Wer wünscht sich nicht manchmal insgeheim, dass über Nacht alle Probleme auf einen Schlag verschwunden sind? So ähnlich muss sich Mithat Demirel in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch gefühlt haben. Mit zwei Spielern hatte der Sportdirektor von Alba Berlin seit Tagen Verhandlungen geführt, ihnen Angebote unterbreitet. Aber der US-Amerikaner Alex Renfroe und der Kroate Marko Banic zögerten und zauderten. Bis von beiden kurz nacheinander per E-Mail zu nachtschlafender Zeit die unterschriebenen Verträge bei Demirel eintrafen. Vier Tage vor dem Saisonauftakt beim Champions Cup gegen Meister Bayern München (Sonnabend, 20.30 Uhr, O2 World) hatte der deutsche Pokalsieger fürs erste Planungssicherheit.
„Wir waren sehr geduldig, denn wir wollten ja nicht irgendwelche Spieler holen“, sagte Demirel, „und beide passen genau in unser Anforderungsprofil.“ Die Nachverpflichtungen waren nötig geworden, weil sich in der Vorbereitungsphase Center Martin Seiferth (Handbruch) und Spielmacher Jonathan Tabu (Sehnenriss) verletzt hatten und monatelang ausfallen. Ein herber Rückschlag für die ambitionierten Berliner, die besonderen Wert auf Teambuilding und intensive gemeinsame Verteidigung legen. Die fehlende gemeinsame Trainingszeit lässt sich nur schwer ausgleichen.
Aber die beiden Namen stimmen optimistisch. Banic, damit tritt man dem talentierten Berliner Jungen Martin Seiferth nicht zu nahe, ist sogar ein echtes Upgrade. Der 30-jährige Kroate ist ein Spieler europäischen Spitzenformats. Sieben Jahre hat er das Trikot des spanischen Erstligisten Bilbao Basket getragen und mit den Basken zweimal das Top Four des Eurocups sowie 2011 das Viertelfinale der Euroleague erreicht. „Banic kann auf beiden Centerpositionen spielen und ist ein sehr beweglicher Spieler mit einer hohen Spielintelligenz und einem guten Mitteldistanzwurf“, lobt Demirel die Stärken des 2,04 Meter großen Mannes aus Zadar. Seine Qualitäten machten ihn 2010 sogar zum wertvollsten Spieler (MVP) der Eurocup-Saison.
Zunächst stand der Medizincheck an
Banic hat an Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften teilgenommen, also ein hohes Maß an internationaler Erfahrung – etwas, das vielen in der jungen Alba-Mannschaft noch fehlt. „Ich bin glücklich, in Berlin zu sein“, sagt er, „in der letzten Saison habe ich die positive Entwicklung Albas mitverfolgt und freue mich jetzt, ein Teil des Teams sein zu dürfen.“ Die Freude war so groß, dass Banic am liebsten gleich am Mittwochabend mittrainieren wollte. Zunächst stand jedoch der Medizincheck an.
Ebenfalls kein Unbekannter ist Alex Renfroe. Der 30-Jährige hat in seiner Karriere schon etliche Stationen kreuz und quer durch Europa angesteuert. Es begann 2009 bei VEF Riga in Lettland, danach folgten Klubs in Kroatien, Italien, Spanien und Russland, wo er zuletzt bei Jenissei Krasnojarsk unter Vertrag stand. 13,8 Punkte, 4,7 Rebounds und 6,4 Assists pro Spiel waren so überzeugend, dass ihn der spanische Topverein Saskia Baskonia Vitoria extra für vier Play-off-Spiele anheuerte.
Mit Bamberg Deutscher Meister
„Alex ist ein äußerst vielseitiger Spieler, der als athletischer Combo-Guard und guter Passer offensiv über viele Waffen verfügt. Außerdem kennt er die Liga bereits“, sagt Demirel und meint damit das dreieinhalb Monate währende Engagement Renfroes von Februar bis Mai 2013 bei den Brose Baskets, an dessen Ende die Bamberger zum sechsten Mal Deutscher Meister waren. Nun soll er zumindest bis Jahresende den athletischeren Belgier Tabu vertreten, was ihm in der Offensive zuzutrauen ist. In der Defensive muss Renfroe zulegen.
Es spielte den Berlinern in die Karten, dass es derzeit noch möglich ist, starke Spieler auf dem Markt zu finden, die auch finanzierbar sind – im November etwa dürfte das viel schwieriger werden. Besonders Banic ist ein Schnäppchen. Denn er hatte Pech, als er Bilbao verließ. Nachdem der Kroate einen hochdotierten Vertrag bei Unics Kasan/Russland unterzeichnet hatte, zog er sich eine Knorpelverletzung im Knie zu. Die Russen schoben ihn ab, Banic klagt um eine Entschädigung. In der vergangenen Saison spielte er jedoch wieder für die Estudiantes Madrid in der ACB, der höchsten spanischen Liga, offenbar ohne Knieprobleme.
Nun nahm er das Angebot von Alba an. „Beide sind Spieler, die sich wieder auf höchstem Niveau in der Euroleague beweisen wollen“, frohlockt Demirel. Wie sehr sie dem Team helfen können, wird sich im Spiel gegen die Bayern vermutlich noch nicht zeigen können. Nicht alles geschieht über Nacht.





