Wenn Albas Trainer Sasa Obradovic mit seiner Einschätzung richtig liegt, dass Cai Saragossa der große Favorit in der Gruppe D dieser Eurocup-Saison ist, dann weiß er seit Mittwochabend sehr viel mehr – vor allem über seine Mannschaft.
Denn die schlug die Gäste aus Spanien mit einem beachtlichen Kraftakt und nach einem dramatischen Finale vor 7779 Zuschauern in der O2 World mit 71:68 (36:37).
Die Berliner waren ihren Gästen über weite Strecken hinterher gelaufen, hatten „aber bis zum Ende gekämpft“, wie Jonas Wohlfarth-Bottermann stolz sagte, „und am Ende verdient gewonnen.“ Im Angriff passierten „noch zu viele Fehler“, fand Jan Jagla, „aber in der Verteidigung werden wir von Spiel zu Spiel besser.“
Alba führt jetzt mit Gravelines Dunkerque (74:66 gegen Telekom Baskets Bonn) die Gruppe C mit 2:0-Siegen an. Und Bonn wartet weiter auf den ersten Sieg.
Kompromisslose Defense wird zur Tugend
Schon die nationale Konkurrenz hatte Alba vor allem mit einer kompromisslosen, aggressiven Defense dominiert und am Ende zumeist überzeugend besiegt. Gegen Saragossa wurde umgehend klar, dass solche Tugenden in Europa überlebenswichtig sind, denn die Gäste aus Spanien standen ihren Gastgebern in Sachen Biss und Kampfgeist in Nichts nach. Unter den gegnerischen Körben war auf beiden Seiten kaum Luft zum atmen, sodass es sich empfahl, mehr von außen zu werfen. Und da kamen die Gäste aus dem Stand viel besser ins Spiel, leisteten sich bei den ersten vier Versuchen keinen Fehlwurf. Albas erste fünf Distanzwürfe verfehlten hingegen das Ziel, angesichts dessen aber blieb der Rückstand erträglich – 8:14 (7.).
Nachdem David Logan die Dreier-Flaute zum 13:16 beendet hatte, fand Alba auch öfter den Weg unter den Korb. Das Team von Sasa Obradovic war im Spiel geblieben, lag nach dem ersten Viertel 15:21 zurück.
Leon Radosevic knickt bei Duell um
Zu Beginn des zweiten Viertels mussten die Berliner gleich einen Schock verdauen. Leon Radosevic, dessen Duell mit Saragossas georgischem 2,16-Meter-Center Giorgi Shermadini mit Spannung erwartet worden war, knickte bei einem Duell unter dem gegnerischen Korb mit dem linken Sprunggelenk um, musste gestützt das Parkett verlassen und kehrte auch nicht mehr zurück. Eine MRT-Untersuchung am Donnerstag wird Auskunft über die Schwere der Verletzung geben. Es gelang der Mannschaft überraschend gut, den Ausfall Radosevics mit Levon Kendall und Jonas Wohlfarth-Bottermann zu kompensieren.
Alba verteidigte noch immer mit letztem Biss und verhinderte so erst einmal, dass sich der Rückstand vergrößerte. Dann brachten Kendall, Vojdan Stojanovski und Reggie Redding ihre Mannschaft auf 26:28 (17.) heran. Das Team aus Spanien traf jetzt längst nicht mehr so hochprozentig aus der Distanz, und in den Duellen in größerer Nähe zu den Körben hatten sich die Berliner jetzt ein leichtes Übergewicht erkämpft. Vor allem Wohlfarth-Bottermann überzeugte im zweiten Spiel nach seiner Knöchelverletzung. Nach sechs Punkten von ihm in den letzten anderthalb Minuten der ersten Halbzeit stand es zur Pause nur noch 36:37.
Ein Abend mit Herzschlag-Finale
Obradovic musste gleich nach dem Seitenwechsel eine Auszeit nehmen, weil erneut ein größerer Rückstand drohte (36:42/23.). Er muss die richtigen Worte gefunden haben. Redding und Logan stahlen den Spaniern gleich mehrfach den Ball, die Fans in der O2 World beklatschen nach der Anfangsphase endlich eine Berliner Führung (43:42).
Die Spieler, die Fans – alle wussten, dass wer jetzt den anderen davon ziehen lässt, vielleicht schon für die Entscheidung sorgt. War die Partie bislang intensiv – sie wurde noch um einiges härter und bissiger. Bei den Berlinern waren gegen Ende des dritten Viertels wieder Logan und Wohlfarth-Bottermann für das Punkten zuständig, beim Gegner spielte Shermadini jetzt mehr und mehr seine Längen-Vorteile aus. Beim 59:59 (31.), nachdem beide Teams mehrfach bewiesen haben, dass sie keine Antworten schuldig bleiben, war klar: dieser Abend endet mit einem Herzschlag-Finale.
Zweiter Sieg in der Eurocup-Saison
Vier Minuten vor dem Ende hielt es keinen der knapp 8.000 mehr auf den Sitzen. Als Stojanovski und Logan Alba mit 71:67 (37.) in Front gebracht hatte, war der Applaus ohrenbetäubend. In dem Maße, in dem die eigenen Fans Albas Team beflügelten, schienen die Schlachtrufe und Gesänge sie die Gäste zu beeindrucken. Sie versuchten mit letztem Einsatz, die Partie noch zu drehen, aber Alba hielt mit letztem Einsatz dagegen, holte im letzten viertel doppelt so viele Rebounds wie der Gegner. Und wurde belohnt: Der zweite Sieg und der erste Heimspiel in dieser Eurocup-Saison war perfekt. Beste Werfer waren David Logan mit 18 Punkten sowie Reggie Redding und Jonas Wohlfarth-Bottermann (jeweils 15).
„Es war wichtig, so ein hektisches und zerfahrenes Spiel, in dem wir so viele Fehler gemacht haben, gewonnen zu haben“, atmete Sportdirektor Mithat Demirel durch. „Wir waren teils überhastet, haben uns aber super zurückgekämpft.“





