Basketball

Alba bekommt Besuch von „Bay guy" Ensminger

Beim Heimspiel gegen Bonn erwartet Alba Berlin ein ganz besonderer Brocken: 114-Kilo-Center Chris Ensminger gilt als einer der härtesten Spieler der Bundesliga – und als einer der unbeliebtesten. Das stört den 38-Jährigen jedoch wenig.

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Die Szene könnte in jeder Halle der Basketball-Bundesliga zu sehen sein. Zwei Spieler kämpfen unter dem Korb um den Ball. Es geht hart zur Sache, hier ein Ziehen und Zerren, dort ein spitzer Ellenbogen. Plötzlich fällt einer um – ein derbes Foul. Die Schiedsrichter pfeifen und geben Freiwürfe. Die Zuschauer skandieren: „Ensminger raus! Ensminger raus!“

Feindbild vieler Fans

Das muss nicht zwingend bedeuten, dass Ensminger auf dem Parkett steht. Nicht mal in der Halle muss er sein. Chris Ensminger spielt für die Telekom Baskets Bonn und ist vielleicht ganz woanders im Einsatz. Egal, jeder Fan kennt Ensminger, und Ensminger kennt auf dem Feld keine Verwandten; er setzt physisch alles ein, was er hat. Deshalb hat er den Ruf des „Bad guy“ weg. Ist Feindbild für alle.

Der Amerikaner weiß das. „Ich finde es lustig“, sagt er. Sicher kennt er auch das Lied von De Randfichten, das ihm zuliebe gern mal intoniert wird: „Lebt denn der alte Holzmichel noch?“ An diesem Freitag (18.30 Uhr, O2 World) bei Alba Berlin wird er es wieder hören. Zum 20. Mal kommt er in die Hauptstadt. Cheerleader tragen dazu einen Schuhplattler vor. Die Fans texten leicht um: „Holzt denn der alte Ensminger noch?“ Anspielungen auf die rustikale Gangart, die ihn beim Kampf um den Ball kennzeichnet. Und sein fortgeschrittenes Basketballer-Alter. Er feierte am 8. Dezember 38. Geburtstag, ist der zweitälteste Spieler der Liga nach dem acht Monate älteren Münchner Darius Hall.

Bestwerte in der Bundesliga

„Wir nehmen das mit Humor. Es bestätigt Chris doch nur in dem, was er macht“, sagt sein Trainer Michael Koch, der weiß: „Er ist überall verhasst, nur beim eigenen Publikum nicht.“ Jeder sieht durchaus angetan so einem Abräumer bei der Arbeit zu – wenn er im Nahkampf aus den Gegnern Kleinholz macht. Und nach Schiedsrichterpfiffen erschrocken die Augen aufreißt, als habe der Blitz gerade sein strohgedecktes Haus getroffen.

„Ensminger raus!“ In Bonn haben sie früher genauso laut gebrüllt, wenn der Center zu Gange war. Längst ist diese offene Ablehnung ehrlicher Bewunderung gewichen. „Sie haben mich anfangs nicht gemocht hier“, drückt es der Spieler diplomatischer aus als Koch, „aber inzwischen sind die meisten damit einverstanden, was ich zeige.“ Der Familienvater spielt seine dritte Saison für die Baskets; der Verein hat den Vertrag mit ihm um zwei Jahre verlängert, trotz der fast 40 Jahre, die er am Ende der Laufzeit alt sein wird.

„Chris ist in jeder Hinsicht ein Profi“, erklärt Präsident Wolfgang Wiedlich das Vertrauen. „Wenn ein 37-Jähriger nach acht Wochen Sommerpause beim Fitnesstest bessere Werte aufweist als die 22-Jährigen, dann weiß ich, wie er seinen Urlaub verbringt. Welche Einstellung er zu seinem Beruf hat.“ Ensminger selbst fühlt sich besser in Form als zu seiner Collegezeit, und die liegt gut 15 Jahre zurück. 125 Kilogramm hat er damals auf die Waage gebracht, momentan sind es nur 114.

