Basketball

Albas Kämpfer Matej Mamic kehrt an die Unglücksstelle zurück

Vor neun Jahren verletzte sich Alba-Kapitän Matej Mamic in der Max-Schmeling-Halle schwer. Jetzt kommt er als Sportdirektor von Cedevita Zagreb wieder in die Arena.

Foto: Jörg Carstensen / picture-alliance/ dpa/dpaweb

Es lässt sich Abende lang beim Bier darüber diskutieren, welches nun der schönste Moment in der 25-jährigen Geschichte des Basketball-Teams von Alba gewesen ist. Der bitterste Moment hingegen ist unumstritten. Als Matej Mamic am 26. November 2005 während der Partie gegen Trier unglücklich mit Nate Doornekamp zusammenprallte, sich das Rückenmark der Halswirbelsäule prellte und gelähmt auf dem Parkett der Max-Schmeling-Halle lag, waren Angst und Entsetzen bei beiden Teams und den Zuschauern mit den Händen greifbar.

Albas Kapitän wurde mit dem Helikopter ins Unfallkrankenhaus Marzahn geflogen, wo Coach Henrik Rödl, Sportdirektor Henning Harnisch und fast die ganze Mannschaft im kalten Neonlicht der Eingangshalle auf ein hoffnungsvolles Bulletin warteten, bis sie mit einem ungefähren „Wir werden sehen...“ fast schon am nächsten Morgen in die kalte Novembernacht entlassen wurden. Geschockt, traurig, konsterniert und einige auch betend.

Wenn Mamic am Freitag als Sportdirektor von Cedevita Zagreb anlässlich des Europaligaspiels gegen Alba (20.15 Uhr) mit wahrscheinlich feuchten Augen in der Schmeling-Halle begrüßt wird, dort, wo es passiert ist, werden die Erinnerungen an diesen furchtbaren Unfall wieder hoch kommen. Aber, versichert Mamic, diese Erinnerungen sind nur ein Teil dessen, was ihn mit Berlin verbindet. „Es wird ganz sicher ein sehr emotionaler Abend. Daran, dass in diesem Moment meine Spieler-Karriere endete, will ich dabei gar nicht denken“, sagt der damalige Alba-Kapitän. „Sondern viel lieber an all die Unterstützung, die ich bei meinem Kampf ums Comeback erfahren habe. Wie ich jeden Morgen im Krankenhaus auf das Foto der Fans mit dem Dobro Oporavljenje, Matej! (Gute Besserung, Matej!, d. Red.) geschaut habe, ist noch immer die Erinnerung, die bei mir die meisten Emotionen hervorruft.“

Erfolgreiche Aufbauarbeit bei Cedevita Zagreb

Typisch Mamic, immer nach vorn, immer positiv. Schon, als er 61 Tage nach dem Unfall auf wackligen Beinen erstmals wieder bei einem Spiel seines Teams mit leuchtenden Augen auf der Tribüne saß, hatte man das Gefühl, dass er den Fans eher Mut machte als sie ihm.

Matej Mamic und Berlin, das passte – vor und auch nach dem 26. November 2005. Seine Pressekonferenz 14 Monate später, als er verkündete, dass ihm es nicht mehr möglich sein werde zu spielen, war kein trauriger Blick zurück, sondern ein energischer Blick in die Zukunft, in der er sich als Trainer beweisen werde. „Ich wollte vor diesen Fans, die mich so unglaublich unterstützt haben, unbedingt noch einmal spielen“, erinnert sich Matej dann doch mit Wehmut, „aber das war nicht möglich. Ich wollte trotzdem in Berlin und bei Alba bleiben, wirklich und für lange Zeit, vielleicht für immer. Aber damit hätte ich mich gegen meine Familie entschieden.“

Mamic erzählt heute, was er damals nicht erzählen wollte. Nach seiner Rückkehr musste sich seine Frau Veronika einer Herz-Operation unterziehen. „Vielleicht auch eine Folge des Stresses, unter dem meine ganze Familie wegen des Unfalls so lange stand“, rätselt Mamic. Nach dem überstandenen Eingriff zogen die Mamics von Split nach Zagreb, was sich seine Ehefrau immer gewünscht hatte. Heute lebt die Familie ohne Angst, noch mal getrennt zu werden, in einem großen Haus in Zagreb: „Meine Tochter Mateja ist jetzt 17 und mit der Schule fertig, sie sagt, sie will Rechtsanwältin werden“, erzählt Papa Matej stolz. „Antonija ist 15, sehr gut in der Schule und fast noch eine bessere Volleyballerin. Bruno ist 10 und spielt natürlich Basketball.“

