„Um Himmelswillen“ werden nicht wenige denken, wenn sie Sasa Obradovic, 45, das erste Mal an der Seitenlinie sehen. Auf den Zehenspitzen stehend, ins Hohlkreuz gefallen, die Arme wie zum ultimativen Vorwurf nach vorn gestreckt, und Wortfetzen seiner hier und da nicht jugendfreien Schimpftiraden sind auch zu hören, wenn mehr als 10.000 Zuschauer in der Halle sind. Vielleicht explodiert der ja immer gleich, werden sich viele fragen, vielleicht auch, wenn eines seiner Kinder, Rastko, 12, oder Anja 16, zu Hause beim Abendessen ein Glas Wasser umkippen. „Nein“ sagt Albas Cheftrainer angesichts dieser Spekulation amüsiert, aber auch verwundert. Es gäbe keinen anderen Ort, an dem er seinem Temperament derart freien Lauf ließe – und die Familie sei sowieso der einzige Ruhepol in seinem Leben.
Das „Nein“ kommt bestimmt, aber leise. Überhaupt käme man abseits der Seitenlinie nie auf die Idee, er sei ein Mann der lauten Töne. Seine Augen sind wach, er vermittelt seinem Gegenüber Interesse, ist freundlich, das Gesagte wird mit gemäßigten Gesten unterstrichen.
Das „Nein“ wird auch gleich am Spielfeldrand glaubhaft. Wenn der Maßanzug nach der emotionalen Explosion wieder sitzt, die Ärmel wieder makellos auf den Manschetten des Hemdes aufsetzen, die Krawatte glatt gestrichen ist, und einer der Schiedsrichter, die nicht selten den Ausbruch verursacht haben, sich ihm nähert, poltert er nur selten noch weiter. Viel öfter neigt Obradovic den Kopf zur Seite, signalisiert: dein Pfiff war zwar schlecht, aber ich höre Dir zu und die Botschaft hat bei aller Bestimmtheit etwas Versöhnliches, so in etwa: Fehler passieren, mach’s nächstes Mal besser. So wird es auch Sonnabend sein, wenn Alba gegen Ulm in der Schmeling-Halle (Beginn 19.30 Uhr) ins Play-off-Viertelfinale startet.
Ausnahmsweise diesmal in der Max-Schmeling-Halle
Es ist wohl am ehesten die Ohnmacht, die das Adrenalin in ihm kochen lässt. Er ist der Chef, er hat den mit seinen Assistenten akribisch ausgearbeiteten Plan, alles ist in Vorbereitung auf die Spiele hundertmal besprochen. Und dann steht er da, sieht, dass der Plan nicht umgesetzt wird. Ein schlampiger Block, ein erzwungener Wurf, der Gegner trifft und die Mittel einzugreifen sind, solange das Spiel läuft, begrenzt – das ist ganz einfach zum Verrücktwerden.
Wohl ganz besonders für einen Mann, der das, was gerade nicht klappt, Tausende Male richtig gemacht hat. Dreimal Europameister war er, einmal Weltmeister, gewann mit Alba den Korac-Cup und in Atlanta olympisches Silber, um nur die internationalen Meriten als Spieler aufzuzählen. Obradovic war als Spielmacher Lenker und Denker der mit Superstars gespickten Mannschaften aus dem ehemaligen Jugoslawien. Er hatte den Ball und damit auch die Macht.
Großartige Athleten und treffsichere Schützen gibt es zuhauf. Die ganz Großen zeichne aber „ein Gefühl für das Spiel aus“, sagt Alba-Geschäftsführer Marco Baldi. Genau das habe er bei Obradovic schon in seiner Zeit als Albas Spielmacher gesehen. Ein Geschenk sei dieses Gefühl, „ein noch viel größeres aber, dieses Gefühl später als Coach lehren und weitergeben zu können“.
