Basketball

Henning Harnisch - Albas Botschafter in China

Henning Harnisch reist neuerdings oft ins Reich der Mitte. Bei seinen Besuchen in Hongkong, Peking und Shanghai geht langfristig um mehr als Kooperation im Nachwuchsbereich.

Foto: Alba Berlin

Henning Harnisch erledigt Dienstliches in der Regel mit dem Fahrrad, von seinem Büro im Ludwig-Jahn-Sportpark zur Jugendhalle in der Knaackstraße, zum Alba-Leistungszentrum in Mitte oder auch jeweils mittwochs „schön durch den Tiergarten“ zur großen Alba-Manager-Runde nach Charlottenburg. Auch bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt und leichtem Nieselregen. Seit gut anderthalb Jahren allerdings muss Albas Vizepräsident das große schwarze Ding, das den Hebeln seines 2,02 Meter langen Körpers gerecht wird, öfter gut angeschlossen abstellen. Seitdem ist er so etwas wie der Außenminister des Klubs, besser: Albas Basketball-Botschafter in China. Der 46-Jährige hat dort bereits auf zahlreichen Ebenen Kooperationen initiiert.

Berliner Morgenpost: Radeln Sie auch durch Peking und Shanghai, Herr Harnisch?

Henning Harnisch: Das würde ich gern, ich habe es aber noch nicht probiert, was eigentlich schade ist, zumindest in Shanghai könnte ich mir das gut vorstellen. In Peking gibt es zu oft Smog, bei dem man nicht ans Fahrradfahren denkt. Ich fahre in beiden Städten mit öffentlichen Verkehrsmitteln, was völlig unkompliziert ist.

Wie oft waren Sie schon in China?

Seit dem Frühjahr 2013 sechs Mal, längstens für zwei Wochen, einmal sogar nur für einen Tag, als letzte Punkte des Kooperationsvertrages mit dem Pekinger Basketballverband zu klären waren.

Wie erleben Sie dieses für uns doch eher fremde Land?

Bei den ersten beiden Reisen war ich von den Gegensätzen total beeindruckt, zwischen alt und neu, zwischen der Natur und dem Gebauten, oder auch den Proportionen, es ist alles gewaltig. Man hat davon gehört, aber es gibt zu dem, was wir aus Europa kennen, wirklich keinen Vergleich. Die Zugfahrten von Shanghai nach Peking sind echte Erlebnisse. Man sieht beispielsweise einen Reisbauern in seinem Boot, ganz traditionell, und weiter hinten stehen Kräne, da werden dann mal eben 80 neue Hochhäuser gebaut. Aber nicht nur die Augen nehmen Ungewohntes wahr, auch die Ohren. Es gibt eine ganze bestimmte Art von Lärm, Stimmen, ganz prägnant, Ansagen in der U-Bahn, die permanent wiederholt werden. Ich bin echt dankbar, dass ich das Land so schnell und intensiv, und nur bedingt als Tourist, zumindest in Ausschnitten kennenlernen darf. Ich bin auch mittlerweile ein großer Freund der chinesischen Küche, die ganz anders ist als das, was wir von den meisten der China-Restaurants hierzulande kennen.

In Europa oder den USA hat man sich von Basketballer zu Basketballer schnell was zu erzählen. Läuft es in China ähnlich?

Einen direkten Kontakt herzustellen, wenn man die Sprache nicht kann, ist schwer, für mich zumindest. Das eher Passive daran ist aber alles andere als störend, denn die Leute stürzen sich nicht auf einen. Wie dein Gegenüber wirklich drauf ist, bleibt ein Rätsel, das sich auch nicht auflöst. Es gibt Interpretationsspielraum ohne Ende, aber Gespräche im europäischen Sinn mit Fragen und Antworten kannst du vergessen. Ich empfinde das als eine sehr angenehme Erfahrung, man muss sich auch mal locker machen, es muss ja nicht immer alles so laufen, wie man es gewohnt ist. Ich habe sehr viele nette und kluge Menschen kennengelernt, das läuft halt alles nur nach anderen Mustern ab.

Wäre die Alba Group auf dem für ein Recycling-Unternehmen so interessanten chinesischen Markt nicht präsent, würde es Ihre Dienstreisen sicherlich nicht geben.

Natürlich gibt es einen wirtschaftlichen Hintergrund. Alba ist als Unternehmen in China tätig, ich mache das aber ausschließlich für unseren Klub, das Alba Basketballteam und finde den kulturellen Austausch mit dem Sport als Begegnungsebene total spannend. Partner in China zu finden, ist ja keine neue Idee, aber unser Alleinstellungsmerkmal ist sicherlich, dass wir an die Basis gehen. Alle, die China kennen, sagen, Projekte wie diese brauchen Zeit. Schlägt man dort aber Wurzeln, wird man auch in der Wirtschaft Partner finden.

Was ja bereits passiert ist: Seit dem Sommer wirbt die ZhongDe Metal Group auf dem Trikot der Alba-Profis. Waren Sie an der Entstehung dieser Beziehung beteiligt?

