen Meisterschaft durchrauschen kann und damit ein Novum in der Historie der Eliteklasse schaffen würde, hatten etliche Beobachter ja schon gemutmaßt, als Louis van Gaal vor zehn Monaten ein wenig selbstherrlich seinen Dienst bei Bayern München antrat. Doch dass die ehrenwerte Zunft der Pfeifenmänner durch schlüpfrige Mails und TV-Outings einen heftigen Imageschaden erleiden würde, zählte zweifelsohne zu den seltsamen Kapriolen der abgelaufenen Spielzeit.

Initiiert von Michael Kempter („Ich ziehe für dich die weiße Hose an, damit mein schwarzer Tanga vorleuchtet“) sprang in der Posse der Unparteiischen erst Schiedsrichtersprecher Manfred Amerell (Branchenname „Herr der Pfeifen“) über die Klinge. Dann hätte der vermeintliche Sündenpfuhl inmitten der Regelshüter auf dem Feld auch fast den obersten Fußballchef den Posten gekostet. Doch Theo Zwanziger überstand die Krise – wenn auch mit Schrammen.

Die erlitt auch HSV-Fan Axel Z., der von einer Flasche getroffen wurde und sich gleichermaßen über Wucht und Adressaten wunderte. Der beherzte Wurf kam vom ob der Zuschauerhänselei genervten Stürmer Paolo Guerrero, für den daraufhin die Saison vorzeitig beendet war – fünf Spiele Sperre.

Sanktionen jener Art musste auch Jens Lehmann auf seiner Abschiedstournee über sich ergehen lassen, weil er dem Mainzer Aristide Bance auf den Fuß gestiegen war und eine Reihe missglückter Auftritte krönte. Freche Balljungs in Hannover und Brillenträger in Mainz dürften allerdings froh sein, dass der Despot im Kasten nun nur noch als TV-Experte zu Rundumschlägen ausholt.

Dennoch wird einer wie Lehmann der Liga fehlen, denn er zählt zweifelsohne zu den großen Persönlichkeiten, die polarisieren. Neben dem Torwart gab es in der 47. Saison aber noch andere Protagonisten, die die Liga positiv wie negativ geprägt haben. In einer großen Umfrage ermittelte Morgenpost Online Gewinner und Verlierer der zurückliegenden zehn Monate.

Spieler der Saison

Die glückliche Fügung entsprang einer Niederlage. Nach dem 1:2 beim FSV Mainz am dritten Spieltag der noch jungen Saison verpflichtete der seltsam uninspirierte Rekordmeister Bayern München auf den letzten Transferdrücker Arjen Robben. Der 24-Millionen-Euro-Mann von Real Madrid verzauberte die Liga direkt bei seinem ersten Auftritt gegen den VfL Wolfsburg (zwei Tore) und zeigte auch in der Folge eindrucksvoll, dass jegliche Sorgen ob seiner in Spanien und England allzu oft beobachteten Verletzungsanfälligkeit unbegründet waren.

Mit 14 Toren und sechs Vorlagen in der Liga führte Robben die Bayern zum nationalen Titel, weshalb Mainz-Manager Christian Heidel glaubt: „Ein bisschen haben die Münchner ja auch uns diese Meisterschaft mitzuverdanken, nach dem Spiel bei uns haben sie gemerkt, dass es so nicht weitergehen kann und schließlich Arjen Robben verpflichtet.“

73 Prozent der Befragten wählten dann auch folgerichtig den dribbelstarken Außenstürmer zum Spieler der Saison. Mit weitem Abstand folgen Schalkes überraschend starker Kevin Kuranyi (zehn Prozent) und Leverkusens Torschützenkönig Stefan Kießling (acht Prozent) auf den Plätzen.

Absteiger der Saison

Selten war die Rückkehr eines abtrünnigen Helden euphorischer gefeiert worden als in Köln. Nach der Verpflichtung von Lukas Podolski verbuchte der Klub Rekordumsätze beim T-Shirt-Verkauf, eine eigens ins Leben gerufene Grußaktion im Internet, an der sich auch Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher und Handball-Bundestrainer Heiner Brand beteiligten, brach gleichsam Rekorde. Allein: Als der vermeintliche Messias seinen Dienst dann wieder am Rhein antrat, war der Zauber schnell verflogen. Zwei Törchen und vier Assists steuerte der gefallene Prinz bei, was angesichts der Kölner Rekordausgabe von zehn Millionen Euro eine mehr als überschaubare Marke ist. Zumindest Co-Trainer Michael Henke aber hat den Glauben an den WM-Fahrer noch nicht verloren: Im nächsten Jahr werde alles besser, prophezeit er. Poldi brauche nur noch ein wenig Eingewöhnungszeit.

Ob daran noch die Fans glauben mögen? Mit 66 Prozent führt Podolski die Liste der enttäuschendsten Spieler in dieser Saison deutlich vor Miroslav Klose (14 %) und dem in der Winterpause gen Rom geflüchteten Thomas Hitzlsperger (zehn Prozent) an.

Trainer der Saison

Vor einigen Wochen hätten vermutlich nur die wenigsten Fans für Louis van Gaal votiert. Anders als seine smarten Landsmänner Mark van Bommel und Arjen Robben kam der Niederländer lange Zeit in München recht arrogant und narzisstisch daher. Aussagen wie „Ich bin wie Gott, ich werde nie krank und habe immer Recht“ haben sie in den katholischen Hochburgen Bayerns nur allzu gern fehlinterpretiert – so wie die Spieler lange Zeit auch nicht den Trainer richtig zu nehmen wussten. Die Wende brachte van Gaals vermeintliches Schicksalsspiel: das 4:1 bei Juventus Turin sicherte das Weiterkommen in der Champions League – und auch den Stuhl des streitbaren Übungsleiters. Der steht nun vor dem totalen Triumph. Neben Meisterschaft könnte er auch noch Pokal und Champions League gewinnen. Danach müsste er eigentlich Schluss machen, doch was ist schon normal bei van Gaal?

