Die Zeiten, in denen bei der Saisoneröffnungs-Pressekonferenz von Alba Berlin wie selbstverständlich verkündet wurde: „Unser Ziel ist die Deutsche Meisterschaft!“, sind schon länger vorbei. Aber es hat eine Weile gedauert, bis der Basketball-Klub, der in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert, seine neue Rolle hinter den aktuell finanzstärkeren Baskets Bamberg und Bayern München gefunden und halbwegs akzeptiert hat. Jetzt scheinen sich die Verantwortlichen viel wohler zu fühlen, wenn Aufsichtsrat Axel Schweitzer sagt: „Wir sind hungrig und freuen uns auf das, was vor uns liegt. Wir gehen unseren Weg weiter.“

Gute Gründe, stolz zu sein

Denn auf diesem Weg sind zwar einige Enttäuschungen passiert. Aber es gibt auch Vieles, worauf der Verein stolz ist. 25 A-Nationalspieler wurden in Berlin entwickelt, 100 Jugendtrainer beschäftigt der Klub, 2500 Kinder spielen im Alba-Programm Basketball. Seit 2008 schauen bei den Heimspielen im Durchschnitt mehr als 10.000 Fans zu. In jedem Jahr seit seiner Gründung spielte Alba im Europapokal mit, erreichte Saison für Saison in der Bundesliga das Play-off. 15 Mal standen die Berliner im Finale, gewannen es acht Mal, ebenso oft wie den deutschen Pokalwettbewerb.

Und es trägt sicher zum Wohlgefühl bei, dass die vergangene Saison eine besondere war. Als Außenseiter gestartet, mit vielen entwicklungsfähigen, aber nicht in irgendein Starprofil passenden Spielern aufgebrochen und doch erfolgreich ins Ziel gekommen: Pokalsieg, Viertelfinale im Eurocup, Meisterschaftsfinale und zwischendurch mit 17 Siegen in Folge gar einen Vereinsrekord aufgestellt. „Durch Besinnung auf unsere Werte“, wie Schweitzer stolz erklärt, was man auch so interpretieren kann, dass die Berliner auf diesem Gebiet eine Weile ein wenig besinnungslos unterwegs waren. Der Kern des Teams bestand wieder aus deutschen Protagonisten, es gab keine Grüppchen, sondern eine Mannschaft, die bedingungslos fightete und mit knüppelharter Verteidigung erfolgreich war.

Baldi fordert jetzt den nächsten Schritt

Angeleitet von einem Trainer, der zudem viel besser ins Alba-Profil passt als seine Vorgänger der jüngeren Vergangenheit. Jener Sasa Obradovic gibt nun zum Saisonstart ein Versprechen ab. Keine Titel, sondern: „Wir werden niemals aufgeben. Ich glaube, dieses Team wird die Fans befriedigen, was ihre Einstellung angeht.“ Acht Spieler sind geblieben und kennen Obradovics Philosophie mittlerweile bis ins Detail. „Wir werden in der Verteidigung noch besser sein als in der vergangenen Saison, wo unsere Defense zumeist ja auch sehr gut war“, erwartet Reggie Redding. Mannschaftskapitän Alex King ergänzt: „Wir spielen mit Herz. Unsere Intensität wird noch größer sein.“

Zugleich wird von den Akteuren eines erwartet: Weiterentwicklung. „Alle wollen das“, sagt King. „Wir erwarten, dass sie den nächsten Schritt machen“, stellt Geschäftsführer Marco Baldi klar. Bei einigen ist diese Entwicklung bereits zu beobachten. Akeem Vargas, 24, etwa schaffte es innerhalb eines Jahres von der zweiten Liga bis in die Nationalmannschaft. „Das gibt ihm viel Selbstvertrauen“, sagt Obradovic. In den zehn Testspielen, Alba gewann sieben davon, wirkte Vargas viel reifer. Positiv ist ebenso der Fortgang bei Redding, 26: Er war in seiner ersten Saison bei Alba die große Entdeckung und ist nun einer der Anführer.

Verstärkung ist bereits im Anmarsch

Jetzt allerdings endet die Phase der Vorbereitung. Es sei denn, man wollte das Spiel um den Champions Cup am Sonnabend (20.30 Uhr, O2 World) zwischen Pokalsieger Alba und Meister Bayern München noch dazurechnen. Das tut aber niemand, dazu ist das Verhältnis zwischen beiden Klubs auch zu brisant. „Wir freuen uns darauf“, sagt King, „es geht darum, den ersten Titel einzufahren. Und das I-Tüpfelchen ist es, gegen die Bayern zu spielen.“ Respekt ist da, mehr nicht, sagt Center Leon Radosevic: „Sie haben auf dem Papier die besseren Spieler. Aber wir haben keine Angst.“ Dennoch ist allen klar: Die Bayern sind der Topfavorit in dieser Saison.

Und Alba? „Das Top 16 der Euroleague zu erreichen, wäre toll. Wir wollen außerdem unbedingt ins Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft“, sagt Baldi, was bei einem Finalisten ein bisschen defensiv klingt. Doch die Liga hat sich erneut verbessert. Es gibt „nicht mehr nur die großen Bs“, wie Schweitzer betont, also Bayern, Bamberg und Berlin. Kaum weniger stark sind die Artland Dragons, Ulm, Oldenburg oder Bonn einzuschätzen. Die Bundesliga entwickelt sich auf vielen Gebieten in eine gute Richtung. Bei den Zuschauer- und bei den Umsatzzahlen wurde die Handball-Bundesliga (HBL) überholt. Mit der Telekom wurde ein Fernsehpartner gewonnen, der jedes Spiel in HD-Qualität überträgt und dafür sogar bezahlt. Eine Partie pro Woche wird im Free-TV bei Sport1 zu sehen sein.

10.000 Tickets für Spiel gegen die Bayern verkauft

Pech für die Berliner, dass sie schon vom Verletzungspech verfolgt sind, bevor die Saison begonnen hat. Center Martin Seiferth (Handbruch) und Spielmacher Jonathan Tabu (Sehnenriss an der Brustmuskulatur) fallen monatelang aus. Baldi hat deshalb angekündigt, dass darauf zeitnah reagiert werden solle. Auf die Frage, auf welcher Position, antwortet er: „Auf beiden.“

Aufgegeben wird zwar nicht, aber der Realismus ist angebracht. „Wir werden nur bestehen, wenn wir ein bisschen Glück haben“, glaubt Baldi, „dazu Geschlossenheit und höchste Intensität.“ Also die gleichen Faktoren wie im letzten Jahr. Die Spielweise Albas scheint von den Fans angenommen zu werden. Beim Dauerkartenverkauf peilt der achtmalige Meister Baldi zufolge einen Rekord an; bisher wurden in der Spitze 3000 Tickets abgesetzt, „da machen wir einen Schritt nach vorn“. Und am Sonnabend gegen die Bayern wird die O2 World auch bereits gut gefüllt sein. 10.000 Karten sind schon verkauft.