Fussball-Bundesliga

VfL Bochum entlässt Trainer Heiko Herrlich

Vor knapp zwei Wochen wollte der VfL Bochum mit Heiko Herrlich auch in die Zweite Liga gehen, nun haben die Westfalen doch die Nerven verloren und trennten sich zwei Tage vor dem vorletzten Bundesliga-Spieltag von ihrem Trainer. Zu schlecht war offenbar sein Verhältnis zur Mannschaft.

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Als Heiko Herrlich im vergangenen Oktober überraschend als Cheftrainer beim VfL Bochum vorgestellt worden war, überraschte er die Anwesenden durch seine bildhafte Sprache – ein seltenes Phänomen in der „Wir-denken-nur-von-Spiel-zu-Spiel“-Branche. „Die schwachen Tiere“, hatte er referiert, werden schnell durch die „starken Tiere“ aufgefressen. Ein halbes Jahr später ist Herrlich dem Naturgesetz selbst zum Opfer gefallen. Gestern wurde der 38-Jährige mit sofortiger Wirkung von seinen Aufgaben entbunden.

Die „erfolgslosen Wochen“ seien der Grund für die Beurlaubung, erklärte Bochums Sportvorstand Thomas Ernst gestern auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz. Am Mittwochabend waren Ernst, sein Vorstandskollege Ansgar Schwenken und Aufsichtsratschef Werner Altegoer übereingekommen, dass noch vor dem morgigen Bundesliga-Auswärtsspiel gegen Rekordmeister Bayern München Handlungsbedarf bestehe.

„Am Donnerstagmorgen haben wir Herrlich informiert“, so Ernst, der parallel auch Gespräche mit Dariusz Wosz geführt hatte. Wosz, bislang Trainer der Bochumer U19-Mannschaft, soll Herrlichs Job bis Saisonende übernehmen und versuchen, den Klassenverbleib sicherzustellen. Derzeit steht der VfL auf dem Relegationsplatz – mit nur einem Zähler Vorsprung auf den Tabellen-17. Hannover 96.

Die Entlassung ist eine überraschende Kehrwende, schließlich hatte Ernst noch am vergangenen Freitag nach dem 0:2 zu Hause gegen den VfB Stuttgart dem Trainer den Rücken gestärkt. Doch da das Verhältnis zwischen Herrlich und entscheidenden Spielern hoffnungslos zerrüttet gewesen sein soll, sah sich Ernst zum Handeln gezwungen, auch wenn er gestern betonte: „Die Eskalation war nicht ausschlaggebend.“ Er verwies lieber auf zehn sieglose Spiele und zuletzt drei Niederlagen in Folge. Allerdings gab er auch erstmals offiziell zu, dass die Chemie zwischen Trainer und Team offenbar schon seit längerem nicht mehr stimmte.

So hatte sich zuletzt Joel Epalle öffentlich über Herrlich beschwert. „Ich war immer loyal, habe immer meinen Mund gehalten. Alles würde ich dafür tun, den VfL in der Bundesliga zu halten, aber mit diesem Trainer macht es für mich keinen Sinn“, wurde der Kameruner von der „Bild“ zitiert. Zuvor soll Herrlich dem Stürmer Vorhaltungen gemacht haben, weil dieser sich geweigert hatte, im Training Schienbeinschoner zu tragen.

Bereits seit Wochen gab es immer wieder Kontroversen über Herrlichs Führungsstil. Sein Umgangston sei rüde, speziell zu den erfahrenen Spielern würde der frühere Jugendtrainer des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) keinen Draht finden, hieß es hinter vorgehaltener Hand. Für die Tatsache, dass solche Vorwürfe öffentlich wurden, machte Herrlich wiederum illoyale Mitarbeiter verantwortlich. „Wenn ein Peter Neururer von Mangel an Respekt bei uns redet, muss man mal recherchieren, wieso er das beurteilen kann“, hatte er vor einer Woche gesagt und von Leuten gesprochen, die „Dinge nach außen tragen“. Ein versteckter Vorwurf an Nachwuchskoordinator Frank Heinemann, Amateurtrainer Nico Michaty, Physiotherapeut Jürgen Dolls und Vereinsarzt Dr. Karl-Heinz Bauer, die mit dem früheren Bochumer Trainer befreundet sind.

Doch woran scheiterte Herrlich wirklich? Vor allem wurde er Opfer seiner eigenen Ungeduld. Er hatte hochtrabende Pläne, wollte den VfL reformieren und die überalterte Mannschaft verjüngen. Doch nach einem Zwischenhoch von acht Spielen ohne Niederlage in Folge wurde er von der Realität eingeholt – im Abstiegskampf hätte Herrlich dann Spieler, die er offenbar aussortieren wollte, dringend gebraucht. Die allerdings schmollten und verweigerten den Gehorsam. Wohl auch um den Betriebsfrieden wiederherzustellen, trennte sich der VfL von Herrlich. „Es ist immer ein Risiko, wenn du einen Neuling nimmst“, sagte Ernst gestern, obwohl auch Nachfolger Wosz kaum über Erfahrung verfügt. Nun gehe es aber darum, „den Hebel umzulegen“ und nach dem „letzten Strohhalm“ zu greifen, floskelte der Sportdirektor.

Wosz wirkte beim ersten Auftritt als Interimschef wie ein Kontrast zu seinem Vorgänger. „Wir dürfen keinen Köttel in der Hose haben“, verkündete er mit Blick auf das Bayern-Spiel und versprach, es werde „eine echte Mannschaft auf dem Platz“ stehen. Die Prosa der Pressekonferenzen ist mit Herrlich aus Bochum verschwunden.