Alba Berlin

Lucca Staigers neue Defensivstärke

Eigentlich fühlt sich Albas Lucca Staiger in 6,25-Meter-Korb-Entfernung am wohlsten: 43 Prozent seiner Drei-Punkt-Versuche finden ihr Ziel. Beim 68:52-Sieg in Frankfurt warf er kein einziges Mal von dort. Stattdessen überraschte er mit seiner großen Schwäche.

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Er muss selbst lachen, als er auf die Frage antwortet, was seine Stärken als Basketballer sind. „Natürlich ist es der Dreipunktewurf“, sagt Lucca Staiger so spontan, wie er von jenseits der 6,25-Meter-Linie draufhält. Daran gibt es schon mal nichts zu belächeln, mit 43 Prozent Trefferquote macht dem 22-Jährigen bei seinem Verein Alba Berlin aus dieser Distanz niemand etwas vor. Aber dann, nach ein paar Sekunden Nachdenken, fügt er keck an: „Und, ähh, wie man am Mittwoch gesehen hat, ist es auch die Verteidigung jetzt.“ Das ist schon komisch, deshalb lacht er, denn genau an dieser Komponente des komplexen Spiels lag es bisher, dass Staiger in Berlin nicht aus der Reservistenrolle herauskam.

Plötzlich wird er von allen Seiten gelobt, und Grund ist seine Vorstellung am vergangenen Mittwoch beim 68:52-Sieg in Frankfurt . Ohne jeglichen Distanzwurf. „Normalerweise bekomme ich mehr freie Würfe“, sagt er. „In dem Spiel war es eben nicht so. Ich habe mich sehr auf die Verteidigung konzentriert.“ Weil er gedacht habe, das sei das Wichtigste, wie er der Mannschaft helfen könne. Kluger Gedanke, findet Alba-Trainer Muli Katzurin: „Diesmal hat er seine Chance mit beiden Händen ergriffen, mit viel Selbstbewusstsein und viel Herz. Er hat eine gute Defense gezeigt – deshalb blieb er auf dem Feld.“

Erstmals in der Startformation

Schon bei seiner ersten Einwechslung hatte sich Staiger gewundert. Bryce Taylor musste vom Feld, aber nicht Julius Jenkins, sondern der junge Deutsche durfte rauf. Und dann stand er gar zu Beginn der zweiten Halbzeit in der Startformation – zum ersten Mal, seit er im Februar 2010 nach Berlin wechselte. Seine übliche Einsatzzeit beträgt gut zehn Minuten im Schnitt, diesmal währte sie fast doppelt so lang. „Dass Lucca gut werfen kann, weiß jeder“, sagt Katzurin, „das hat er manchmal gezeigt, wenn Showtime war. Aber das ist nicht genug. In Frankfurt hat er vor allem gut verteidigt. Er hat gezeigt, dass er uns helfen kann.“

Nun ist es nicht das erste Mal in der jüngeren Vergangenheit, dass Staiger in der Hinsicht Fortschritte zeigte. Im Training übt er vermehrt, Rebounds zu erobern, und auch das klappt im Spiel immer besser. Viel Willenssache sei das, sagt Staiger, „aber man braucht auch ein gutes Timing“. Wichtig ist, findet Teammanager Mithat Demirel, dass „Lucca jetzt die Dinge macht, die der Coach möchte und die zum Sieg beitragen“. Für einen jungen Mann wie ihn sei es schwer, seine Rolle zu finden in einem Team wie Alba Berlin, wo immer Druck ist, immer Siege erwartet werden. Und wo mit Leuten wie Julius Jenkins, Immanuel McElroy oder Bryce Taylor erfahrene, auf hohem Niveau spielende Konkurrenz in der eigenen Mannschaft um Spielzeit rangelt.

Und nicht vergessen ist auch eine spezielle Begebenheit zu Saisonbeginn, als noch Luka Pavicevic Trainer von Alba Berlin war. Staiger wurde im Europaligaspiel gegen Spirou Charleroi eingewechselt, sein Gegner erzielte einen Dreier, prompt musste der junge Mann wieder vom Feld. Nur 18 Sekunden Einsatzzeit waren aber noch nicht Strafe genug. Anschließend wurde Staiger öffentlich im Fan-Talk von Cotrainer Konstantin Lwowsky für seine schlechte Verteidigung gerügt. Wer nicht dabei war, konnte sich den Rüffel im Internet als Video anschauen. So etwas tut weh, auch wenn Staiger sagt: „Es war zu dem Zeitpunkt Konstantins Meinung, und wir haben darüber gesprochen. Es war danach kein Problem zwischen uns.“ Eine peinliche Aktion bleibt es trotzdem – nicht allein für den Spieler.

Zehn Dreier in einem Spiel

Vielleicht hat die Schelte aber sogar ihr Gutes gehabt. Man kann, wenn die erste Wut und Enttäuschung verraucht sind, daran wachsen, die Herausforderung annehmen. Unkonzentriertheiten abstellen. Erkennen, dass kleine individuelle Fehler der Mannschaft großen Schaden zufügen können. Dass er es besser kann, hat Staiger gerade im Play-off bewiesen. „Ich bin froh, dass wir gewonnen haben und ich so viel Verantwortung tragen durfte. Natürlich wäre es mir lieb, wenn ich beim nächsten Mal wieder so eine Rolle spiele wie in Frankfurt.“ Aber, das weiß er, darüber entscheidet Katzurin: „Für einen Trainer ist es schwer, wenn er eine so tief besetzte Mannschaft hat, alle in die Rotation zu bringen.“ Ihnen also Einsatzzeiten zu geben.

Vor dem vierten Treffen der Play-off-Halbfinalserie am Sonntag (18 Uhr, O2 World) gegen Frankfurt hat Staiger nun sicher ein paar Argumente mehr durch seinen starken Auftritt am Mittwoch. Der Nationalspieler (32 Einsätze) setzt aber auch hier klare Prioritäten, sehr brav, wie sich das bei Alba gehört: „Meine persönliche Leistung steht erst mal in zweiter Reihe. Zuerst zählt die Mannschaft.“ Und wenn ihn die Sehnsucht nach Showtime überkommt, auch davon gibt es ein Video bei Youtube, 54 Sekunden lang. Für die Iowa State University warf Staiger einmal zehn Dreier in einem Spiel – Unirekord. Doch wie Katzurin schon sagte, dass er werfen kann, weiß jeder. Der richtige Zeitpunkt dafür wird schon noch kommen.