Was zum Jubeln war in dieser Berliner EM-Woche, was zum Auspfeifen, was wir in der zweiten Woche wieder erleben wollen und was nicht:
Sonntag, 20.45 Uhr, Kulturbrauerei
Die Fans bekennen Farbe. Geschminkte Gesichter, schwarz-rot-goldene Perücken, Hunderte Fähnchen. Letztere wehen seit Tagen auch schon an vielen Autos - und längst nicht alle davon haben deutsche Fahrer. Beliebt in diesem Jahr Kombinationen: Türkisch-Deutsch, Kroatisch-Deutsch, Polnisch-Deutsch. Berlin macht seinem Ruf als multikulturelle Metropole alle Ehre. Den Fans sei Dank.
Montag, 22.20 Uhr, Bar Blaumilchkanal
Vor der Leinwand an der Schivelbeiner Straße feiert die Künstlergruppe White Elephant Collective. Fotografie und Malerei haben Pause. Es spielen die Niederlande - das Heimatland der meisten "weißen Elefanten" - und sie spielen sensationell. 1:0, 2:0, 3:0, das gute Dutzend Holländer in der Kneipe ist im Zustand der Verzückung. Und die etwa gleich große deutsche Fangemeinde feiert ausgelassen mit, bejubelt Tore und Spielwitz der Oranjes. Was ist aus der ewigen Fußball-Feindschaft geworden? Vielleicht liegt es daran, dass die meisten Teilnehmer der holländisch-deutschen Party 1974 noch nicht geboren waren. Vielleicht liegt es auch am Gegner der Niederländer. Der heißt an diesem Abend Italien. Wie auch immer: Oranje boven!
Mittwoch, 15 Uhr, Vereinslokal Türkiyemspor
Zeitungen haben vom "Hassduell" der Türken gegen die Schweizer geschrieben. Vereinsmanager Fikret Ceylan wirbt um Entspannung. "Wir sind Sportler", sagt er. "Wir müssen Respekt haben, auch für den Gegner." Sein Verein ist kürzlich mit dem Integrationspreis des DFB ausgezeichnet worden. Zu Recht, finden wir.
Donnerstag, 17.50 Uhr, Bundespressestrand
Fußball-Fan Dennis Saric, ganz in Kroatien-Kluft und mit Fahne, sitzt mit seinem Bruder im Sand mitten unter den Deutschland-Fans und sagt kurz vor Anpfiff: "Wir werden heute am Kudamm feiern, so oder so. Wenn Deutschland gewinnt - auch egal. Schließlich bin ich hier aufgewachsen." Toll, wenn das Herz für mehrere Mannschaften schlägt. Hebt die Stimmung und die Feier-Chancen. Und ist allemal besser als sich gegenseitig anzupöbeln. Daumen hoch für Doppel-Fan!
Sonnabend, 22.35 Uhr, Biergarten Grunerstraße
Die Türkei verliert gegen Portugal. Ein wütender Gast schmettert einen Aschenbecher gegen den Fernseher und beschädigt den Bildschirm. Fünf Minuten später schleudert am Kapelle-Ufer ein Fußball-Fan ein Bierglas gegen einen BVG-Bus. Das Glas durchschlägt eine Seitenscheibe des Wagens und verletzt einen 22-jährigen Fahrgast leicht an der Schulter. Das gibt die Rote Karte. Schlechte Verlierer braucht niemand.
Donnerstag, 18.24 Uhr, Bundespressestrand
In der ersten Halbzeit fällt das 1:0 für Kroatien. Die Kroatinnen Sabina und Kristina springen aus dem Sand, tanzen, hüpfen, kreischen, singen und wedeln mit der Fahne. Ein paar deutsche Spielverderber zischen: "Setz dich hin" und "halt die Klappe". Wir meinen: Unsouverän. Egal ob "Hrvatska!" oder "Deutschlaaand!", egal für welches Team - man wird sich doch wohl laut freuen dürfen!




