Basketball

Alba-Manager Marco Baldi sieht sich als „Überzeugungstäter“

Im Interview erklärt der Macher bei Alba, wie der Basketball-Bundesligist die Zukunft angehen will. Marco Baldi spricht über Pläne, Kontinuität, Fehler und den starken Konkurrenten Bayern München.

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Mit dem Aus im Play-off-Viertelfinale endete die Saison von Alba Berlin im Mai enttäuschend. Nach Wochen des Schweigens spricht Geschäftsführer Marco Baldi (51) im Interview mit den Morgenpost-Redakteuren Sebastian Arlt und Dietmar Wenck über Albas Aufstellung für die Zukunft.

Berliner Morgenpost: Herr Baldi, Sie haben in den vergangenen Wochen immer wieder Interviews abgelehnt, warum?

Marco Baldi: Wir haben in der Vergangenheit viel erklärt, aber von vielen ist am Ende unsere Darstellung nicht so aufgenommen worden, wie wir es gesagt haben. Es ist sinnvoller, dass wir erst etwas tun, dann kann jeder erkennen, was wir tun – und dann können wir darüber reden. Ob das optimal ist, weiß ich jetzt auch nicht.

Sie hatten nach dem frühen Aus im Viertelfinal-Play-off herbe Kritik einstecken müssen. Waren Sie deshalb beleidigt?

Nein. Das darf kein Grund sein, sich ins Schneckenhaus zurückzuziehen. Wenn man in einer Saison den unwichtigsten Titel (lacht), den Pokal, gewinnt, wenn man in der Europaliga das beste Ranking, das eine deutsche Mannschaft jemals erreicht hat, schafft, und man scheidet dann viel zu früh aus dem Play-off aus, hat aber drei absolute Topleistungsträger wegen Verletzung verloren, dann könnte man auch objektiverweise sagen: Da hätte der eine oder andere Klub vielleicht auch ein Problem gehabt. Das dies nicht so war und nicht ist, damit muss man leben.

Was hat Alba denn jetzt vor?

Ich muss vorausschicken, dass Kontinuität zu Recht ein hoch gehandelter Terminus ist. Sie ist auch ein erklärtes Ziel von uns. Wir hatten das auch zu Beginn der vergangenen Saison so geplant: Aber Nathan Peavy und Vule Avdalovic verletzten sich schwer und sind heute noch nicht einsatzfähig. Das war der erste Pfeiler, den wir auch in Hinblick auf die kommende Saison verloren haben. Dazu haben wir bereits früh in der Saison mit Spielern, von denen wir überzeugt waren, dass sie uns auch in Zukunft helfen werden, über Vertragsverlängerungen gesprochen. Das waren Zach Morley, Yassin Idbihi und Deon Thompson, bei denen wir uns finanziell maximal gestreckt haben. Alle Drei haben, und das ist völlig legitim, gesagt: Wir wollen nach der Saison den Markt testen und uns andere Angebote anhören. Dazu kam noch die spezielle Situation mit Heiko Schaffartzik, der den Verein verlassen wollte. Das macht am Ende sechs Spieler, mit denen wir gerne kontinuierlich weitergearbeitet hätten.

Am Ende waren alle weg.

Da kann man rumheulen oder man sagt: Jetzt kommt eine Reinigung. Wir konsequent das umgesetzt, was wir sowieso schon auf dem Plan hatten: Wir haben jüngere deutsche Spieler geholt mit Qualität, mit Potenzial, die noch entwicklungsfähig sind und die richtig Lust haben, bei uns zu spielen. Diese Spieler haben wir längerfristig gebunden. Wir ziehen jetzt ein Fundament für die kommenden Jahre ein, das haben wir jahrelang nicht geschafft.

Warum nicht?

Weil wir während dieser Zeit immer gesagt haben: Wir müssen unbedingt Europaliga spielen, wir müssen hier, wir müssen da. Wir haben es parallel nicht geschafft, eine Basis aufzubauen. Das muss man ehrlich zugeben. Möglicherweise ist es sogar nun sogar hilfreich, dass wir nicht in der Europaliga spielen sondern im Eurocup. Es hilft uns, den Umbruch konsequent durchzuziehen. Und man darf nicht vergessen: Wir haben uns in den letzten Jahren immer bis zum Anschlag gestreckt. Unsere Vorgabe ist aber eine schwarze Null, das ist keine Kann-Bestimmung. Das hat direkten Einfluss auf unser Handeln.

Haben Sie keine Fehler gemacht in der Vergangenheit?

Fehler erkennt man immer hinterher. Ich bin zum Beispiel der tiefen Überzeugung, dass das, was wir jetzt machen, das Richtige ist. Ob es wirklich so ist, wird man erst später beurteilen können. Aber das alles ist ja nicht allein auf meinem Mist gewachsen: Wir haben einen Sportdirektor, einen Präsidenten, einen Hauptgesellschafter, wir diskutieren. Es ist nicht so, dass der Baldi sich die Dinge alleine ausdenkt. Ich war nie ein Tennisspieler, ich war immer Basketballer, also Teamspieler.