Sein Gesundheitszustand war das Thema in der Heimat

Mit der Verpflichtung Mamics war Albas damaligem Trainer Emir Mutapcic 2004 ein europaweit beachteter Coup gelungen. Er hatte den Kapitän von Cibona Zagreb und der kroatischen Nationalmannschaft nach Berlin gelotst. Einen, der das erreicht hatte, wovon jeder Junge im Basketball-verrückten Land des legendären Drazen Petrovic träumt. Bei Mamics erster Rückkehr nach dem Unfall in die Heimat haben die Zöllner am Flughafen ihn umarmt. Sein Gesundheitszustand war von nationalem Interesse. Er habe als Folge des Unfalls „noch immer Probleme“, erzählt Mamic heute, „und die werden sich mit dem Alter sicherlich noch verstärken. Dabei belassen wir es aber. Ich bin mit Dr. Niedeggen vom Unfallkrankenhaus regelmäßig in Kontakt, und mir geht es gut.“

Klar, wehleidig ist nicht. Einer wie Mamic fragt am Morgen nach dem Unfall fast komplett gelähmt, aber mit all seinem Charme, nach einem Nutella-Brot, und auf der Intensivstation wurden schnell Dutzende Meter Kabel verlegt, damit der Patient wenigstens den ganzen Tag im Fernsehen Sport gucken konnte.

Seine Trainer-Karriere, die er dann bei Albas damaligem Nachwuchs-Team TuS Lichterfelde begann und die er in Kroatien fortsetzen wollte, endete mit einem Anruf, bei dem es im Kern um die Frage ging, ob er nicht Sportdirektor bei Cedevita werden wollte. Damals war der Klub ein kleines Licht in der kroatischen Liga und Cibona ein leuchtender Stern in Europa. Heute ist es nahezu umgekehrt, wegen Mamic, denn er sagte Cedevita zu.

Nach dem schweren Unfall sind Spätfolgen geblieben

Sentimental wird Mamic angesichts der von ihm initiierten Wachablösung nicht. „Mir geht es dabei sehr gut“, sagt der Sportdirektor. Kämpfen, gewinnen, die Nummer eins werden kann man halt nicht nur als Spieler. „Wir haben nicht bei Null angefangen, denn den Klub gibt es schon 23 Jahre, aber die Situation war vielleicht so ähnlich wie für Alba 1989. Das ist jetzt mein Job, und ich bin stolz darauf, wie wir gewachsen sind. Natürlich wünsche ich mir auch, dass Cibona, Zadar oder Split gute Teams stellen, denn ohne starke Konkurrenz können wir nicht weiter wachsen.“

Das will Mamic um jeden Preis. Das Trainingszentrum seines Klubs sei eines der besten Europas, erzählt der 39-Jährige stolz, alle zögen an einem Strang, um Cedevita nachhaltig zu Kroatiens Nummer eins zu machen. Mamic konnte mit Yasmin Repesa auch einen Top-Coach Europas, unter dem er sowohl bei Cibona als auch in der Nationalmannschaft spielte, von seinen Plänen überzeugen. Repesa, der schon mit sechs Klubs bei Alba zu Gast war, unterschrieb bei seinem früheren Kapitän für vier Jahre.

„Ich weiß, wie er arbeitet, vor allem mit jungen Leuten, wir haben Spieler der Jahrgänge 1995, 1996 und 1997 im Team und die spielen auch“, erzählt Mamic. „Die Europaliga war, als Repesa unterschrieb, eigentlich erst für die kommende Saison unser Ziel.“ Von dem Klub, der für immer einen Platz in seinem Herzen haben wird, schwärmt Mamic in den höchsten Tönen: „Alba spielt unglaublich gut in den letzten Monaten, wirklich exzellent.“ Und dann kommt ein Satz, der wirklich niemanden überrascht: „Aber wir gehen in jedes Spiel mit dem Ziel, es zu gewinnen.“