Als noch sieben Minuten zu spielen waren, begannen schon die Feierlichkeiten. „La ola“, die Welle der Begeisterung, schwappte durch die O2 World. „Ihr könnt nach Hause fahr'n“ sangen die Fans von Alba Berlin und meinten damit das Basketballteam aus Oldenburg und ihre etwa 200 Fans. Aus den Lautsprechern dröhnte der Stones-Hit „I can't get no satisfaction“. Mit dem Rücken zur Wand gewann das Team von Trainer Muli Katzurin das fünfte und entscheidende Spiel im Play-off-Viertelfinale nach einer kämpferisch und spielerisch starken Leistung mit 99:68 (50:32) gegen die Baskets Oldenburg. Jetzt heißt der Gegner im Halbfinale Frankfurt Skyliners. Es beginnt (nach dem Modus „Best of five“) am Mittwoch in Frankfurt, Spiel zwei findet am Sonnabend (17 Uhr) in Berlin statt.
Katzurin stolz und erleichtert
„Ich bin sehr stolz auf meine Mannschaft“, sagte Muli Katzurin. „Sie hat dem Druck standgehalten.“ Und er dankte den Fans, „die uns großartig unterstützt haben“. Auch Nationalspieler Yassin Idbihi strahlte: „Wir haben nicht verkrampft, weil wir wussten, dass uns kein Team so schnell zweimal daheim schlagen kann.“ Derrick Allen sah als Hauptgrund für die gute Vorstellung an, „dass wir als Team gespielt und in der Defensive hervorragend gestanden haben“.
Man spürte die Wichtigkeit des Spiels, auf dem Feld, in der Halle. Alle Aktionen waren noch ein bisschen intensiver, die Anfeuerungen der Fans noch enthusiastischer und lauter. Der Alba-Fanblock glich einer gelben Wand. Alle waren in den Bann gezogen von der Situation: „Do or die“ – dieses Alles oder Nichts. Und da es ein besonderes Spiel war und weil auch Wahlkampf ist in der Hauptstadt, hatten zwei Politiker den Weg in die O2 World gefunden, die man sonst dort nicht trifft. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und seine Herausforderin von den Grünen, Renate Künast, waren gekommen. Vorher waren sie noch im Olympiastadion bei Hertha gewesen. Ob sie sich, ganz umweltbewusst, zu einer rot-grünen Fahrgemeinschaft in Richtung Ostbahnhof zusammengetan hatten, wurde nicht bekannt.
Nach dem Spiel wurde Wowereit eingeladen, das Alba-Team in der Kabine zu besuchen. Er nahm die Einladung an, von allein hätte er das nicht gemacht: „Ich bin ja nicht Frau Merkel, die einfach bei der Fußball-Nationalmannschaft in die Kabine geht.“ Er sprach von einem „verdienten Sieg“. Jetzt drücke er Alba für den weiteren Weg die Daumen. „Und ich erwarte die Mannschaft auf meinem Rathausbalkon, wenn die Meisterschaft gewonnen ist.“ Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.
Eine erste Überraschung hatte es gegeben, als das Berliner Team zum Warmmachen die Arena betrat: Patrick Femerling gehörte zum Aufgebot. Damit hatte niemand gerechnet, Alba hatte seinen Auftritt offensichtlich zur geheimen Kommandosache gemacht. Der 36-jährige Center, eigentlich Kapitän der Alba-Mannschaft, hatte sich vor etwa einem Vierteljahr einen Achillessehnenanriss zugezogen, seitdem hatte er gefehlt. Zwar befand sich der Rekordnationalspieler (221 Länderspiele) seit einiger Zeit im Aufbautraining, doch dass er zu dieser Zeit würde zurückkommen können, schien kein Thema zu sein. Eingesetzt wurde er allerdings nicht.
Es begann, auch dies eine Überraschung, als Center nicht Miroslav Raduljica. Katzurin brachte Yassin Idbihi, normalerweise ein Energie-Spender, der erst von der Bank kommt. Die Berliner starteten recht gut, wobei besonders erfreulich war, dass Allen schnell zu sechs Punkten (insgesamt zehn) kam. Er hatte in der vergangenen Partie in Oldenburg keinen einzigen Zähler erzielt. Gestern war der Bann allerdings gleich gebrochen. Allen: „Das hat gut getan.“ Zwar hieß es nach sechs Minuten 15:9, aber immer wieder „verlegten“ die Berliner bei guten Chancen.
Drei Punkte betrug der Vorsprung nach dem ersten Viertel (22:19). Doch dann drehten die Berliner auf. Julius Jenkins, mit 19 Punkten bester Berliner Werfer, lief heiß, Raduljica (12) war unter dem Korb stark – und auch auf der Spielmacherposition waren Heiko Schaffartzik und der zuletzt schwächelnde Taylor Rochestie (11) gut. Schaffartzik war es auch, der mit einem Dreier erstmals eine zweistellige Führung herstellte (31:21/13. Minute). Es war überhaupt der erste erfolgreiche Dreier der Berliner. Doch danach waren auch Distanzwürfe kein Problem. Jenkins, Tadija Dragicevic oder Bryce Taylor (17), sie alle trafen. So wuchs die Führung Albas zum Wechsel auf 18 Punkte (50:32).
Oldenburg mit Foulproblemen
Doch schon oft hatte Alba in dieser Serie eine komfortable Führung gehabt – und diese dann verspielt. Immer wieder war Oldenburg, das Team der „Stehaufmännchen“, zurückgekommen. Diesmal blieb Alba konzentriert. Bei den Rebounds überlegen (insgesamt 38:29), was schon mal ein Schlüssel war, in der Defense fast immer konsequent, im Angriff variantenreich und mit dem Blick für den Mitspieler. Jetzt kam auch Taylor immer besser in Fahrt, Schaffartzik lenkte konzentriert. Die Berliner zogen immer wieder zum Korb, Oldenburg musste foulen. Eddie Gill und Aron Baynes konnten nach vier Fouls von den Baskets nur noch ganz dosiert eingesetzt werden.
Alba hielt Intensität und Konzentration hoch. Allen war es, der nach 27 Minuten das 67:45 erzielte. Schon zu diesem Zeitpunkt hatten die Zuschauer das Gefühl, dass diesmal Oldenburg nicht zurückkommen würde. Zu gut waren die Berliner vor 13.525 Zuschauern. Man merkte ihnen an, wie bereit sie waren, jeder zerriss sich. Immer größer wurde der Vorsprung: Nach 33 Minuten hieß es 78:53, die höchste Führung gab es beim 91:58. „Wir wollen die Hundert seh'n“, forderten die Zuschauer, doch das war dann doch der einzige Wunsch, der ihnen an diesem schönen Abend für Alba nicht erfüllt wurde.





