Axel Schweitzer, Aufsichtsratschef des Alba Berlin Basketballteams, hat Recht, wenn er sagt, dass wohl kaum einer geglaubt hätte, dass seine Mannschaft in einem alles entscheidenden fünften Finalspiel stehen wird. Und dann noch bei den Brose Baskets Bamberg, gegen die Alba am 18. Dezember vergangenen Jahres mit 52:103 die dickste Packung der Klubgeschichte verabreicht bekam. Schweitzer wird in der „Stechert Arena“ dabei sein, wenn die aufregendste Saison, die er seit den ersten Tagen des Engagements seines Unternehmens, aus dem die Marke Alba Berlin entstand, miterlebt hat, heute (20.45Uhr, Sport1 live) zu Ende geht.
Es ist das 68. Spiel dieser Saison für das Team von Trainer Muli Katzurin, für den es, wie auch für seine Spieler, keinen Blick zurück gibt. All die tiefen Täler und auch die teilweise unglaublichen Comebacks – alles egal. Jetzt zählen nur noch diese 40 Minuten, an deren Ende Albas neunte Meisterschaft stehen soll.
„Momentum, Statistiken – das können wir alles vergessen“, sagt Geschäftsführer Marco Baldi. „Das gibt ein Spiel Knochen auf Knochen, das wird weh tun. Die Frage wird sein: Wer schafft es, über die Grenze zu gehen, ohne den Kopf zu verlieren, ohne hektisch zu werden und ohne sich provozieren zu lassen. Da muss jeder für den anderen da sein und über 40 oder auch 45 oder 50 Minuten die größere Widerstandskraft haben. Rückschläge wegstecken, nicht resignieren und im Tunnel bleiben.“ Ein schönes Spiel sei in einem fünften Finale nicht zu erwarten. „Egal, was passiert, ich mache mein Ding und hole alles aus mir raus“, müsse die Haltung eines jeden sein. Emotionen dürften keine Energie kosten und die Spieler runterziehen. „Wir haben unseren Hintern gerettet, mehr nicht“, sagt Baldi deftig auf die Achterbahnfahrt dieser Saison zurückblickend. „Für dieses Spiel haben wir das ganze Jahr gearbeitet.“
"Was war, zählt nicht mehr"
Niederlagen in Hagen oder Tübingen, knapp dreißig Punkte Rückstand im Heimspiel gegen Bonn, die historische Pleite in Bamberg, ein 2:18-Start im zweiten Endspiel gegen die Brose Baskets, gefolgt von einem unglaublichen Comeback – alles Anekdoten, bestenfalls für die Zeit irgendwann danach. „Was war, zählt jetzt nicht mehr. Jetzt geht es nur noch um ein einziges Spiel. Wir haben an uns geglaubt, als keiner mehr an uns geglaubt hat, und haben jeden Tag härter gearbeitet“, sagt Julius Jenkins. „Genau deswegen stehen wir jetzt da, wo wir stehen.“ Und natürlich soll der letzte große Schritt heute in Bamberg folgen. „Jeder hat seine Löcher gehabt. Ich hatte zum Beispiel im dritten Spiel in Bamberg von sieben Würfen nicht einen getroffen, was alles andere als ein Ruhmesblatt ist“, erzählt Yassin Idbihi. „Aber wir haben uns als Team immer wieder zurückgekämpft. Diese Mannschaft hat es verdient, Meister zu werden und deswegen werden wir auch eine gute Leistung zeigen. Jetzt ist es Zeit, uns dafür zu belohnen, mit einem Sieg in Bamberg.“ Wie das in dieser Saison gegangen ist, dass der eine da war, wenn der andere durchhing, erklärt Albas Center mit ähnlich deftigen Worten wie sie zuvor Baldi benutzte. „Da ging nur, weil wir eine unheimliche Kameradschaft haben. Es ist angenehm, mit jedem einzelnen jeden Tag zu arbeiten und deswegen kämpfen wir auch füreinander.“
Patrick Femerling darf dem Team nach seiner Achillessehnenverletzung auf dem Spielfeld nur sporadisch helfen. Am Klima innerhalb der Mannschaft hat er großen Anteil, der Kapitän, Rekordnationalspieler und Euroleague-Champion mit dem FC Barcelona. „Im Training Konkurrenten zu sein und sich gegenseitig besser machen“, beschreibt der, der schon alles gewonnen, das Rezept für ein funktionierendes Team. „Und man muss dem, der dann auf dem Parkett steht, den Erfolg auch ehrlich gönnen.“
Am Ende einer abenteuerlichen Reise
Eine abenteuerliche Reise geht am Samstag für Alba zu Ende und Coach Muli Katzurin, der das Team im Januar nach der Beurlaubung von Luka Pavicevic übernahm, ist „stolz in den letzten 40 Minuten der Saison dabei zu sein“. Es sei „ein ganz spezielles Spiel, wo es nicht nur darum geht zu gewinnen oder zu verlieren, sondern um einen Titel.“ Gegen eine Mannschaft, die in dieser Saison in eigener Halle gegen nationale Konkurrenz noch nie verloren hat. „Wir dürfen uns nicht von Bambergs Aggressivität überraschen lassen“, fordert Katzurin. „Das Team hat die ganze Saison in der Liga den Ton angegeben, wir haben uns von hinten rangekämpft, sie jetzt zweimal geschlagen. Das müssen wir noch einmal tun, auch wenn dort noch keiner gewonnen, wir werden es versuchen.“
Gelingt Albas Trainer der letzte große Coup – mitfeiern wird Muli Katzurin nicht. Sein Flugzeug hebt am Sonntag um 11 Uhr nach Israel ab. Dort heiratet am Dienstag seine Tochter Sharon.




