Erst jetzt spürt er den Kitzel. Jetzt, wo alle Welt denkt, das Basketballteam von Alba Berlin müsse doch längst durch sein. Pustekuchen. Es ist beinahe, als hätte die Saison eben erst begonnen, und doch verändern sich, kaum merklich, die Kleinigkeiten: Spieler lassen sich mit einem Mal Bärte stehen. Andere wechseln die Socken nicht mehr, was wirklich nur bedingt zu ertragen ist. „Du spürst regelrecht: der Climax kommt immer näher“, der Höhepunkt. „Alles, was jetzt passiert, passiert verdichtet.“ Marco Baldi (49), der Geschäftsführer von Alba, kennt diese Phasen. „Nur noch Anspannung.“ Baldi macht diesen Job schließlich seit 20 Jahren. Und zehn Jahre Spieler war er vorher auch schon.
Anspannung und Zuversicht. Nicht, dass er diese Stimmung jedes Mal herbeisehnen würde. Er ist ja kein Masochist. „Aber du sehnst dich nach dem Kitzel. Du wünschst dir diesen Adrenalin-Pegel.“ Sowas geht nicht über die ganze Saison. Jetzt musst du da sein. so was geht nur gegen Ende, wenn du weißt: jetzt geht es um alles. „Länger als im Play-off hältst du das doch gar nicht aus. Und nur, wenn du mit den Kräften und mit den Emotionen haushaltest, kannst du am Ende mit dieser Inbrunst dabei sein.“
Also: die große Flatter. Die Inbrunst. Der Nervenkitzel. Wird bei Alba zurzeit geboten. Viertelfinale um die deutsche Meisterschaft, Gegner Ewe Baskets Oldenburg, Modus „Best of five“, Spielstand 2:2. Kinkerlitzchen, so haben die wieder getönt, die immer tönen. „Als wären unsere Siege Selbstverständlichkeiten.“ Sind sie nicht. Das vierte Spiel gegen die Oldenburger, 79:80, letzte Minute, Mann, das war knapp. Kaum auszuhalten knapp. Und großer Sport. „Es ist ja nicht so, dass du dir die Spannung direkt wünschst. Sie quält dich. Aber sie ist durch nichts zu ersetzen“, sagt Baldi, der Italo-Schwabe. Da denken die Leute immer: Alba? Alba muss doch überall so durchfliegen. Keine Ahnung haben die Leute. Überhaupt keine Ahnung. Wissen gar nicht, wie schwer das ist, immer Favorit zu sein. Jedes Jahr wieder. Und Alba war ganz oft einfach nicht so gut, wie Alba in den Augen der anderen vielleicht aussah.
„Es war nie leicht. Die Ansprüche an uns waren immer größer als die Wahrheit.“ Schon auch eine Kritik an dem Spielmodus der deutschen Basketball-Liga ist das. Aller Anfang ist gar nicht schwer, sondern überflüssig. Es bringt doch gar nichts, über 34 Spiele immer unter den ersten Vier zu stehen. „Dann kommt das Play-off, acht Teams, endlich geht es um alles, und was passiert? Alba fliegt in der ersten Runde raus.“ So war das im vergangenen Jahr im Viertelfinale. Und am Sonntag (17 Uhr, O2 World, live Sport1) geht es im fünften und entscheidenden Spiel erneut um den Sprung ins Halbfinale. Volle Konzentration, ans Finale wird nicht gedacht, auf gar keinen Fall.
Die Saison war voller Hindernisse. „Wir haben den Trainer entlassen müssen. Wir haben unter der Saison Spieler nachverpflichtet, ohne zu wissen, ob sie sich durchsetzen würden oder nicht. Ein Wettlauf mit der Zeit. Natürlich wünscht man sich auch mal den Nervenschoner, den Durchmarsch ohne anzuhalten.“ In Momenten des Nachdenkens und der Nüchternheit. Und dann wird es doch wieder hochdramatisch, wird das Spiel doch wieder erst in der letzten Sekunde entschieden. Wieder hast du Herz und Kreislauf alles abverlangt, du bist richtig kaputt und fertig deshalb, die Emotion hat der Nüchternheit keinen Fitzel Platz gelassen und das war gut so. Und rein rhetorisch stellst du dir die Frage: „Ist es nicht genau das, wofür du bist, wo du bist?“ Es ist.
Alba ist Baldi und Baldi ist Alba. Untrennbar miteinander verbunden. Zwanzig Jahre der Macher, der Geschäftsführer vom Anfang, vom Ende ist erst gar nicht die Rede. Als er kam, 1990 war das, da gab es im Verein nichts, rein gar nichts. Einen Schuhkarton mit Belegen gerade mal, keine Geschäftsstelle, keine Sekretärin, keine Sponsoren. Dafür reichlich Enthusiasmus, Fleiß, Ziele und Ideen bei Marco Baldi und Dieter Hauert, der Präsident trat ein Jahr später an. Seitdem werkeln sie gemeinsam. Auf dem Weg liegen acht Meisterschaften, wuchs bis heute eine Infrastruktur, die nicht alleine eine Meistermannschaft ins Leben rief, sondern bis heute auch 58 Jugendtrainer, 26 Projekte, in Berlin bedeutet Jugendarbeit immer auch Sozialarbeit. „Ich weiß, wir können dieses Engagement, dieses großartige Werk nur weiterentwickeln, wenn wir in der Bundesliga Spitzenergebnisse liefern.“
Dieses Jahr war besonders schwierig, Platz drei nach der Punktspielrunde, „dann haben wir alles in die Waagschale geworfen, was wir hatten“ – und jetzt stehen sie vor dem Einzug ins Halbfinale, einen Sieg im fünften Spiel morgen gegen Oldenburg vorausgesetzt. Wer die Verhältnisse nicht kennt, nicht auch mal hinter die Kulissen schaut, der wird Alba die Siege ganz selbstverständlich abfordern. Doch so einfach war es diesmal nicht, wiederholt Marco Baldi. Und gegen Oldenburg heißt nun das Motto: Do or die. Mach' oder stirb. Dann mal los.





