Das Kribbeln, sagt Jens Lehmann, kommt immer ein paar Stunden vor Spielbeginn. Und je mehr seine Anspannung steigt, umso besser wäre es, sagt er auch noch, wenn er danach nicht mehr angesprochen wird. Deutschlands 38 Jahre alter Nationaltorhüter möchte sich gern in Ruhe auf das bevorstehende Spiel konzentrieren.
Gerade jetzt wäre es besonders gut, wenn sich die Kollegen an die Gewohnheiten ihres Torhüters erinnern. Denn an das letzte Spiel gegen Österreich haben die Deutschen nicht die besten Erinnerungen – obwohl Lehmann am 6. Februar in Wien ohne Gegentor blieb, zeigte er das mit Abstand schlechteste Spiel seit er im April 2006 zur Nummer eins aufgestiegen war.
Lehmann hatte beim Länderspielstart des Jahres, das in Hälfte zwei mit 3:0 entschieden wurde, erstmals Unsicherheiten gezeigt. Er ließ den Ball prallen und verschätzte sich bei Flanken und Ecken. Im Anschluss war nicht klar, was peinlicher war: Das völlig orientierungslose Spiel der deutschen Elf in Hälfte eins oder die selbstgefällige Art, mit der Lehmann seine Leistung erklärte: „Ich habe einen Fehler gemacht und bin falsch raus gekommen. Aber wer so risikoreich spielt wie ich, kann nicht jeden Ball bekommen. Außerdem ist nichts passiert.“
Seither sind 131 Tage vergangen. Lehmann hat sich zwar gesteigert, der große Rückhalt ist er wegen des Mangels an Spielpraxis bei Arsenal London aber noch immer nicht. Auch gegen Polen und Kroatien wusste der künftige Stuttgarter nicht vollends zu überzeugen, obwohl ihn an den Treffern der Kroaten (1:2) keine Schuld traf. Doch Lehmann hielt einige Bälle erst im Nachfassen und leitete nur selten – sonst eine seiner Stärken – das deutsche Spiel mit einem schnellen Abwurf oder Abschlag ein.
Einzelgespräch zwischen Löw und Lehmann
Trotz der angespannten Ausgangslage ist Jens Lehmann überzeugt, dass sich die Mannschaft anders als gegen Kroatien präsentiert. Sie habe oft genug gezeigt, wozu sie fähig sei, und werde dies auch gegen Österreich beweisen.
Wie viele Teamkollegen hatte auch Lehmann in den vergangenen Tagen ein Einzelgespräch mit Bundestrainer Löw. Sie tauschten sich aus und sprachen darüber, was im Spiel der Deutschen besser werden müsse. Zudem zählte Lehmann zu jenem Kreis der Spieler, die am Freitag einen Kurzbesuch von ihren Frauen oder Freundinnen bekamen. Die Spieler sollten, so dachte sich Löw, mal Ablenkung bekommen.
Damit sie heute gegen Österreich wieder voll bei der Sache sind. Im Fall Lehmann setzt der Bundestrainer vor allem auch auf dessen Erfahrung von 57 Länderspielen. Lehmann sei, so Löw, „durch seine Anwesenheit und sein Torwartspiel ein großer Rückhalt für das Team ist“. Zudem ist der Torwart für Löw auch der Ausgangspunkt einer Achse in der deutschen Elf, die mit dem Torhüter, Innenverteidiger Per Mertesacker, Kapitän Michael Ballack sowie Miroslav Klose als wichtig und unverzichtbar gilt.
Jens Lehmann weiß, dass es in Wien auch auf ihn ankommt und er wieder einmal darauf überprüft wird, ob er den Ansprüchen an die Nummer eins noch genügt. Wie sehr er aber vor allem von seinen Kritikern mittlerweile genervt ist, hatte er sie vor dem Auftaktspiel gegen Polen spüren lassen, als er sich im Medienzentrum vor den Journalisten aufbaute und sie fragte: „Soll ich stehen bleiben? Dann biete ich mehr Angriffsfläche.“ Hoffentlich wehrt er die Angriffe der Österreicher heute ebenso selbstbewusst ab.

