Das Saisonende war für Alba Berlin eine riesige Enttäuschung, das 0:3 im Play-off-Viertelfinale um die deutsche Basketball-Meisterschaft gegen Bayern München eine Offenbarung.

Im Interview mit der Berliner Morgenpost spricht Alba-Chef Axel Schweitzer (43) trotzdem Geschäftsführer Marco Baldi das Vertrauen aus und glaubt, dass die Berliner bald wieder um den Titel mitspielen.

Berliner Morgenpost: Herr Schweitzer, drücken Sie jetzt den Bayern die Daumen, dass sie Deutscher Meister werden?

Axel Schweitzer: Zunächst einmal Glückwunsch an die Bayern, sie haben verdient gegen uns gewonnen. Bayern hat alle Möglichkeiten, am Ende ganz oben zu stehen. Für den Basketball wäre es gut, auch in Europa vielleicht eine interessante Konstellation. Dennoch werden Sie nicht von mir hören, dass ich kurzfristig zum Bayern-Fan mutiere. Sicher drücke ich aus alter Verbundenheit zu den vielen Ex-Alba-Kollegen, insbesondere Svetislav Pesic und Muki Mutapcic, die Daumen.

Haben Sie nicht gelesen, dass EuroLeague-Präsident Jordi Bertomeu den Bayern eine Wildcard für kommende Saison anbieten möchte? Das würde wohl bedeuten, dass Alba keine bekäme. Müssen Sie nicht schon deshalb hoffen, dass München Meister wird und somit gar keine Wildcard braucht?

Wir sind in 23 Jahren jedes Jahr europäisch gestartet, und ich bin frohen Mutes, dass wir das auch im 24. Jahr tun werden. Aus den vielen Gesprächen mit Jordi weiß ich, dass Deutschland aus seiner Sicht ein bedeutender Markt für Europa ist. Mit zwei interessanten Marken: Alba Berlin und Bayern München. Warten wir mal ab. Wir sind da sehr gelassen.

Hätte Bayern es überhaupt verdient? Sie haben diese Saison auf den internationalen Wettbewerb verzichtet und im Jahr davor im Eurocup auch keine Bäume ausgerissen.

Sie haben die Wildcard ja noch nicht. Die Anspruchshaltung, die die Bayern bereits heute im Basketball vermitteln, lässt sich nicht ansatzweise durch Erfolge in der Neuzeit rechtfertigen. Unabhängig davon ist der FC Bayern aus dem Fußball heraus eine der führenden Sportmarken Europas. Diese Position hat für den Basketball gravierende Folgen: Bayern gibt aktuell für seinen Spielerkader etwa doppelt so viel aus wie wir. Geld wirft zwar keine Körbe, aber das ist ein Faktor. Auch Bamberg liegt etwa 50 Prozent über unserem Spieleretat.

Einige Vereine sind beunruhigt, weil die Bayern an vielen Talenten dran sind, sie vertraglich binden und dann verleihen wollen. Eine Bedrohung für die Bundesliga?

Die Liga freut sich darüber, dass die Bayern ein Teil von ihr geworden sind. Die BBL stärkt dadurch ihre Position im deutschen Sport als Nummer eins hinter Fußball. Andererseits zieht damit ein Verhalten ein, das man im Basketball bisher nicht kannte und auf das sich alle anderen Klubs einstellen müssen. Aber wenn diese Mittel aus der Sportart heraus am Markt generiert werden, haben wir damit kein Problem.

Wenigstens können die Bayern bei Alba kaum Talente wegholen – da sind in den vergangenen Jahren ja nicht gerade viele entwickelt worden.

In diesem Bereich müssen wir wettbewerbsfähiger werden, das wird ein großer Schwerpunkt unserer zukünftigen Arbeit. Wir investieren Jahr für Jahr einen siebenstelligen Betrag in unsere Nachwuchsarbeit. Vor sieben Jahren haben wir damit intensiv begonnen, haben viele Preise bekommen und sind mittlerweile der größte Basketballverein in Deutschland. Aber auch wir können in sieben Jahren aus Achtjährigen keine 21-Jährigen machen. Wir setzen auf Breite, weil diese Arbeit auch maßgeblich unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit und der sozialen Verankerung steht. Dieser Weg ist länger und teurer. Aber wir gehen ihn weiter. Er wird Erfolg bringen.

Was ist insgesamt in den vergangenen Spielzeiten schief gelaufen? Ein Meistertitel in zehn Jahren, das ist für Alba doch wohl kaum befriedigend, oder?

Natürlich ist jetzt eine Enttäuschung da. Wir verlieren sehr ungern…

…haben aber in dieser Saison häufiger verloren als gewonnen…

Wenn man es ruhig bewertet, was wir in dieser Saison erreichen wollten und erreicht haben: Wir wollten in Europa in die Top 16, das haben wir geschafft und als erste deutsche Mannschaft auch Spiele gewonnen. Bei der Zahl der Zuschauer liegen wir in Europa unter den Top 3. Wir wollten den Pokal gewinnen und haben es geschafft. Wir wollten im Play-off mindestens ins Halbfinale kommen, sind aber im Viertelfinale ausgeschieden. Nach dem Pokalsieg hieß es, wir haben alles richtig gemacht, nach dem Aus gegen die Bayern alles falsch. Die erste Einschätzung war zu euphorisch, die zweite ist zu pessimistisch. Wir sehen es differenzierter. Unter dem Strich sind wir zweimal nacheinander im Play-off-Viertelfinale ausgeschieden. Aber dieses Jahr ist schwer mit dem letzten zu vergleichen. Es gibt aus meiner Sicht in den nächsten Jahren immer mindestens drei, vier Mannschaften, die um den Titel spielen. Und wir sind fest davon überzeugt, dass wir dazugehören werden.

Warum?

Wir haben alle Voraussetzungen dazu. Wir haben die höchsten Mitgliederzahlen, das mit Abstand beste Nachwuchsprogramm, eine gesunde wirtschaftliche Plattform und in den letzten 23 Jahren gezeigt, dass wir nicht alles falsch gemacht haben.

Aber es gab offene Kritik von Nationalspieler Heiko Schaffartzik an Geschäftsführer Marco Baldi und Sportdirektor Mithat Demirel. So etwas ist bei Alba in den letzten 23 Jahren auch noch nicht vorgekommen. Da hat der Verein kein gutes Bild abgegeben.

Heiko ist ein Berliner Junge, und er hat noch ein Jahr Vertrag bei uns. Man muss nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, das er in der Emotion gesagt hat. Das sollte man nicht überbewerten. Das stellt keinesfalls unseren Weg in Frage, den wir auch in Zukunft gehen werden.

Glaubt man den Stimmen, die im Umfeld des Vereins zu hören sind, wird Sasa Obradovic Alba-Trainer bleiben. Wird in solchen Gesprächen, die jetzt geführt werden, eigentlich über alle Positionen nachgedacht?

Welche meinen Sie?

Nun ja, bei einem Meistertitel in zehn Jahren und einigen nicht ganz gelungenen Experimenten in dieser Zeit: Wie steht es um die Position des Gesamtverantwortlichen Marco Baldi?

Marco Baldi steht nicht zur Disposition. Die Entwicklung, die das Projekt von den Anfängen bis jetzt genommen hat, steht zu einem großen Teil für ihn. Aber die Unterstellung, dass unser Verhältnis unkritisch ist, trifft nicht zu. Die Kraft besteht darin, auch miteinander eine Auseinandersetzung um Inhalte zu haben, ohne dies vor einer großen Öffentlichkeit kund zu tun.