Was für ein Jubel, was für eine Begeisterung, welch eine unglaubliche Stimmung: Fans, die sich mit Tränen in den Augen in den Armen lagen, Spieler, die sich überglücklich herzten. Es war wie nach einer Meisterschaft, dabei hatte das Basketballteam von Alba Berlin nur sein Auftaktspiel in der Europaliga-Zwischenrunde gegen den FC Barcelona mit 80:70 (39:40) gewonnen.

Nur? Die Berliner schlugen sensationell einen der ganz Großen. Und das nach einem 0:10-Fehlstart. Jetzt wird jeder, der am Freitagabend in der O2 World war, sagen: Ich bin dabei gewesen. Bei einem spektakulären Sieg an einem denkwürdigen Abend. Grinsend klatschte sich Alba-Coach Sasa Obradovic mit den Fans ab. „Wir haben auch nach dem schlechten Start nicht den Kopf hängen lassen“, meinte Alba-Center Jamel McLean, der 16 Punkte erzielte. Kapitän Alex King sagte: „Ich weiß nicht, wie wir das geschafft haben. Wir haben Charakter, Disziplin und Ehrgeiz gezeigt.“

Startschwierigkeiten überwunden

Obradovic hatte vorher den Druck von seiner Mannschaft genommen. „Wir sind der Underdog. Niemand erwartet von uns, dass wir gewinnen.“ Für die Spanier sah die Ausgangslage komplett anders aus. Klar, „Barca“ ist eines der Topteams in Europa. Seit 1988 ist der Klub 14 Mal im Final Four, dem Turnier der vier Besten, vertreten gewesen. Und genau das ist natürlich auch in diesem Jahr wieder das Ziel. Pikanterweise findet dieses Treffen des Topquartetts diesmal in Madrid statt, in der Halle des Erzrivalen Real.

Bei den hohen Erwartungen, die sich Saison für Saison an die Mannschaft der Katalanen knüpfen, durfte eigentlich ein Spiel gegen ein Team wie Alba Berlin nur eine Pflichtaufgabe sein. Und gerade gegen Größen wie ZSKA Moskau oder Maccabi Tel Aviv hatten die Berliner in der ersten Gruppenphase viel zu viel Respekt gezeigt. „Wir müssen lernen, mit diesen großen Spielen umzugehen“, hatte der Alba-Coach gefordert.

Aber es lief erst einmal ganz anders. Nach drei Minuten stand es 0:10. Die Ausbeute der anfangs ängstlichen Berliner in der Offensive war ernüchternd: Drei Fehlwürfe, ein Offensivfoul, ein Ballverlust. Obradovic, völlig außer sich, brachte gleich mal drei Neue aufs Feld. Und Alex Renfroe (11 Punkte), einer der Eingewechselten, konnte nach vier Minuten den siebten Alba-Angriff endlich mit einem Korberfolg zum 3:10 abschließen. Die Berliner agierten jedoch weiter konfus (5:19).

Ein Punkt Rückstand zur Pause

Kampf und eine stärker werdende Defensive brachten Alba aber danach langsam besser ins Spiel. Nach dem ersten Viertel betrug der Rückstand nach einem 11:4-Lauf lediglich sieben Zähler (16:23). Es ging doch. Die 9379 Fans in der Halle tobten, als Leon Radosevic (16 Punkte) auf 20:23 (11. Minute) verkürzte. Die humorlose Antwort der Spanier – ein Dreier. Jedes kurze Nachlassen bei den Berlinern wurde von Barcelona zwar sofort bestraft, aber jetzt waren die Spanier sichtlich beeindruckt von der Aggressivität von Alba, das den Respekt längst abgelegt hatte. Genau das sah Obradovics Plan vor.

Nach 15 Minuten war es geschafft: Erst gelang Renfroe der Ausgleich, dann vollendete Radosevic zur ersten Berliner Führung (33:31). Vojdan Stojanovski erhöhte auf 37:33. Welch eine Wende! Alles war noch drin, als die Berliner mit einem Ein-Punkt-Rückstand (39:40) in die Pause gingen.

Nur nicht wieder so einen Katastrophen-Start wie zu Beginn des Spiels hinlegen, das hatten sich die Alba-Profis in der Kabine fest vorgenommen. Sie unterstrichen das gleich mit einem schnellen Treffer von Cliff Hammonds (11), dem später auch das 50:46 (24.) gelang. Alle Fans standen, als Reggie Redding (16) eine Minute später zum 55:48 traf. „Barca“ nahm gleich eine Auszeit. Wer hatte in diesem Moment vor wem Respekt? Radosevic erhöhte auf 57:48, Stojanovski auf 59:48, Radosevic legte nach – 61:48 nach einer 15:2-Serie.

13 Zähler Vorsprung, noch zehn Minuten zu spielen. Würde es eine Sensation geben? Würde die Kraft der Berliner reichen? Was würde den Spaniern noch einfallen, die natürlich eine viel höhere individuelle Klasse besitzen? Antworten gaben Redding mit einem Dreier, McLean und Radosevic zum schier unfassbaren 73:55, da waren noch gut fünf Minuten zu spielen. Barcelona gab nicht auf, zweieinhalb Minuten vor Schluss: 75:65. Ein Dunking von McLean und ein Dreier von Renfroe zum 80:65 beseitigten die letzten Zweifel. Und dann begann in der Arena am Ostbahnhof die ganz große Sause.