Von 28 Heimspielen wurde nur eines verloren
Was Obradovic über die alltägliche taktische und körperliche Schulung zu gelingen scheint, denn sein neu formiertes Team hat in dieser Saison bislang alle Erwartungen übertroffen. Im Eurocup hat sich Alba zweimal als Gruppenerster in die K.o-Runde gespielt, wettbewerbsübergreifend eine 17:0-Serie hingelegt, souverän gegen die Besten der Liga den Pokal gewonnen und nur eines von 28 Heimspielen verloren.
„Ja, das ist mehr als erwartet“, gibt selbst Obradovic zu. Er habe im Sommer nach akribischen Recherchen zusammen mit Baldi und Sportdirektor Mithat Demirel genau die Spieler bekommen, die er haben wollte, sagt der Coach und räumt ein, dass auch Glück dazu gehörte, dass dieser eine Plan so vollends aufgegangen sei. Dann kommt er aber zu seinem Lieblingsthema, zu dem der harten Arbeit. „Ich habe mit den besten Spielern und unter den besten Coaches gespielt, und es gibt nur eine Wahrheit: Wenn du nicht jeden Tag das Maximum herausholst, reicht es nicht für ganz oben.“
In der Tradition der jugoslawischen Trainerschule
Noch einmal selbst ein Trikot überzustreifen, „wäre das leichteste von der Welt“, lacht er. Die Fitness für drei, vier Angriffe hätte er schon noch, und die würden „ganz bestimmt nicht mit Ballverlusten enden“. Und dann folgt mit einem Lächeln: „Aber ich habe den Spieler in mir getötet.“ Coach zu sein müsse man ganz von Neuem lernen, die Erfahrungen aus der aktiven Zeit helfen nur bedingt. Die Chemie fördern, Ziele setzen, dem Team und jedem einzelnen, auch wenn sie jenseits des Erreichbaren liegen. Das lebt man jede Sekunde und hinterfragt sich oft selbst. Schlechte Phasen im Training kämen und gingen, schlechte Spiele passierten schon mal, wirklich inakzeptabel sei aber nur Mangel an Einsatz – das gelte auch für ihn.
Den jeweiligen Völkern bestimmte Fähigkeiten zu unterstellen, führt nur zu Klischees – dennoch sei hier die Frage erlaubt: Wie kommt es, dass Spieler und vor allem Coaches aus dem ehemaligen Jugoslawien wie Bozidar Maljkovic, Zeljko Obradovic, Dusko Ivanovic, Bogdan Tanjevic und Svetislav Pesic, deren Tradition sich Albas Cheftrainer anschickt fortzusetzen, den europäischen Basketball so stark geprägt haben?
Harte Arbeit ist sein Erfolgsrezept
Vielleicht hilft weiter, was Ex-Alba-Spieler Johannes Herber in seinem Buch „Almost Heaven“ über seine erste Begegnung mit Obradovics Landsmann Nenad Canak über die Serben schrieb. „Sie fluchen wie die Kesselflicker … die meisten wirken etwas grimmig, aber wenn sie lächeln, geht mir das Herz auf. Zur Begrüßung rumpeln sie nicht grob mit den Oberkörpern aneinander wie die US-Amerikaner, sondern lächeln sanft und küssen sich dreimal auf die Wangen … Doch man sollte sich nicht täuschen lassen. Die Serben sind Haudegen, mit spitzen Ellbogen und starken Nerven.“
Und Wutausbrüche und Flüche der Coaches gehören ganz offensichtlich dazu – zumindest so lange sie jung sind. Auch Svetislav Pesic zerriss es regelmäßig am Spielfeldrand, als er mit seinem Spielmacher Obradovic Alba auf die Basketball-Karte Europas eintrug. Heute, 20 Jahre später zupft sich der „Alte“ hier und da an einer Haarsträhne hinter dem rechten Ohr.
Auch Obradovic wird ruhiger werden, aber er wird eine andere Geste finden müssen. Seitdem ihm Aleksandar Djordjevic, heute Headcoach der serbischen Nationalmannschaft, 1996 beim Olympischen Turnier in Atlanta den Kopf kahl rasierte, trägt Albas Coach die Haare maximal offen.





