Dariusz Wosz war zum Heulen zumute. „Ich möchte mich bei allen Fans entschuldigen“, sagte der Interimstrainer des VfL Bochum und kämpfte mit den Tränen. Fast 20 Jahre sei er nun beim VfL, aber so etwas Trauriges wie den sechsten Abstieg des Vereins, mit dem er sich über alle Maßen identifiziert, habe er noch nie erlebt. „Das war Angsthasenfußball“, sagte der frühere Spielgestalter, der am vorletzten Spieltag als Last-Minute-Retter installiert worden war und am Samstagnachmittag, 17.20 Uhr, feststellen musste, dass er einer leblosen Mannschaft keinen Mut mehr hatte verleihen können.
Während Wosz im Kabinentrakt den Verlust der Erstklassigkeit betrauerte und die Spieler nach ihrer katastrophalen Leistung beim 0:3 (0:3) gegen Hannover 96 ratlos waren, entlud sich im Innenraum des Stadions und auf dem Vorplatz die Wut der Fans. Mehrere Dutzend teilweise vermummte Hooligans hatten nach Schlusspfiff versucht, das Spielfeld zu stürmen. Es wurden Steine, Stühle und Toilettendeckel geschleudert. Nach Angaben der Polizei wurden 66 Personen verletzt, darunter drei Polizisten. 20 Randalierer wurden festgenommen. Die Polizei setzte Schlagstöcke und Pfefferspray ein. Ein Ordner musste ärztlich behandelt werden, nachdem er von einem Plastikstuhl am Kopf getroffen worden war. Vor dem Stadion versuchten etwa 200 Personen, eine Polizeikette zu durchbrechen. „Die Frustration kann ich ein Stück weit nachvollziehen“, sagte Sportvorstand Thomas Ernst: „Wobei die Gewalt, die daraus entstanden ist, zu verurteilen ist.“
Dem VfL Bochum, aufgrund seiner langjährigen Historie als Fahrstuhlverein vermeintlich krisenerprobt, droht eine Zerreißprobe. Die Geduld der Anhänger scheint erschöpft zu sein. Bereits nach einer halben Stunde Spielzeit wurde auf der Osttribüne ein Transparent mit der Aufschrift „Altegoer raus“ entrollt. Der 74 Jahre alte Unternehmer, der erst als Vorsitzender des Wirtschaftsrats, dann als Präsident und seit 2002 als Chef des Aufsichtsrats die Geschicke des Traditionsvereins bestimmt, wird für allerlei Fehlentwicklungen verantwortlich gemacht.
Dabei war dem VfL bislang nach jedem Abstieg immer der direkte Wiederaufstieg gelungen. Auch, weil Altegoers Strategie griff, Spieler grundsätzlich mit Verträgen auszustatten, die auch für die Zweite Liga galten. So ist es auch diesmal. Bis auf Joel Epalle, Diego Klimowicz, Ersatztorhüter Rene Renno und Lewis Holtby (von Schalke 04 ausgeliehen) haben alle Profis gültige Kontrakte für die Zweite Liga. Im Gegensatz zu Vereinen wie Hertha BSC, wo ein Ausverkauf droht, plante Bochum stets zweigleisig. Mit 21 Millionen Euro steht sogar bereits der Etatrahmen für die Zweite Liga.
Doch diesmal könnte sich die vorsorgliche Planung als Nachteil erweisen. Denn es gibt erhebliche Zweifel, ob die aktuelle Mannschaft die sofortige Rückkehr ins Oberhaus bewerkstelligen kann. Hinzu kommt, dass der Kader überaltert ist. „Alle Spieler, die nicht bereit sind, den Bockmist auszulöffeln, den sie angerichtet haben, können kommen und um die Freigabe bitten“, sagte Ansgar Schwenken, der für die Finanzen zuständige Vorstandskollege von Ernst. Doch welcher Verein kauft schon Absteiger aus laufenden Verträgen heraus?
Ob Ernst, dessen Vertrag vor sechs Wochen bis 2011 verlängert wurde, der richtige Mann ist, um einen Umbruch durchzuführen, wird von vielen Anhängern bezweifelt. Schließlich ist Ernst verantwortlich für die Verpflichtung von Trainer Heiko Herrlich, der nach nur einem halben Jahr wieder beurlaubt wurde, weil die Chemie zwischen ihm und der Mannschaft nicht mehr stimmte. Angesichts dieser Gemengelage steht Werner Altegoer, einer der letzten Patriarchen der Bundesliga, wohl vor seiner größten Herausforderung.




