Am Sonntag spielt die deutsche Nationalmannschaft im Achtelfinale der WM gegen England. Auf der Tribüne wird Theo Zwanziger mitzittern. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) glaubt an Deutschlands Titelchancen, die integrative Kraft der Nationalspieler und gibt zu, dass es einen Plan B zu Bundestrainer Joachim Löw gibt: Matthias Sammer.

Morgenpost Online: Herr Zwanziger, die Vorrunde ist überstanden. Ihre Erleichterung dürfte groß sein.

Theo Zwanziger: Unsere junge Mannschaft hat sich gut geschlagen und ist verdient in das Achtelfinale eingezogen. Das war das Minimalziel. Natürlich bin ich erleichtert, denn es wäre das erste Ausscheiden einer deutschen Mannschaft nach der WM-Vorrunde gewesen. Das hätte natürlich Kritiker auf den Plan gerufen. Daher bin ich froh, dass uns das erspart geblieben ist. Jetzt kommen die großen Gegner, und jedes Spiel bietet quasi eine 50:50-Chance. Ich hoffe, dass wir jetzt beweisen, dass wir eine Turniermannschaft sind und unser großes Ziel erreichen: ins Finale zu kommen und den Titel gewinnen.

Morgenpost Online: Glauben Sie, dass das mit der jungen deutschen Mannschaft realistisch ist?

Zwanziger: Ja, aber natürlich wird es nicht einfach. Man kann nicht in ein Achtelfinale gegen England gehen und sagen: ‚Die hauen wir weg’. Aber jetzt fängt der Teil der Welt-meisterschaft an, auf den Joachim Löw mit seinen Spielern hingefiebert hat: das Messen mit den Großen des Weltfußballs. Jetzt kommen die Klassiker.

Morgenpost Online: Hand aufs Herz: Hätte Joachim Löw bei einem Vorrunden-Aus weitergemacht?

Zwanziger: Das ist für mich schwer einzuschätzen. Er hätte sich sicher seine Gedanken gemacht. Ich hätte jedoch alles versucht, um ihn zu überzeugen, dass er Bundestrainer bleibt. Mir gefallen sein Charakter und sein Können. Warum hätte man alles wegwerfen sollen, was gut funktioniert? Ich glaube auch, dass weite Teile der Bevölkerung es begrüßt hätten, wenn er nach einem Scheitern weitergemacht hätte. Allerdings bin ich froh, dass dieses Szenario ausgeblieben ist. Ich bin ja nicht weltfremd und weiß, dass eine solche Entscheidung nicht vom DFB im stillen Kämmerlein getroffen werden kann, sondern öffentliche Unterstützung braucht und vom Vertrauen getragen werden muss.

Morgenpost Online: Gab es einen Plan B?

Zwanziger: Wir alle wissen, wie es nach der EM 2004 war, als Rudi Völler zurückgetreten ist. Plötzlich stand der DFB nach der Absage von Ottmar Hitzfeld ohne Bundestrainer da. Eine solche Situation soll und wird es nicht mehr geben. Aber Plan B darf nie heißen, dass Plan A nicht mit aller Energie verfolgt wird. Da ich aber auf einen anderen, in diesem Fall Joachim Löw, angewiesen bin, muss der Verband gewappnet sein, um eine schnelle Entscheidung treffen zu können.

Morgenpost Online: Ist Matthias Sammer einer der potenziellen Nachfolger?

Zwanziger: Der Sportdirektor des DFB gehört zu denen, die eine solche Aufgabe wahrnehmen könnten. Die Qualifikation dafür hat er zweifelsfrei. Er ist jetzt fünf Jahre beim DFB. In dieser Zeit sind Spieler wie Toni Kroos, Mesut Özil oder Thomas Müller in den Junioren-Mannschaften zu dem geworden, was sie heute sind. Das ist mit sein Verdienst. Aber auch Löws Co-Trainer Hansi Flick ist jemand, der mir gefällt. Er ist ein absoluter Fachmann.

Morgenpost Online: Glauben Sie denn, dass Löw jetzt, nach dem Überstehen der Vorrunde, weitermacht?

