Basketball

„Keiner bringt einen Keil zwischen Alba und mich“

Svetislav Pesic hat mit Alba Berlin große Erfolge gefeiert. Nun ist er Trainer des FC Bayern München und damit Albas Hauptkonkurrent. Im Interview spricht er über Berliner Respektlosigkeiten und seine Favoritenrolle.

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Bayern München heißt der große Favorit für die am kommenden Mittwoch beginnende Saison der Basketball-Bundesliga. Die Münchner geben offiziell die Höhe ihres Etats mit zwölf Millionen Euro an und haben auch selbst das klare Ziel ausgegeben, den Titel zu holen. Möglich machen soll das Meistertrainer Svetislav Pesic, 64, der unter anderem zwischen 1993 und 2000 mit Alba Berlin vier Mal Meister und zwei Mal Pokalsieger wurde sowie 1995 den europäischen Korac-Cup gewann. Im Gespräch mit Morgenpost-Redakteur Jörg Rößner erläutert Pesic seine Pläne und erzählt von Tischtennis-Matches gegen seinen Enkel Luka.

Berliner Morgenpost: Herr Pesic, gab es im Sommer Streit mit Ihrer Tochter, weil Sie keine Verwendung mehr für Ihren Schwiegersohn Jan Jagla hatten?

Svetislav Pesic: Nein, überhaupt nicht. Die Entscheidung über seine Zukunft treffe nicht ich. Meine Tochter hat sich damals entschieden, ihre Zukunft mit Jan zu planen. Und er hat das auch ohne seine Eltern entschieden, so weit ich weiß. Jan und ich hatten offene Gespräche, wir kennen uns ja schon lange, und ich war seit dem Beginn seiner Karriere immer auch sein Ratgeber. Sein Vertrag ist ausgelaufen, ich habe ihm für die neue Saison eine Rolle angeboten, die nicht so viel Spielzeit bedeutet hätte. Er wollte die gleiche Rolle wie bisher, hat überlegt und dann das Angebot von Alba angenommen. Jan ist in Berlin geboren, Ivana dort aufgewachsen – das passt alles bestens. Wir sind sehr glücklich, dass sie in Berlin ist.

Sie haben in diesem Sommer acht neue Spieler nach München geholt. Warum dieser große Umbruch?

Das liegt nicht daran, dass die Mannschaft schlecht gespielt hat. Ich bin der Meinung, wir hatten eine sehr gute Saison mit einer positiven Bilanz gegen die beiden Spitzenvereine Bamberg und Alba. Für den Umbruch gibt es zwei Gründe: Einerseits war die Mannschaft für meine Begriffe ziemlich alt. Wir brauchten nicht bessere Qualität, sondern mehr frisches Blut. Die meisten neuen Spieler haben Zwei-Jahres-Verträge; sechs von ihnen sind zwischen 23 und 27 Jahre alt. Das zeigt, dass wir auf Kontinuität setzen und ein Team nicht nur für diese Saison, sondern für die Zukunft zusammengestellt haben. Außerdem stehen wir vor einer anstrengenden, intensiven Saison. Die Euroleague-Teilnahme kostet viel Kraft, da brauchen wir einen großen und ausgeglichenen Kader.

Dass Bayern gleich vier Berliner verpflichtet hat, kam dort nicht gut an. Albas Geschäftsführer Marco Baldi nannte Ihr Scouting „nicht besonders einfallsreich“.

Niemand wird es schaffen, einen Keil zwischen Alba und mich zu bringen. Nach wie vor ist Alba mein Klub, meine Erinnerung an die schöne Zeit dort kann mir keiner nehmen. Elf Spieler haben Berlin verlassen, davon sind vier zu uns gegangen. Alle waren nicht mehr unter Vertrag, und ihre Agenten haben sich bei mir gemeldet. Erst dann haben wir angefangen, konkret über einen Wechsel zu sprechen. Ich hoffe, dass mein Freund Marco das nicht so gesagt hat. Falls doch, wäre mir das nicht egal. Denn das würde fehlenden Respekt für unsere Arbeit zeigen.

Sie haben Alba im Play-off-Viertelfinale mit 3:0 Siegen klar ausgeschaltet. Können dann vier Berliner eine Verstärkung sein?

Bayern hat bisher nur zwei Bundesliga-Saisons gespielt, unsere Konkurrenten aus Bamberg, Berlin, Oldenburg und Ulm spielen fast alle seit 20 Jahren erstklassig. Wir haben unseren Kader analysiert: Um in der Bundesliga wettbewerbsfähig zu sein, braucht man Profis, die dort schon gespielt und Erfahrungen gesammelt haben.

