Es ist eine besondere Saison, die vor Alba Berlin liegt. Der neue Weg, den der achtmalige Deutsche Meister vor gut einem Jahr propagierte, steht vor seiner Bewährungsprobe. Ein neues Team hatten die Berliner aufgebaut, eines, das viele Fragen aufwarf. Jung, unerfahren, weitgehend unbekannt, zweitklassig gar – es war ein erzwungenes Wagnis, das Alba einging. Denn was die finanzielle Kraft angeht, sind Bayern München und die Brose Baskets Bamberg am einstigen Platzhirsch um Längen im siebenstelligen Bereich vorbeigezogen. Sie bekommen die Spieler, die alle gern hätten, koste es, was es wolle. Alba konnte nicht mehr mitbieten und setzte auf Potenzial, Fleiß, Leidenschaft, verbunden mit langfristigen Verträgen. Das Resultat: Pokalsieger, Meisterschaftsfinalist, Eurocup-Viertelfinale. „Das“, gibt Marco Baldi zu, „war so schnell nicht zu erwarten.“

Noch ist Luft nach oben

Jetzt spricht der Alba-Geschäftsführer vom „nächsten Schritt“, den die Spieler machen sollen. In der persönlichen Entwicklung etwa eines Reggie Redding, Leon Radosevic, Akeem Vargas oder Jonas Wohlfarth-Bottermann ist noch Luft nach oben. Saisonziel ist das Erreichen des Play-off-Halbfinales, „das wollen wir unbedingt“, sagt Baldi. Wobei durchklingt, dass es gern ein bisschen mehr sein darf. Wie wettbewerbsfähig die Berliner sind, zeigten sie ansatzweise beim Gewinn des Champions Cups gegen Bayern München. Das wollen sie an diesem Donnerstag (18.30 Uhr, O2 World) gegen Aufsteiger Göttingen fortsetzen.

Wie viel Potenzial steckt wirklich im Alba-Team? Als Redding vor einem Jahr aus Tübingen verpflichtet wurde, gab es viele Zweifler an seinen Entwicklungsfähigkeiten. Genauso am verletzungsanfälligen Center Radosevic. Erst recht an Zweitligaspieler Vargas. Und woher kam noch mal dieser Clifford Hammonds? Heute sagt Alba-Trainer Sasa Obradovic: „Reggie kann europäisches Top-Kaliber werden.“

Königstransfer ist die Verpflichtung Niels Giffeys

Schon im Frühjahr wedelte ein Verein außerhalb Deutschlands mit sehr vielen Scheinen, um den Amerikaner aus seinem Vertrag herauszukaufen. Alba lehnte ab, froh, die Entdeckung der Saison zwei Jahre gebunden zu haben. Auch auf Hammonds und Radosevic wurde die Konkurrenz aufmerksam. Vargas gelang der Sprung ins Nationalteam. Alles das eine Bestätigung für die Richtigkeit des eingeschlagenen Weges. Aber auf lange Sicht wird sich Alba wohl wieder nach Ersatz für solche Leistungsträger umschauen müssen.

Das ist weit vorausgeschaut. Zunächst haben sich die Berliner im Vergleich zur Vorsaison verstärkt. Der Königstransfer ist ihnen mit Niels Giffey, 23, gelungen, einem der größten deutschen Talente, Collegemeister aus den USA, zudem aus der eigenen Nachwuchsarbeit hervorgegangen. Er zog „seinen“ Verein einem höher dotierten Angebot aus Bamberg vor. Erstaunlich auch, dass niemand den Berlinern Jamel McLean wegschnappte, den besten Rebounder der Bundesliga, der aus Bonn kam. Auch hier hatten die finanzstärkeren Vereine Bedenken, ob der US-Amerikaner höchsten Ansprüchen genügt. Alba glaubt an ihn.

Banic hebt Spiel auf höheres Niveau – wenn er gesund bleibt

Selbst auf die Verletzungen von Martin Seiferth und Jonathan Tabu hat der Klub schnell reagiert. Eine wirkliche Wucht ist der Kroate Marko Banic, den ein Knorpelschaden im Knie eine Saison kostete. Trotz seines europäischen Renommees schreckten viele Topklubs zurück. Alba geht das Risiko ein. Bleibt Banic gesund, hebt er das Berliner Spiel unter den Körben auf ein höheres Niveau. Wie Alex Renfroe ins Team passt, muss sich zeigen. Er soll sehr schnell sein – ein Faktor, der bei den Aufbauspielern bisher fehlte.

„No risk, no fun“ – ohne Risiko kein Spaß. In diesem Fall muss man wohl hinzufügen: auch keine Chance. Es muss alles passen, will Alba wieder ein Meisterschaftsanwärter sein wie in der vorigen Saison. Wenn die ersten Reaktionen des chronisch kritischen Obradovic nicht täuschen, dann hat Sportdirektor Mithat Demirel erneut ein gutes Händchen bewiesen bei der Verpflichtung der Neuen. „Ich mag jeden einzelnen meiner Spieler“, sagt der Serbe.

Kein Spieler war besser vorbereitet als Reggie Redding

Um die Teamchemie scheint es wieder sehr gut bestellt zu sein, wichtiges Kriterium, es mit talentierteren Gegnern aufzunehmen. Doch die Frage stellt sich: Wie lange hält Alba es durch, zur Durchgangsstation zu werden? Demirel weist das zurück: „Wir sind immer noch so ambitioniert, dass wir jedes Spiel gewinnen wollen.“ Für Baldi kommt Resignation ebenso nicht in Frage: „Vielleicht schaffen wir es ja, den einen oder anderen Spieler zu halten“, sagt er. Außerdem: „Der Markt ist groß genug, immer eine schlagkräftige Mannschaft auf die Beine zu stellen.“

Aktuell hat Alba eine solche Mannschaft zusammen, wie es scheint. Eine, die hungrig ist, den nächsten Schritt auch zu machen. So sagt Redding selbstbewusst: „Ich hoffe, dass ich die Erwartungen meines Trainers erfüllen kann.“ Bereit dazu scheint er zu sein, bereit für eine besondere Saison, wie Obradovic erzählt: „Reggie hat sich von allen Spielern im Urlaub am besten auf die neue Saison vorbereitet.“