Mit einer sensationellen Aufholjagd und dem ersten Sieg seit knapp 50 Jahren über Tschechien hat die türkische Fußball-Nationalmannschaft das Viertelfinale der EM erreicht. Durch drei späte Treffer von Arda (75.) und Nihat (87. und 89.) qualifizierte sich der WM-Dritte von 2002 nach einem 0:2-Rückstand mit einem 3:2 (0:1) im „Endspiel“ der Gruppe A zum zweiten Mal für das Viertelfinale einer EM-Endrunde.

Dort treffen die Türken, die in der Nachspielzeit noch Torhüter Volkan wegen einer Tätlichkeit an Jan Koller verloren (90.+2), am Freitag im Wiener Ernst-Happel-Stadion auf Kroatien, das sich bereits vor dem letzten Spieltag als Sieger der deutschen Gruppe B durchgesetzt hatte. "Es wird hoffentlich noch besser", sagte der türkische Nationaltrainer Fatih Terim, "ich habe gesagt, man wird sich an uns erinnern. Das habe ich nach dem Spiel gegen die Schweiz gesagt, und ich sage das heute wieder.“

Begünstigt wurde die Aufholjagd der Türken, die Arda eingeleitet hatte, durch einen haarsträubenden Fehler des ehemaligen Welttorhüters Petr Cech, der vor dem Ausgleich eine Flanke vor die Füße von Nihat fallen ließ. „Wir haben 2:0 geführt, wir hätten das Spiel nur noch zu Ende bringen müssen. Dann haben wir ein Gegentor bekommen und sind zu weit nach hinten gerückt. Wir haben Fehler gemacht, es tut uns leid“, sagte der fassungslose tschechische Mannschaftskapitän Tomas Ujfalusi. „Das erste Gegentor kann passieren, das zweite war ein individueller Fehler, das dritte ein kollektiver Kollaps. So ein Spiel am Ende noch zu verlieren, ist unfassbar", so Tschechiens Trainer Karel Brückner.

Rekordtorjäger Koller mit seinem 55. Länderspieltreffer (34.) und Jaroslav Plasil, der nach einer Flanke des starken Libor Sionko den Ball aus kurzer Distanz über die Linie drückte (62.), hatten die Tschechen mit 2:0 in Führung gebracht. Die drei späten Tore der Türken beendeten die Karriere des tschechischen Nationaltrainers Karel Brückner, der seit 2001 die „Reprezentace“ trainiert und zu allen großen Turnieren geführt hatte. Beim 1:0 spielte Koller seine gefürchtete Kopfballstärke aus. Nach einer Flanke von Zdenek Grygera überwand der 35-Jährige aus sechs Metern Torhüter Volkan. Der Nürnberger war von Brückner wieder für Milan Baros, den EM-Torschützenkönig von 2004, in die Anfangsformation zurückgeholt worden.

Vor 30.000 Zuschauern in Genf, darunter Fifa-Präsident Joseph S. Blatter und Uefa-Chef Michel Platini, waren die Tschechen zunächst die aktivere Mannschaft. Doch auch sie gingen wenig Risiko ein. Die erste Chance hatte Koller, der Nürnberger setzte nach einem Freistoß von Marek Jankulovski den Ball per Kopf über das Tor (11.).

Türken erst nach dem Seitenwechsel offensiver

Die Türken begannen abwartend und konzentrierten sich zunächst auf die Defensive. Erstmals gefährlich vor das tschechische Tor kam die Mannschaft von Trainer Terim in der 17. Minute: Tuncay verfehlte mit einem Schuss aus 20 Metern allerdings knapp das Ziel. Spielbestimmend blieb jedoch der Europameister von 1976. Vor allem über Sionko auf der rechten Seite liefen die Angriffe. Nach einer Hereingabe des Mittelfeldspielers des FC Kopenhagen rettete Servet vor dem einschussbereiten Koller (22.). Dann schoss Sionko von der Strafraumgrenze über das Tor (25.). Anschließend war Torhüter Volkan nach einer Flanke von Jankulovski schneller am Ball als Sionko (33.).

Nach dem Seitenwechsel verstärkten die Türken, angetrieben von Bayern-Profi Hamit Altintop, ihre Angriffsbemühungen. "Unser Trainer hat gut umgestellt. Er hat mich ins Mittelfeld gestellt, dadurch haben wir organisierter gespielt", sagte Altintop. Vor allem Nihat hatte mehrmals die Chance zum Ausgleich. Zunächst verfehlte der Stürmer vom spanischen Erstligisten FC Villarreal knapp das Tor (47.), dann war David Rozehnal knapp vor Nihat am Ball (51.), schließlich wehrte Torhüter Petr Cech einen Kopfball des 28-Jährigen ab (53.). Nachdem Koller bei einem Konter noch das 2:0 verpasst hatte (61.), sorgte Plasil für die vermeintliche Vorentscheidung.

Matchwinner Nihat hält jetzt alles für möglich: "Wir haben jetzt Geschichte geschrieben und schreiben sie weiter. Jetzt kommt Kroatien, und auch die können wir schlagen. Wir haben schlecht gespielt und gewonnen, was passiert, wenn wir gut spielen?"

sid/tsch