Hinter Münchens selbst ernanntem Allvater platzierte sich Felix Magath. Auch er hat offenbar übermenschliche Fähigkeiten, anders ist die Renaissance auf Schalke nicht zu erklären. Trotz finanzieller Querelen beförderte Magath den darbenden Klub mit jungen Talenten wie Joel Matip und Christoph Moritz wieder in die Champions League. Eine ebenso große Tat wie zuvor der Gewinn der Meisterschaft mit dem VfL Wolfsburg. 37 Prozent der Befragten sahen deshalb in Magath den Trainer der Saison. Weit dahinter folgt Christian Gross, der Stuttgart nicht nur vor dem Abstieg rettete, sondern mit dem Team die beste Rückrunde unter allen 18 Klubs hinlegte. Der Lohn für den Schweizer und den VfB: die Teilnahme an der Europa League.

Trainer-Flop der Saison

Nach der Hinrunde wäre vermutlich auch noch Bruno Labbadia in oben stehender Kategorie aufgetaucht. Mit dem Hamburger SV hatte der Trainer für Furore gesorgt, sein Offensivfußball mit den feinen Technikern Eljero Elia und Ze Roberto beförderte den Klub gar an die Tabellenspitze. Doch dann kam es wie so oft in der Hansestadt: Dem Verletzungspech (Kreuzbandriss bei Guerrero und Benjamin, Bänderriss bei Ze Roberto, Riss der Peroneussehne bei Petric) folgte der Absturz in der Liga. Labbadia, von Präsident Bernd Hoffmann als Symbolfigur für den angestrebten Systemfußball auserkoren, verlor im Trubel zusehends die Bindung zur Mannschaft, legte sich (wie schon zuvor in Leverkusen) mit Stars an und mimte bis zu seiner Entlassung vor zwei Wochen den eingeschnappten Trainer.

Für die Fans scheint Labbadia dennoch der Hauptschuldige an der seltsamen Talfahrt des HSV zu sein. 48 Prozent stimmten bei der Frage nach dem Trainer-Flop der Saison für ihn. Erst danach folgen der mit dem VfL Wolfsburg ins Mittelmaß abgestiegene und hernach entlassene Armin Veh (21 %) und Hoffenheims lange Zeit ratloser Ralf Rangnick (14 %).

Mannschaft des Jahres

Ein Ergebnis, über das sich die CSU in Bayern inzwischen vermutlich freuen würde. Satte 50 Prozent vereinigt der Rekordmeister aus München auf sich. Kaum verwunderlich, schließlich kommen Spieler sowie Trainer der Saison gleichsam aus Bayerns Landeshauptstadt, auch der Rookie der zurückliegenden Spielzeit kickt für die Münchner. Die Ernennung zur Mannschaft des Jahres ist also Folge einer geschickten Einkaufspolitik und Talentförderung. Einzig der inzwischen zum Ehrenpräsidenten aufgestiegene Franz Beckenbauer mäkelte zuletzt, der Gewinn des 22. Meistertitels entspringe nicht nur der Übermacht der Bayern, sondern auch der Inkonstanz der Mitbewerber. Den Fans mag das egal sein. Hinter den Bayern sehen sie lange nichts, dann erst kommen Schalke (27?%) und Borussia Dortmund (neun Prozent) auf Rang zwei und drei.

Team-Flop des Jahres

Seit einer Woche schon trägt die Hauptstadt Trauer, zumindest der westliche Teil der Metropole, wo Hertha die meisten Fans rekrutiert. Der Abstieg ist Folge einer missratenen Transferpolitik, die erst im Winter mit drei Nachkäufen korrigiert wurde. Zu spät bei da nur sechs Punkten. Zudem entschied sich Manager-Neuling Michael Preetz für Friedhelm Funkel als Retter – eine fatale Fehleinschätzung. 13 Jahre nach dem umjubelten Aufstieg ist der Klub aus der Hauptstadt nur noch zweitklassig. In der nächsten Saison kommt es nun aber immerhin zum Lokalderby mit Union Berlin.


Rookie der Saison

Vor der Saison bemühte sich Hoffenheim um Thomas Müller, bestimmt wäre im Kraichgau die Saison mit dem Münchner Himmelsstürmer anders verlaufen. Doch der Offensivmann blieb trotz scheinbar übermächtiger Konkurrenz (Klose, Gomez, Olic, Toni) bei den Bayern und stieg unter dem für seine Talentförderung bekannten Louis van Gaal zum Rookie der Saison auf. 13 Ligatore schoss Müller und weckte Erinnerungen an einen Namensvetter mit Kultstatus in München: Gerd Müller netzte einst 365 Mal in der Liga ein. Nachfolger Thomas ist ja erst 20 Jahre alt, er hat noch Zeit.

Den Aufstieg des Offensivallrounders zur Stammkraft hat auch Bundestrainer Joachim Löw dankbar registriert. Am Donnerstag berief er Müller in den vorläufigen WM-Kader, in dem sich auch der Zweitplatzierte des Rankings wiederfindet: Toni Kroos. In Leverkusen zeigte der sensible Techniker, dass Uli Hoeneß vor drei Jahren nicht Unrecht hatte mit seiner Ankündigung, Kroos werde das Trikot mit der Nummer 10 in München für sich beanspruchen. Nach der WM kehrt der elegante Mittelfeldspieler zurück nach München und soll dort kurz- oder mittelfristig Franck Ribery beerben. Es gibt offenbar schlechtere Orte zum Arbeiten.