Sie sollen mit einem Etat von zwölf Millionen Euro in die neue Saison gehen, das wäre der höchste in der ganzen Liga. Ist damit nach dem Erreichen von Viertel- und Halbfinale im dritten Jahr der Meistertitel nun Pflicht?

Also nach meinen Informationen ist unser Budget für den sportlichen Bereich weniger als in der vergangenen Saison. Aber was soll ich dazu sagen, wenn mir die Leute das sowieso nicht glauben? Als ich damals beim FC Barcelona war, hatten wir einen Etat von zwölf Millionen Euro – und haben 2003 die Euroleague gewonnen. Außerdem gewinnt Geld nicht immer Titel. Denn sonst hätten die Berliner in den vergangenen zehn Jahren zehnmal Meister werden müssen. Aber sie haben es nur einmal geschafft.

Aber Sie wehren sich nicht dagegen, als Topfavorit bezeichnet zu werden?

Unsere Ziele haben die anderen Klubs doch sowieso schon festgelegt. Was bleibt uns da also noch übrig? Wir freuen uns, dass wir so gesehen werden. Denn es gibt nichts Besseres als die Favoritenrolle. Sie zeigt, dass die Leute an dich glauben und dich respektieren. Es gibt nichts Schlimmeres als Durchschnitt. Wir nehmen diese Rolle an, aber Meister zu werden, ist kein Automatismus. Uns erwartet viel harte Arbeit und eine harte Saison.

Bayerns letzter Meistertitel im Basketball liegt knapp 60 Jahre zurück, der ganze Klub hat hohe Ansprüche. Wie gehen Sie mit dem großen Druck um?

Es ist doch ganz normal, dass die Bayern, als sie sich entschieden haben, beim Basketball wieder groß einzusteigen, nicht einfach nur mitspielen wollten. Diese Erwartung finde ich völlig legitim. Und mit Druck lebe ich während meiner ganzen Karriere. Das macht Spaß und mich noch stärker, ich lebe gut damit und freue mich darüber. Deshalb bin ich ja auch nach München gegangen und habe diese neue Herausforderung angenommen. Wir treiben Spitzensport und treffen uns nicht, um die schöne Stadt zu genießen. Das können wir auch noch nach der Saison.

Bei den Bayern ist Ihr Sohn Marko als Sportdirektor jetzt Ihr Chef...

Für viele ist das eine kuriose Situation, für uns ist das eine ganz normale Entwicklung. Marko ist der Chef des ganzen Programms – er hat so viele andere Termine, dass ich ihn seltener sehe als früher, als er noch Spieler war.

Aber dafür leben jetzt Sie zum ersten Mal in derselben Stadt wie Ihr Enkel Luka.

Ich habe mir immer gedacht, irgendwann kommt die Gelegenheit, alles, was meine Familie mir gegeben hat, wieder zurückzugeben. Ich muss ganz ehrlich sagen: Das ist mir noch nicht gelungen. Aber natürlich versuche ich, meine Freizeit mit Luka zu verbringen. Das ist nicht so einfach, denn er ist dauernd irgendwo unterwegs: Er ist jetzt acht Jahre alt und spielt Tischtennis und Fußball. Das waren damals auch meine ersten Sportarten. Im Tischtennis bin ich noch gut. Wenn wir gegeneinander spielen, kämpft Luka, aber noch bin ich besser (lacht).

Wie ist eigentlich Ihr Kontakt zu den prominenten Fans aus dem Fußballbereich des FC Bayern, etwa Bastian Schweinsteiger und Uli Hoeneß, die Stammgast bei den Basketballspielen sind?

Bastian ein sehr netter junger Mann, der Basketball mag. Er kommt oft zu unserem Training, weil die Fußballer ja abends nicht trainieren. Wir haben ein gutes Verhältnis, er ist nicht nur mit Steffen Hamann, sondern auch mit den anderen Spielern befreundet. In dieser Woche habe ich mich mit Herrn Guardiola getroffen, und mit Uli Hoeneß spreche ich sehr oft. Wir gehen zusammen essen, er ist sehr aktiv und interessiert, will alles wissen. Der Kontakt könnte besser nicht sein.

Bayerns Fußballer feiern ihre Titel ja immer auf dem Marienplatz. Für wie wahrscheinlich halten Sie denn eine gemeinsame Party mit den Basketballern im nächsten Sommer?

Ich kann nichts versprechen. Aber das ist natürlich unser Ziel!