Wer zuletzt das Paradebeispiel eines frustrierten Basketball-Profis besichtigen wollte, musste sich nur mit Taylor Rochestie unterhalten. Binnen weniger Wochen ist aus dem lockeren, gesprächigen US-Boy aus Santa Barbara, der vorher immer den Eindruck machte, als sei er gerade vergnügt auf dem Weg zum kalifornischen Strand, ein nachdenklicher Zeitgenosse geworden. Er sitzt in der Trainingshalle sichtlich geknickt auf einer Bank und möchte am liebsten gar nichts sagen. „Es ist jetzt nicht die Zeit zum Reden. Es gibt nur eins zu sagen: Wir müssen gewinnen.“
Auf diesen kurzen Nenner kann man das Ganze bringen. Denn Spielmacher Taylor Rochestie und sein Team von Alba Berlin stehen am heutigen Sonntag gegen die Baskets Oldenburg (17 Uhr, O2 World, live bei Sport1) vor der Wahl: Siegen oder fliegen. Entweder gelingt beim Stand von 2:2 Siegen der dritte Erfolg in der Viertelfinalserie (Best of five) – oder die Saison endet für Alba mit dem niederschmetternd frühen Ausscheiden. Es wäre der schmerzliche Schlusspunkt einer Saison, in der von einem Trainerwechsel im Januar bis zu so vielen Personalrochaden wie noch nie während einer Spielzeit das volle Programm ablief; erst im letzten Drittel der Hauptrunde stabilisierte sich die Mannschaft.
Mit dem Rücken zur Wand
Doch jetzt steht sie im Play-off mit dem Rücken zur Wand. „Ich denke nicht an eine Niederlage“, sagt Trainer Muli Katzurin auf die Frage, was denn wäre, wenn… Er spricht lieber davon, dass in einer solchen Situation gut zu erkennen sei, wer in einer Mannschaft für solche Momente geschaffen sei oder wer nicht. Da kommt schnell die Rede auf Rochestie, der zuletzt schwache Auftritte zeigte. „Ich vertraue ihm zu hundert Prozent, ich habe keinen Zweifel, dass er am Sonntag gut sein wird“, sagt der Coach. Nicht so wie vor allem in Spiel vier in Oldenburg (79:80), als der 25-Jährige nur zwei Punkte durch Freiwürfe erzielte, keiner seiner sieben Würfe aus dem Feld fand sein Ziel. „Ich spiele schlecht“, sagt Rochestie selbstkritisch. Seine Leistung bisher im Play-off: „Ein Witz. Da gibt es keine Entschuldigung.“ Es sei ihm nicht gelungen, das Team zu führen. „Ich muss bessere Entscheidungen treffen.“ Katzurin sagt: „Manchmal will er zuviel und ist übermotiviert.“
Denker und Lenker auf dem Feld muss der Spielmacher sein. Sicher ist auch er nur ein Teil des Teams, aber wohl der wichtigste.
Aufbauarbeit unter Kollegen ist gefragt
Heiko Schaffartzik hat genau registriert, wie down Rochestie gerade ist. Schaffartzik ist der zweite Spielmacher bei Alba und sagt: „Als es bei mir nicht lief, hat er mich unterstützt, jetzt unterstütze ich ihn.“ Mut machen, Aufbauarbeit unter Kollegen, die aber auch Konkurrenten im Kampf um Spielzeit sind. „Ich hätte es lieber, dass er viel spielt und wir gewinnen“, sagt Schaffartzik.
Allein von der Körpersprache her ist der 27-Jährige gerade das komplette Gegenteil von Rochestie. Kerzengerade steht der Nationalspieler da, signalisiert Selbstbewusstsein, er formuliert ruhig und überlegt. Über sich selbst möchte er eigentlich nicht sprechen. „Ich bin nicht sonderlich wichtig. Ich freue mich, wenn ich zum Erfolg der Mannschaft beitragen kann.“ Seine Leistungskurve ging in den vergangenen Wochen nach oben. Immer länger wurde er von Katzurin eingesetzt. Zuletzt profitierte er eben auch von der Schwäche Rochesties – und überzeugte.
Zeit der unkontrollierten Würfe ist vorbei
„Ich musste mir erst darüber klar werden, welche Rolle ich einnehmen soll“, erzählt er. Drei Wochen bevor Luka Pavicevic Ende Januar als Trainer durch Katzurin ersetzt wurde, war der gebürtige Berliner Schaffartzik von Turk Telekom Ankara in seine Heimat zurückgekehrt. Es war erst einmal keine leichte Zeit bei Alba, doch inzwischen hat er die gestellten Aufgaben verinnerlicht. „Aggressiv verteidigen, das Spiel schnell machen, andere in Szene setzen“, so seine Arbeitsplatzbeschreibung. In Gesprächen mit dem Trainer habe sich seine Rolle „erst nach und nach ergeben“, so Schaffartzik. Die Zeiten der wilden und nicht selten erfolgreichen Würfe, die man von ihm kannte, sind vorbei. „Ich nehme mich sehr zurück, was Würfe betrifft.“
Katzurin lobt ihn: „Heiko hat sich sehr verbessert.“ Aber der Trainer stellt auch klar, dass Rochestie seine Nummer eins ist. Deshalb ließ er in der entscheidenden Phase im vierten Spiel dann doch den indisponierten US-Amerikaner spielen, was nicht wirklich erfolgreich war. Und Katzurin lässt auch durchblicken, dass er in ähnlicher Situation erneut Rochestie Schaffartzik vorziehen wird. „Dann wird Taylor wieder auf dem Feld stehen.“
Am Ende kann sich Taylor Rochestie doch ein wenig aus seinem Frust befreien. Im Gehen sagt er noch: „Ich bin bereit für Sonntag.“