Zwanziger: Ich denke, dass die Chancen gestiegen sind. Aber er wird sich nach erst nach der WM darüber Gedanken machen. Jetzt ist sein Fokus nur auf das Turnier gerichtet. Ich weiß, dass er sehr an dieser Mannschaft hängt. Vielleicht ist das unser stärkstes Argument für eine Vertragsverlängerung. Aber man muss auch respektieren, dass Trainer sich auch verändern und ins Ausland wechseln oder eine Vereinsmannschaft übernehmen wollen. Ich denke, dass auch solche Überlegungen bei Joachim Löw eine Rolle spielen könnten. Bundestrainer ist nun mal kein Beamtenjob, wo man mit 65 Jahren in Rente geht.



Morgenpost Online: Die deutsche Mannschaft ist gespickt mit sehr jungen Spielern. Wie begegnen Sie ihnen?

Zwanziger: Ich begegne ihnen so respektvoll, wie die jungen Leute mir begegnen. Die meisten könnten ja meine Enkel sein. Ich bin als Leiter der Delegation nur im weitesten Sin-ne Mitglied dieses Teams, darum dränge ich mich nicht in diese Mannschaft hinein. Ich wahre Distanz. Wir sitzen schon mal beim Mittagessen zusammen, aber ich gehe dann nicht von Tisch zu Tisch oder veranstalte ein Kaffeekränzchen. Ich bin kein Kumpelpräsident, meine Ansprechpartner sind die Trainer. Vor dem Turnier habe ich wie vor jedem Turnier zur Mannschaft gesprochen und sie an ihren gesellschaftlichen Auftrag erinnert, der mir sehr wichtig ist. Und ich habe ihnen gesagt, dass ich sehr stolz bin, dass die Mannschaft in der jetzigen Zusammensetzung eine deutsche Nationalmannschaft ist.

Morgenpost Online: Sie meinen wegen der vielen Spieler mit Migrationshintergrund?

Zwanziger: Ja. Wir sind stolz auf die Wege, die Spieler wie beispielsweise Mesut Özil und Jerome Boateng gegangen sind. Ich spüre, wie stolz sie sind, deutsche Nationalspieler zu sein. Bei uns wird niemanden gezwungen, seine Wurzeln aufzugeben. Wir weisen aber schon darauf hin, dass man als deutscher Staatsbürger und jemand, der dieses Land lieben gelernt hat, auch etwas als Nationalspieler zurückgeben kann. Aber es ist immer der freie Wille der Spieler. Das ist es, was zählt.

Morgenpost Online: In Deutschland wird von den neuen Einflüssen geschwärmt, die in die Nationalelf eingebracht werden. Ist diese Mannschaft ein Multikulti-Modell, das auch in der Gesellschaft umgesetzt werden könnte?

Zwanziger: Zunächst mal ist es ein enormer sportlicher Gewinn, der ein-gebracht wird. Aber auch für die Integrationsbemühungen in Deutschland ist so eine Nationalmannschaft von unschlagbarem Wert. Nehmen Sie allein die Entscheidung, dass Mesut Özil für Deutschland spielen will. In meinem Heimatort Altendiez habe ich einen kleinen Freund, ein Nachbarsjunge. Der ist Türke und heißt Albert. Der wollte unbedingt, dass ich ihm ein Trikot von Özil besorge. Ein Deutschland-Trikot. Das ist ein tolles Beispiel, das symbolisch für viele andere steht.

Morgenpost Online: Und? Haben Sie?

Zwanziger: Natürlich, sonst hätte er keine Ruhe gegeben. Das Trikot zieht er kaum noch aus.

Morgenpost Online: Sie sehen die Nationalmannschaft als Triebfeder der nationalen Integrationsbemühungen?

Zwanziger: Natürlich. Immer, wenn ich mit Politikern spreche, sage ich: ‚Nutzt das. Unterstützt unsere Integrationskraft und nicht irgendwelche Exotenprojekte, die nichts bringen’. Die Menschen identifizieren sich so stark mit dem Fußball. Die Politik muss die Möglichkeit jetzt nutzen, die ihr der Sport bietet. Jetzt ist die Chance auf ein modernes, tolerantes Deutschland, in der die Leute vielleicht ein bisschen anders aussehen, als es die ewig Gestrigen sich wünschen. Was in der Nationalmannschaft vorgelebt wird, lässt sich auch in allen anderen Gesellschaftsfeldern erreichen.

Morgenpost Online: Wo wir bei Chancen sind: Wird Südafrika nachhaltig von der WM profitieren?

