Wenn das das Spiel des Jahres war und der FC Bayern München die Mannschaft ist, die jetzt und in Zukunft das Maß aller Dinge im deutschen Basketball ist, dann war Sonntag ein Feiertag für Alba. Berlins Basketballteam, das auch deshalb von Grund auf neu aufgestellt wurde, weil vier Spieler im vergangenen Sommer dem Ruf der Münchener gefolgt waren, bewies sich selbst, dass auch an ihm so schnell kein Weg vorbei führt. Das Team von Sasa Obradovic bezwang die Münchner, die von seinem Lehrmeister Svetislav Pesic trainiert werden, überraschend klar mit 94:74 (50:36).
Es war nach sieben Siegen in der Bundesliga die erste Niederlage der Bayern. 14.500 Zuschauer feierten ihr Team noch Minuten nach der Schlusssirene mit Ovationen. „Alba hat sich heute exzellent präsentiert“, musste Pesic anerkennen. „Die Basis war wie immer die Verteidigung. Aus der ergeben sich dann leichte Punkte, ein größeres Selbstbewusstsein im Angriff und die Zuschauer kommen ins Spiel. Wir haben nur reagiert und konnten so kein Paroli bieten.“ Sein Schwiegersohn Jan-Hendrik Jagla, der im Sommer aus München zu Alba gekommen war, fand: „Wir haben den Sieg heute mehr gewollt. Das war ein schönes Spiel und hat Spaß gemacht, und wichtig ist auch, dass wir gezeigt haben, dass die Bayern zu schlagen sind.“
Pfiffe gegen Ex-Berliner
Alba durfte sich erstmals seit der Saison 2011/2012 wieder über eine ausverkaufte O2 World freuen. Auch da war der FC Bayern zu Gast gewesen. Pikanterweise spielten damals noch jede Menge Spieler des Bayern-Teams, das Sonntag zu Gast war, für die Berliner. Und dass sie es nun nicht mehr tun, bekamen Heiko Schaffartzik, Yassin Idbihi & Co. zu spüren. Sie wurden erst bei der Begrüßung und danach bei jeder Aktion lautstark ausgepfiffen, besonders der gebürtige Berliner Schaffartzik. Sie schienen das allerdings erwartet zu haben und waren wenig beeindruckt. Wirkung hingegen zeigte das junge, neu zusammengestellte Alba-Team, in dem nur wenige Spieler standen, die eine solche Atmosphäre schon jemals erlebt hatten. Das Team von Sasa Obradovic ging von Beginn aggressiver und energischer zu Werke, wirkte von der Unterstützung der Fans nahezu beflügelt.
Bis zum 12:13 (5.) war den Berlinern erleichtert applaudiert worden, weil sie gegen die vermeintliche Übermannschaft dieser Saison auch dank Jagla, der erstmals in der Anfangsformation stand, gut ins Spiel gekommen und auf Augenhöhe dagegengehalten hatten. Als sich Alba damit nicht mehr begnügte, stieg der Anfeuerungspegel erneut. Die Berliner regierten jetzt, wo es weh tat: unter den Körben. Dort punkteten sie, dort dominierten sie von Beginn an bei den Rebounds. Als in der Folge Körbe von Clifford Hammonds, Reggie Redding und Vojdan Stojanovski zum 21:13 (9.) ohne Antwort blieben, war im ausverkauften Rund zu spüren: Da geht heute was. Diese Bayern sind schlagbar.
Stojanovskis Dreier-Show
Albas Team sorgte dafür, dass diese Zuversicht die Fans nicht mehr verließ. Die Präsenz der Berliner unter den Körben führte dazu, dass die Center der Bayern, Idbihi (2 Punkte) oder auch John Bryant (8), in der vergangenen Saison in Ulmer Diensten noch der „wertvollste Spieler“, überhaupt nichts zu melden hatten. Alba baute den Vorsprung erstmals auf zehn Punkte aus (33:23/15.), wenig später David Logan per Dreier zum 44:28 (18.). Mit einer 50:36-Führung ging es in die Pause.
Die etwas „langsamen Center“ der Bayern zu attackieren, war ein ganz wichtiger Bestandteil seiner Strategie, wie Albas Coach im Nachhinein erklärte. „Ich bin sehr froh, wie meine Mannschaft das umgesetzt hat, was wir uns vorgenommen hatten“, sagte Obradovic. „Es ist zwar nur ein Spiel, aber ich denke, wir haben heute einen großen Schritt voran gemacht. Jeder hatte seinen Anteil. Ich denke, wir werden uns jetzt schnell weiterentwickeln.“
Alba-Party in der zweiten Halbzeit
Dass die zweite Halbzeit zu einer Alba-Party wurde, lag daran, dass die Berliner weiterhin die Hoheit unter den Körben behielten, am Ende das Rebound-Duell mit 40:27 für sich entschieden und trotz der hitzigen Atmosphäre konzentriert und fokussiert blieben. Nicht nur Obradovic „gratulierte den Fans für diese wunderbare Atmosphäre“. Vor solchen Fans gebe jeder noch das kleine entscheidende Quentchen mehr Einsatz. Auch einer wie Akeem Vargas, der vergangene Saison noch in der zweiten Liga spielte. „Es ist schön, vor 14.500 Zuschauern zu spielen“, strahlte der Youngster. „Und noch schöner ist es, dass wir etwas zurückgeben konnten. Für uns war diese Unterstützung sehr wichtig.“
In der zweiten Halbzeit diagnostizierte Pesic bei seinem Team nur kurz den nötigen Biss, um dem entfesselten Gegner auf Augenhöhe zu begegnen. Auf neun Punkte kamen die Bayern, die bislang in der Bundesliga durchschnittlich 90,6 Punkte pro Spiel erzielt hatten, noch kurzzeitig heran (60:51/28.). Danach aber brachen alle Dämme. Als Stojanovski mit seiner Dreier-Show begann, die ihn letztlich mit 21 Punkten zum besten Berliner Werfer machen sollte, saß längst keiner mehr auf seinem Sitz.
Mit Hammonds (20), Redding (17) und Logan (12) punkteten noch drei weitere Berliner zweistellig. „Das zeigt am besten, dass wir als Mannschaft gewonnen haben“, erklärte Spielmacher Hammonds. „So und mit unseren Fans im Rücken haben wir die Nummer eins der Liga geschlagen.“ Gänsehaut pur, ein perfekter Tag für Alba. Ihn zu feiern, bleibt allerdings wenig Zeit. Die Mannschaft fliegt am Montag nach Belgien, um am Dienstag im Eurocup bei Mons-Hainaut anzutreten, dem Team, das bislang keines seiner vier Spiele gewinnen konnte.





