Es waren noch knapp fünf Minuten zu spielen, und schon lange hielt es in der Max-Schmeling-Halle niemanden mehr auf seinem Platz. Alle Fans von Alba Berlin unter den 8155 Zuschauern standen. Und viele skandierten einen Namen: „Jan Jagla, Jan Jagla“.

Der 32 Jahre alte Basketballprofi war am Sonnabend der Mann des Abends. Beim 86:66 (37:41)-Erfolg im ersten Play-off-Viertelfinalspiel gegen Ratiopharm Ulm erzielte er 20 Punkte und angelte sich zwölf Rebounds. Er hatte damit großen Anteil daran, dass sein Team nach anfänglichen Schwierigkeiten doch noch zu einem klaren Sieg kam.

„Gerade in der ersten Hälfte ist bei uns nicht viel zusammengelaufen“, meinte Jagla. „Aber wir haben uns richtig reingekämpft.“ Mit jedem erfolgreichen Wurf sei sein Selbstvertrauen größer geworden. „Dann wird der Korb auf einmal immer größer.“

Es war ein Abend der Jubiläen. Zum einen trugen die Berliner ihr 1000. nationales Pflichtspiel aus. Nach 999 Partien lautete die Bilanz 737 Siege und 262 Niederlagen. Nun kam Sieg Nummer 738 hinzu. Zum anderen trafen Alba und Ulm zum 50. Mal aufeinander. Dort stehen nun 38 Siege zwölf Niederlagen gegenüber.

Zu viele wilde Aktionen im Angriff der Berliner

Die Berliner mussten auf einen großen Trumpf verzichten: Weil ihr „Wohnzimmer“, die O2 World am Ostbahnhof, durch ein mehrtägiges Gastspiel des „Cirque du Soleil“ belegt ist, fand die Partie in der Schmeling-Halle statt. „Natürlich war das nicht günstig für uns“, meinte Albas Trainer Sasa Obradovic. „Es war schon ein ungewohntes Gefühl“, sagte Alex King. Wobei Alba gar nicht so schlechte Erfahrungen mit der ehemaligen Heimstätte gemacht hat: Schon im vergangenen Dezember war sie Schauplatz eines Spiels – damals gewann Berlin im Eurocup gegen Virtus Rom.

Es war von der ersten Sekunde an zu merken, dass jetzt eine besondere Saisonphase begonnen hat: Im Play-off ist die Intensität noch einmal höher, die Profis gehen noch aggressiver und konsequenter zu Werke, die Zuschauer unterstützen ihre Lieblinge noch lauter und enthusiastischer.

Obradovic hatte seine Mannschaft gewarnt

Man dürfe die Ulmer bloß nicht ins Rollen kommen lassen, hatte Obradovic gewarnt. Schnellangriffe und Distanzwürfe sind das, was die Ulmer besonders auszeichnet. Dreimal in dieser Saison, zweimal in der Liga sowie im Pokalfinale, hatte Alba allerdings die richtigen Antworten gefunden – alle drei Partien wurden gewonnen.

Diesmal taten sich die Berliner zu Beginn schwer. Center Leon Radosevic wurde stark vermisst. „Er hat uns sehr gefehlt“, meinte Obradovic. Ein klein wenig Hoffnung hatte man gehabt, dass er nach seiner Knöchelverletzung wieder bereit sein könnte, doch ein Einsatz des Kroaten wäre zu früh gekommen. Weder Levon Kendall und erst recht nicht Jonas Wohlfarth-Bottermann konnten ihn annähernd ersetzen.

Die Schwaben fanden anfangs immer wieder Lücken

Die Berliner verteidigten zwar recht gut, waren beim Rebound überlegen, trotzdem fanden die flinken Schwaben immer wieder Lücken, zogen zum Korb und erkämpften sich viele Freiwürfe. Der Hauptknackpunkt bei Alba war allerdings die Offensive. Es lief nicht rund. Ob David Logan (13 Punkte), Cliff Hammonds oder Reggie Redding (14), sie alle kamen erst einmal nicht richtig in Fahrt. Entsprechend lag Alba nach zehn Minuten zurück (21:24).

Es wurde nicht wirklich besser, weil im Angriff weiter oft zu wild agiert wurde. „Wir waren doch sehr nervös“, gab King ehrlich zu. Binnen zweieinhalb Minuten nahm Obdradovic im zweiten Viertel zwei Auszeiten. Es gefiel ihm überhaupt nicht, was er sah. Bis auf sieben Zähler Differenz wuchs der Berliner Rückstand an (30:37/18. Minute). Die Atmosphäre wurde immer hektischer. „Schieber, Schieber“-Rufe hallten durch die Halle, nachdem das Schiedsrichter-Trio einige sehr fragwürdige Entscheidungen gefällt hatte, die auch Albas Spieler immer wieder ärgerten. Zwar gab ein Dreier des unverwüstlichen Sven Schultze, 35, Hoffnung, dennoch hieß es zur Pause 37:41.

Jan Jagla nach der Halbzeit in Gala-Form

Kurz nach dem Wechsel waren es sogar acht Punkte Rückstand (39:47). Aber Alba kämpfte mit allem, was das Team geben konnte. Es waren die Routiniers Schultze und Jagla, die vorneweg gingen. Die Zuschauer tobten, als Alba eine Aufholjagd startete, die Jagla kurz vor Ende des dritten Durchgangs mit dem 62:56 krönte.

Die Jagla-Gala ging weiter. Vorn, hinten – wo war der große Blonde nicht? Natürlich besorgte er auch das 68:60 (33.). „Wir haben auf einmal komplett die defensive Ordnung verloren“, sagte Ulms Trainer Thorsten Leibenath enttäuscht. Auf einmal brachen bei seinem Team alle Dämme, bei Alba war fast jeder Wurf ein Treffer. Ruck, zuck waren es auf einmal 18 Punkte Vorsprung für die Berliner (78:60). Bereits lange vor der Schlusssirene feierten die Fans.

King: „Sehr wichtig für unser Selbstvertrauen“

Obradovic warnte gleich: „Das war nur ein Spiel.“ Es steht lediglich 1:0 für Berlin in der Serie „Best of five“. Bereits am Dienstag muss Alba in Ulm antreten, am Donnerstag steht Spiel drei in der O2 World (20 Uhr) an. „Auf alle Fälle war dieser Sieg sehr wichtig für unser Selbstvertrauen“, stellte King fest.