Basketball

Bar Timor bei Alba - „Meine Großeltern wären glücklich“

Bar Timor spielt seit Kurzem für Alba. Seine Großeltern flüchteten in den 1930er-Jahren aus Berlin. Im Interview spricht der israelische Basketball-Profi über den Holocaust und sein Leben.

Foto: Massimo Rodari

Der Basketballklub Alba Berlin tauschte im Sommer nahezu komplett seinen Spielerkader. Einer der neuen Profis kehrte so in das Land zurück, das einst seine Großeltern vertrieb. Für Bar Timor, 21, ist Berlin also mehr als nur die erste Auslandsstation der Profikarriere. Der mit einem deutschen Pass ausgestattete Israeli sprach mit Morgenpost-Mitarbeiter Marvin Clignon darüber.

Berliner Morgenpost: Herr Timor, wir stehen am Denkmal für die ermordeten Juden in Berlins Mitte. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie erstmals hier standen?

Bar Timor: Ich kannte das Mahnmal schon, weil meine Familie es in der Vergangenheit besucht hat und mir die Fotos zeigte. Die nächste Generation wird die Geschichte ohne direkte Erzählungen verstehen müssen und dafür braucht man solche Orte. Dort erfasst man, was dahinter steht. Das ist sehr wichtig.

Wie wird dieser dunkle Teil der Geschichte in Israel den jungen Menschen erzählt?

Im letzten Schuljahr unternimmt man normalerweise eine Fahrt nach Polen, zu Orten wie Auschwitz. Diese Reise war eine sehr wichtige Erfahrung für mich. Gewöhnlicherweise wird man dabei von Überlebenden aus diesen Konzentrationslagern begleitet. Uns haben eine Dame und ein Herr berichtet, was sie durchmachen mussten. Das verändert deine Sichtweise auf das Leben. Wenn du dich über dein Leben beschwerst und dann hörst, was die Menschen damals erlebten, fängst du an nachzudenken.

Der Holocaust ist also immer Teil des alltäglichen Lebens in Israel.

Ich denke, die Holocaust-Überlebenden werden in Israel nicht ausreichend gewürdigt. Es gibt viele Überlebende, die in Armut leben, keine Familie und kein Geld haben. Das Land unterstützt sie nicht genug. Das ist nicht gut, denn sie sind ein ganz wichtiger Teil unseres Landes. Sie sollten definitiv so gut behandelt werden, wie es nur möglich ist.

Sie gehören der dritten Generation Israels an. Welche Rolle, denken Sie, nimmt Ihre Generation in der Geschichte ein?

Eine sehr wichtige. Unsere Rolle wird es sein, die Geschichte weiterzugeben. Wir haben die Aufgabe, unseren Kindern nicht nur das Große und Ganze zu erzählen, sondern auch die Geschichte von unbekannten Holocaust-Überlebenden. Das ist mir sehr wichtig.

Was für ein Gefühl ist es, in das Land zurückzukehren, welches Ihre Großeltern einst vertrieben hat?

Es ist heute natürlich ein ganz anderes Land, aber es ist trotzdem etwas Besonderes für mich. Meine Großmutter lebt immer noch, aber bekommt nicht mit, dass ich hier bin. Aber ich hoffe, sie und mein Großvater wären glücklich zu wissen, dass ich hier spiele und ihre Geschichte gewissermaßen beende. Ich glaube wirklich, sie würden so denken.

Ihre Großeltern flohen damals aus Nazi-Deutschland.

Sie sind vor dem Krieg geflohen. Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube, sie wussten, dass Schlimmes passieren würde. Leider habe ich nie meinen Großvater kennengelernt – er starb, als meine Mutter zwölf war. Meine Großmutter ist seit zehn Jahren sehr krank, sie spricht seit einer Weile kaum noch. Ich kann mich aber noch an Zeiten erinnern, als sie sich um mich gekümmert hat. Ich habe ihre Geschichte leider nie von ihr persönlich gehört, sondern nur von meiner Mutter. Das ist schade.

Berlin hat mittlerweile eine der am stärksten wachsenden jüdischen Gemeinden weltweit. Haben Sie Kontakt zu der Gemeinde?

Noch nicht wirklich. Ich kenne jemanden, der ein Café in der Nähe meiner Wohnung besitzt. Ich hatte bisher nicht viel Freizeit, um die jüdische Gemeinde hier kennenzulernen. Zu einem der nächsten Feiertage werde ich versuchen, den Kontakt herzustellen.

Sie haben in der Vergangenheit behauptet, dass Sie nicht besonders religiös sind. Hier suchen Sie den Kontakt zur Synagoge.

Natürlich. Wenn du weit entfernt von deiner Heimat bist, wirst du zwar nicht unbedingt religiöser, aber du hängst mehr daran. Wenn du im Ausland bist, greifst du automatisch auf die Dinge zurück, die du aus der Heimat kennst. Ich bin nicht so religiös, aber durch die Distanz zur Heimat fühle ich mich nun eher dazu verbunden.

Sie sind weit entfernt von Ihrer Heimat und Ihrer Familie. Macht Sie das reifer?

Ich hoffe es! In Israel habe ich zwar auch allein gelebt, aber meine Familie war nur eine Stunde von mir entfernt und immer da, wenn ich Hilfe brauchte. Das ist jetzt anders. Nach dem Training nach Hause kommen, Essen vorbereiten und sauber machen, alles instand halten, früh aufstehen und schlafen gehen: Es ist niemand da, der sagt, was ich machen soll. Aber ich bin ja hier um Basketball zu spielen, nicht um abends weg zu gehen.

Apropos: Berlin gilt als besonders multikulturell. Wie erleben Sie die Stadt?

Berlin vereint viele Menschen aus unterschiedlichen Orten. Das mag ich. In meinen Augen ähnelt die Stadt Tel Aviv, nur dass sie viel größer ist. Hier ist es nie langweilig. Außerdem gibt es hier viele Menschen aus Israel. Ich kriege ständig Anrufe und Nachrichten bei Facebook. Ich werde gefragt, ob ich Hilfe brauche, oder jemand möchte zu den Heimspielen kommen. Das ist nett, ich mag das.

Welche Unterschiede sehen Sie zwischen Deutschland und Israel?

(lacht) Ich finde die Menschen hier, besonders in Berlin, sehr entspannt. Sie sind nie in Eile. In Israel sind die Menschen immer hektisch. Manchmal ist das gut, manchmal schlecht. Hier nimmt sich jeder seine Zeit. Das ist verrückt, überall wird gebaut und dafür etwas geschlossen und gesperrt. Besonders auf den Straßen, dann ist immer alles so langsam. In Israel passiert das nie. Außerdem bleiben die Menschen hier immer und Reih und Glied, du siehst niemanden, der sich vordrängelt. Ich denke die Menschen hier sind entspannter.

Sie kennen Ben Sahar von Hertha BSC, wie kam es dazu?

Wir haben einen gemeinsamen Freund von Hapoel Tel Aviv. Er war in Berlin, hat Ben getroffen und uns vorgestellt. Bisher hatte ich aber noch keine Chance, zu einem Heimspiel von Ben zu gehen.