Nochmal: Wie war das mit Fehlern?

Ich kann nicht sagen, ich habe immer das Weiseste und Klügste getan. Aber was ich für mich in Anspruch nehmen kann: Ich handle immer aus der Überzeugung, das Beste für den Klub unter den gegebenen Umständen zu tun. Das wird sich nicht ändern. Wenn diese Überzeugung mal gebrochen wird oder ich mit den Vorgaben, die wir haben, überhaupt nicht mehr zurecht komme, dann kann ich die Aufgabe nicht mehr übernehmen. Ich bin ein Überzeugungstäter. Da stecken Blut und Herz dahinter.

Niemals Svetislav Pesic als Trainer zurückgeholt zu haben, war das kein Fehler?

Entweder er war auf dem Markt, wenn wir einen Trainer hatten. Oder er war nicht auf dem Markt, wenn wir gesucht haben und es vielleicht ein Thema gewesen wäre. Außerdem muss es nicht immer gut sein, alte Liebesbeziehungen aufzuwärmen.

Bayern München hat mit einem Etat von zwölf Millionen Euro große Pläne. Wie sehen Sie das, was in München geschieht? Trauen Sie den Bayern eine Dominanz über Jahre zu?

Ganz klar: Das Scouting, was Bayern macht, ist nicht unbedingt durch Kreativität gekennzeichnet, sondern eher durch den Geldbeutel. Aber das ist völlig in Ordnung. Jeder macht das Beste für seinen Klub mit seinen Mitteln. Aber noch ist es so: Wenn einer dominant ist, dann ist das Bamberg.

Früher einmal war Alba selbst der Klub mit dem meisten Geld und dominierte.

Sicher waren wir früher auch einmal eine Zeit lang diejenigen, die das höchste Budget hatten oder erwirtschaften konnten. Dann war es Bamberg, jetzt Bayern.

Jetzt kann Alba finanziell nicht mehr mithalten?

Wir liegen immer noch im Spitzenbereich bei den Budgets. Aber wir werden den Wettbewerb, wer kauft am schnellsten den teuersten Spieler, nicht gewinnen. Das wollen wir auch nicht. Wir können nicht blind überziehen – und dann kommt der gute Onkel und wird’s ausgleichen. Wir müssen uns an die Maxime schwarze Null halten – kreativ sein und an unserem Budget arbeiten. Auch deshalb haben wir vor Jahren begonnen, auf unser Jugendprogramm zu setzten. Wir investieren seit sieben Jahren jährlich zwischen zehn und 15 Prozent unseres Gesamtbudgets in diesen Bereich, mittlerweile deutlich über eine Million Euro jährlich. Wir sind in dieser Zeit zum mitgliederstärksten Basketballverein Deutschlands geworden. Es wird noch einige Jahre dauern, aber wir werden ernten können.

Wie lautet denn nun Albas Saisonziel?

Ich bin kein Freund von Saisonzielen, solange nicht mal die Mannschaft steht, weder unsere, noch die unserer Wettbewerber. Wir können darüber sinnvoll sprechen, wenn sich jeder aufgestellt hat. Unser Ziel ist es, jetzt den Umbruch zu bewerkstelligen und dann eine Statik und ein Fundament aufzubauen, das eine Belastbarkeit für die kommenden Jahre hat. Da wird man auch Geduld brauchen. Wir haben jetzt zehn Spieler unter Vertrag, und wir wissen, dass 2015 mindestens acht davon noch da sein werden. Dennoch streckt man sich im Sport immer nach dem Bestmöglichen.

Das werden Sie auch weiter tun?

Natürlich. Wir haben immer versucht, ein Team zu bauen, das möglichst gleich bereit ist, oben mitzuspielen. Diesen Druck nehmen wir jetzt zugunsten eines Aufbaus etwas raus. Bei der Mannschaft, die wir haben werden, muss man aber nicht die Angst haben, dass man qualitativ in den Keller rutscht. Wir werden wettbewerbsfähig sein.

Die Erwartungen der Öffentlichkeit sind jedoch immer andere: Von Alba wird der Titel einfach erwartet.

Das stimmt, die Wahrnehmung wird aber langsam realistischer. Wir haben schon vor drei Jahren gesagt, dass sich die Rahmenbedingungen total verändert haben. Unser Einfluss, wie das in der Öffentlichkeit aufgenommen wird, ist begrenzt. Unabhängig davon verstehe, dass viele sagen: Es ist mir in letzter Zeit schwergefallen, diesem Verein mit seinen vielen Wechseln zu folgen. Unser Ziel ist, eine Mannschaft zu formen, die einen Kern hat, der bleibt und ein Profil entwickelt. Das geht nicht über Nacht. Aber es gibt keine Kompromisse. So ziehen wir das jetzt durch.

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