Zwanziger: Sie wird nicht in jedem Aspekt so nachhaltig sein wie die WM 2006 in Deutschland. Bei den Stadion zum Beispiel. Da bedarf es einer gut funktionierenden Liga, um solche Prachtbauten zu füllen. Im Straßenbau und Transportwesen dürfte Südafrika allerdings auch langfristig von der WM profitieren. Nachhaltig wird das Turner aber vor allem, wenn die Afrikaner am Ende sagen können: Wir haben etwas geschafft, was man eigentlich nur den Europäern zugetraut hat – eine WM nahezu perfekt zu organisieren. Dieses nationale Selbstbewusstsein ist mit Geld gar nicht zu bezahlen.

Morgenpost Online: Allerdings sind die meisten afrikanischen Mannschaften ausgeschieden.

Zwanziger: Tja, das ist leider ein Phänomen. Ich habe mir sportlich mehr von den Afrikanern erwartet, da bin ich ehrlich. Warum sie hier nicht erfolgreich waren, weiß ich allerdings auch nicht.

Morgenpost Online: Und was ist mit Frankreich und Italien, den Finalisten von 2006?

Zwanziger: Erfolg macht oftmals satt, er verschließt den Blick für die notwendigen Aufgaben, speziell bei der Nachwuchsförderung. Wir Deutschen haben das in den 90er-Jahren doch auch spüren müssen, als wir nach WM- und EM-Gewinn in ein Loch gefallen sind. Bei Italien als auch Frankreich wurde übersehen, dass eine Reihe von Spielern ihren Zenith mittlerweile überschritten haben. Beide Länder werden nun das gleiche machen müssen, was der DFB nach der EM 2000 machen musste: die Nachwuchsförderung überdenken und einen Umbruch einleiten. Für Frankreich sehe ich eine gute Chance, weil sie als Ansporn haben, 2016 bei der EM im eigenen Land wieder ganz vorne mitzuspielen.

Morgenpost Online: Und Italien?

Zwanziger: Für Italien sehe ich einen schwierigeren Weg. In ihrer Liga spielen fast nur Ausländer auf den Schlüsselpositionen. Die Stadien sind nicht sonderlich modern, sie haben kein internationales Tur-nier im eigenen Land in Sicht. Vielleicht sollten sie mal darüber nach-denken, die Arbeit in ihren Klubs zu überdenken.

Morgenpost Online: Beim Spiel der Dänen gegen Japan musste sich ein Spieler ein weiße Tapeband auf dem Stutzen rot anmalen, damit es sich farblich nicht abhebt. Ist die WM überreguliert?

Zwanziger: Es ist vielleicht wirklich so, dass eine Organisation wie die Fifa bisweilen etwas übertrieben bürokratisch reagiert. Es gibt ein Re-gelwerk und ein Protokoll. Dort steht aus vermeintlich guten Gründen, wie Sachen zu sein haben. Diese Regeln sinnvoll umzusetzen, ist die Kunst daran. Wenn die Leute, die beispielsweise das Tapeverband anma-len lassen, sollten den Sinn ihres Handeln überdenken. Das setzt aber Freiheit im Handeln voraus. Wenn über diesen Leuten jedoch jemand steht, der sie dafür in den Senkel stellt, wird auf sinnlosen Details beharrt. Das ist leider in bürokratischen Prozessen manchmal so. Dass ist auch bei den Schiedsrichtern so. Wenn die nicht jemanden hätten, der auf der Tribüne sitzt und jedes kleine Abweichen vom Regelwerk mit Minuspunkten bewerten, könnten sie ihre guten Leistungen als starke Persönlichkeiten sicherllich noch weiter steigern.

Morgenpost Online: Abschließend: Was erwarten Sie für das England-Spiel am Sonntag?

Zwanziger: Ich erwarte eine leidenschaftliche Leistung von einer Mannschaft, die ihre großen spielerischen Fähigkeiten abrufen kann. Wenn das gelingt, habe ich große Hoffnung zu gewinnen. Der Kopf muss frei sein. England ist ein dankbarer Gegner, er ist mir lieber als jeder andere. Die Mannschaft kann befreiter aufspielen als gegen Ghana. Wenn es schlussendlich mit einem Sieg nicht klappt wird das den deutschen Fußball aber nicht umwerfen.