Basketball

Obradovic warnt seine Spieler vor Provokationen der Bayern

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Dietmar Wenck

Foto: Christina Pahnke/sampics / pa/

Der Weg ins Finale um die Deutsche Meisterschaft führt für Alba nur über Titelverteidiger Bayern München. Vor dem ersten Aufeinandertreffen am Sonntag nennt die Morgenpost die Vorteile beider Teams.

Es war bisher nicht bekannt, dass Sasa Obradovic die Neigung hat, sich selbst seelische Schmerzen zuzufügen. Vor dem ersten Spiel der Halbfinalserie um die deutsche Basketball-Meisterschaft am Sonntag (17 Uhr, O2 World) gegen Bayern München jedoch konnte dieser Eindruck entstehen. Da schilderte der Trainer von Alba Berlin, wie er sich im vergangenen Sommer wieder und wieder ein Video angeschaut hatte – das vom vierten Play-off-Endspiel gegen eben diesen Kontrahenten. Die Münchner hatten die Partie 75:62 gewonnen und damit auch den Titel. Besonders das letzte Viertel, das mit 14:22 verloren ging, wurmte den Coach. Die Frage quälte ihn: „Warum haben wir aufgehört, unser Spiel zu spielen? Warum haben wir sie ihr Spiel spielen lassen?“

Viele individuelle Auszeichnungen

Ob er darauf die passende Antwort gefunden hat, muss sich jetzt zeigen. Erneut treffen beide Mannschaften im Kampf um die Nummer eins in Deutschland aufeinander, wie im Viertelfinale 2012/13 (3:0 für München) und im besagten Finale 2013/14 (3:1 für München). Obradovic hat sich den Titelverteidiger sogar als Gegner gewünscht und, als es so weit war, den TV-Mitschnitt noch einmal herausgeholt. Sein Entschluss heute ist der gleiche wie im Sommer 2014: „Dieses Mal will ich stärker sein.“

Das wird man nicht automatisch für eine Play-off-Runde. Man muss sich die nötige Verfassung schon hart erarbeiten. „Wir haben den Finaleinzug mehr verdient“, sagt der 46-Jährige, rückblickend auf eine Saison mit Bundesliga-Tabellenplatz zwei, europaweit bestaunten Auftritten in der Euroleague und etlichen individuellen Auszeichnungen (BBL-Trainer des Jahres/Obradovic, wertvollster Spieler/Jamel McLean, bester Verteidiger/Clifford Hammonds). Die Bayern dagegen? „Sie können diese Saison jetzt noch retten“, sagt Obradovic. Eine Spielzeit, in der es in der Euroleague, im Eurocup, im BBL-Pokal und in der Liga durch die Bank nur Enttäuschungen gab. Trotz einer Münchner Bank, von der ein Großteil der Bundesligisten sehr gern seine Startformation bestücken würde.

Bayern holen oft Punkte durch Bonus-Freiwürfe

Was spricht für wen? Die Bayern haben den höheren Etat und dadurch bessere Individualisten in ihren Reihen. Ihre deutschen Spieler haben fast allesamt große Erfahrung mit engen Spielen. Sie haben die kräftigeren Center und große Stärken im Offensivrebound. Sie verstehen es, häufig bei erfolgreich abgeschlossenen Angriffen auch noch Bonus-Freiwürfe zu bekommen – das bedeutet, sie werden dabei oft gefoult.

Die Berliner haben dafür die Möglichkeit, mit mehr Tempo zu agieren; die schnelleren Füße ihrer Center können sie auch unter dem Korb einsetzen. Sie haben den Heimvorteil auf ihrer Seite. Geht die Serie nach dem Modus „Best of five“ ohne Auswärtssiege über die Bühne, wären sie in einem entscheidenden fünften Spiel Gastgeber. Und sie haben in der Europaliga in vielen engen Spielen gegen große Gegner vom Kaliber Maccabi Tel Aviv, FC Barcelona oder Panathinaikos Athen Siege erzielt und dadurch viel Selbstvertrauen gewonnen.

Berliner setzen vor allem auf den Heimvorteil

Das liest sich auch aus den Aussagen der Spieler. „Es wird hart, aber ich erwarte, dass wir gewinnen“, sagt Alex Renfroe vor dem ersten Spiel. Teamkapitän Alex King glaubt: „Der Heimvorteil spielt eine Riesenrolle. Das hat man ja im letzten Jahr gesehen – da hatten wir ihn nämlich nicht.“ Niels Giffey argumentiert: „Die Statistik spricht für uns.“ In dieser Saison hat Alba von vier Vergleichen drei (alle in der O2 World) gewonnen, nur einen (in München) verloren.

Die Play-off-Statistik sieht jedoch anders aus (6:1 für die Bayern). Obradovic glaubt auch, dass seine junge Truppe mit etwas anderem rechnen muss: „Wir dürfen uns nicht provozieren lassen.“ Die Münchner würden alles einsetzen, vom Ellbogen-Check über ein spitzes Knie hier und da bis zum Trash-Talk. Nur, um den Gegner aus dem Rhythmus zu bringen. „Ich warne meine Spieler in jeder Besprechung davor“, sagt er, „aber „ich jammere nicht darüber. Es ist Play-off! Das gehört zum Spiel dazu.“ Seelische Schmerzen bereitet ihm das nicht. Da muss er schon alte Videos schauen.