Was andere Basketball-Center mit der puren Macht der Masse zu erreichen versuchen, nämlich die Herrschaft unter den Körben, das gelingt Ensminger mit Härte, seiner Beweglichkeit und der Erfahrung aus zwölf Jahren Bundesliga. „Erfahrung kann dir keiner beibringen“, sagt er, „außerdem nutze ich meine Intelligenz.“ Fast niemand kann so gut vorhersehen wie der Amerikaner, wo die Rebounds zu angeln sind, vom Korb oder Brett abspringende Bälle. Rebound bedeutet Ballbesitz, Ballbesitz die Chance, Punkte zu erzielen – deswegen ist Ensminger so wertvoll. 3757 dieser Rebounds hat der Amerikaner sich gegriffen seit 1998, seit die Bundesliga solcherlei Statistiken führt. Erst für den Mitteldeutschen BC, sieben Jahre für die Baskets Bamberg, eine Saison für Paderborn, seit 2009 für die Bonner. Niemand kommt auch nur annähernd in diesen Bereich.

Auch andere Werte des Amerikaners können sich sehen lassen und zeigen, dass er mehr ist als ein grober Basketball-Klotz. 423 Bundesligaspiele hat Ensminger bestritten, mehr als jeder andere aktive Spieler. 4797 Punkte weist seine persönliche Statistik aus, noch ein Bestwert. Unerreicht bleibt Mike Jackel, der verschiedenen Quellen zufolge zwischen 1982 und 1999 über 10.000 Punkte erzielt haben soll. „Das schaffe ich nicht“, lacht Ensminger, „dann müsste ich spielen, bis ich über 50 bin und jedes Mal 20 Punkte machen.“ Immerhin: 8,4 Rebounds im Schnitt, dazu 15 Punkte, beides auf konstantem Niveau – jeder Verein profitiert von einem wie ihm, der momentan auch wieder bester Bonner ist. Fünfmal war er „wertvollster Spieler“ der BBL, neun Mal schaffte er den Sprung ins Allstar-Team.

Wir sprechen über Zahlen, und Ensminger sagt: „Sie bedeuten mir nichts.“ Nur eine zählt: 100 Prozent. So viel gebe er für sein Team, eben alles, und dafür wird er inzwischen auch ligaweit respektiert. Ohnehin, glaubt er, habe sich sein Ruf etwas gebessert, seit er nicht mehr für Bamberg spiele. Dort hatte er seine sportlich erfolgreichste Zeit, wurde zweimal Deutscher Meister. In Kombination mit Uvis Helmanis, Rick Stafford und Steffen Hamann galten die Franken allerdings als eine wahre Holzhackertruppe.

In Bamberg wurde er damals aussortiert; er bringe die Mannschaft nicht mehr vorwärts, hieß es. Ärgert ihn das? Ausweichende Antwort: „Ich bin dort vier Jahre weg. Ich hatte in Bamberg gute Zeiten, in Bonn habe ich auch gute Zeiten.“ Klingt komisch mit 38, aber es geht immer weiter. Vergangene Saison schienen ihn Hüftprobleme zu stoppen. Holzmichel Ensminger bekämpfte sie mit – Yoga. Die Beschwerden sind weg, Yoga ist geblieben. Der Mann ist nicht nur ehrgeizig und erfolgsbesessen, sondern auch lernfähig. Seine Freiwurfquote war seine größte Schwäche, in Bamberg lag sie zeitweise auf Shaquille-O’Neal-Niveau, unter 50 Prozent. Er hat seine Wurftechnik verändert, jetzt liegt sie bei 73 Prozent. Kommt jetzt etwa noch der Dreipunktewurf ins Repertoire? Ensminger muss lachen. Und Jackel soll sich mal nicht zu sicher fühlen.