Nein, damit hatte ich nichts zu tun. Unsere Idee war, zu versuchen, den Sport, besser den Basketball als Medium für einen langfristig angelegten Austausch zu nutzen. Und zwar mit den Erfahrungen aus unserem Jugendprogramm in Berlin, mit Bildungsinstitutionen im Kinder- und Jugendbereich. Dabei hat sich mir übrigens bestätigt, was ich vorher schon gehört hatte, dass Basketball in China nämlich unfassbar populär ist. Das staatliche Sportfernsehen CCTV 5 überträgt während der Saison zehn bis 20 NBA-Spiele pro Woche live, vormittags übrigens. Unser Nachteil ist, dass wir nicht die NBA sind und Deutschland bis auf Dirk Nowitzki eher mit Fußball in Verbindung gebracht wird. Aber ich bin großer Offenheit begegnet, wir Deutschen haben auch dort den Ruf, dass alles, was wir tun, Hand und Fuß hat. Und wir schauen nicht wie die NBA mit großer Aufregung mal vorbei und ziehen dann weiter, wenn das Geschäftliche erledigt ist. Wir wollen etwas entwickeln und mittlerweile bin ich mir sicher, dass wir schon mitten dabei sind.

Beim Winterturnier der Alba-Jugend vom 2. bis 4. Januar in den Nebenhallen der Schmeling-Halle wird unter den 41 Teams erstmals auch eine Schülermannschaft aus China dabei sein. Wird diese mit den anderen Teams mithalten können?

Das fragen mich viele. Es ist ein U16-Team, Schüler der „Beijing No. 5 Middle School“, mit der wir im Rahmen des Vertrags mit dem Pekinger Basketballverband kooperieren haben. Ich habe dort schon das Training gesehen, meine Antwort: Wir werden sehen. Aber unsere Gäste werden auch das Euroleague-Spiel gegen Barcelona sehen, wir werden ihnen die Stadt zeigen, gemeinsam essen, der klassische Austausch halt. Wir kooperieren mit den deutschen Schulen in Shanghai und Peking und laden gemeinsam chinesische Schulen, an denen Deutsch unterrichtet wird, zu Turnieren ein. Zu einem davon kamen beispielsweise 200 chinesische Jungen und Mädchen. Daraus sollen feste Einrichtungen werden, wie auch aus dem Austausch von Trainern. In Hongkong ist einer unserer Coaches schon in der deutsch-schweizerischen-internationalen Schule voll integriert. Es macht Spaß zu sehen, dass wirklich etwas entsteht, was man sich anfangs nur vorgestellt hat.

Die Ikone des chinesischen Basketballs ist Yao Ming, der als erster Chinese in der NBA bei den Houston Rockets zum Superstar wurde. Sind Sie ihm schon begegnet?

Nein, aber das kann vielleicht noch passieren. Er lebt in Shanghai und ist Eigentümer des Profi-Teams dort. Wenn wir dort beharrlich und erfolgreich an der Basis weiter arbeiten, könnten sich schon Berührungspunkte ergeben. Er ist ein Weltsportler und für seinen Status in China fällt mir wirklich kein Vergleich mit irgendjemand anderem ein, der dem ansatzweise gerecht würde. Das Fernsehen dort zeigt Spiele der Rockets von vor zehn oder zwölf Jahren, in voller Länge und er sitzt da und erzählt, wie alles war. Da merkt man, dass es um mehr geht als um Sport. Die Chinesen sehen ihn als ein Sinnbild für Chinas Weg in die Welt.

Nach herkömmlichen Gepflogenheiten läge es nahe, wenn ein Team „Alba Peking“ oder „Alba Shanghai“ auch in der Profiliga präsent wäre. Millionen Chinesen würden das Team im Fernsehen sehen und sich gleich eine gelbe Recycling-Tonne bestellen.

(Lacht) Natürlich haben wir auch ein großes Interesse an einem Austausch auf Topniveau, aber ein Alba-Team dort in der Liga sehe ich erst mal nicht. Das Sportsystem in China ist halt die klassisch-staatliche Schule, im Turnen oder Tischtennis beispielsweise, aber in den Spielsportarten gibt es mehr Fragen als Antworten und die Profi-Liga erfüllt den Anspruch nicht, Spieler auszubilden und in diesem Punkt werden wir uns sicherlich noch sehr intensiv austauschen.

Und wann spielt der erste Chinese in Albas Profi-Team?

Sagen wir es so: Dass ein talentierter Spieler von einer chinesischen Universität mit einem Stipendium an die FU oder TU kommt, Unis, mit denen wir auch Partnerschaften pflegen, ist realistisch.

Noch kurz zu Ihnen. Sie langweilen sich nicht gern, oder?

Wieso?

Sie haben mit 30 Ihre Spielerkarriere auf dem Höhepunkt beendet, weil es nicht mehr so spannend war, noch ein zehntes Mal in Folge Deutscher Meister zu werden. Sie studierten Film- und Kulturwissenschaften, kehrten zu Alba als Teammanager zurück, für zwei Jahre. Dann wurde Alba unter Ihrer Führung in rund sieben Jahren aus dem Nichts Deutschlands größter Basketballklub. Jetzt sind Sie Albas China-Botschafter.

Eine interessante Zusammenfassung. Aber es ist schon richtig, dass ich etwas brauche, was nach vorn geht, ich will Ideen nachjagen. Bestehendes zu bewahren, ist notwendig, und davor habe ich großen Respekt, aber das ist nicht mein Ding. In China habe ich das Glück, dass man mir den Basketballer sowieso gleich abnimmt. Aber ich glaube, die Chinesen nehmen mich auch als jemanden wahr, zu dem man Vertrauen aufbauen kann.

Ein Eindruck, der sich durch ein eigenes Fahrrad in China vielleicht noch verstärken ließe.

Gute Idee.

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