Der Tag danach war frei. Frei, um, wie es Kapitän Patrick Femerling nannte, „ihn mit der Familie zu verbringen und die Köpfe frei zu bekommen.“ Und um die bittere Pille, die sein Team am Sonntagabend hat schlucken müssen, zu verdauen. Die Basketballer von Alba Berlin sind wie schon im Jahr zuvor nach dem 70:70 gegen Spirou Charleroi im letzten Spiel der Qualifikation zur Europaliga gescheitert. Sechs harte Spiele in drei Wochen, und am Ende steht das Team von Luka Pavicevic mit leeren Händen da. Ein freier Tag mag vielleicht die physischen Folgen eines hart umkämpften Alles-oder-Nichts-Spiels lindern, aber wohl kaum die Enttäuschung, die allen nach der Niederlage tief in die Gesichter geschrieben war. Geschäftsführer Marco Baldi weiß: „Wir gehen jetzt mit einem Rucksack in die Saison.“
Einem Rucksack voller Fragen, auf die vor allem Albas Coach Antworten finden muss. Fragen, die Luka Pavicevic auch schon vor der Partie gegen die Belgier auf dem Zettel hatte. Denn im sechsten Spiel der Qualifikations-Mühle war passiert, was auch schon in den fünfen zuvor passiert war. „Wir hatten uns eine gute Position erarbeitet, waren dann aber nicht ruhig genug, zu überhastet und ungeduldig, um für eine Entscheidung zu sorgen“, fiel die Analyse Pavicevics ähnlich aus wie auch schon nach den Spielen zuvor. Im Falle des 70:70 gegen Charleroi wurde so in zehn Minuten aus einem Fünf-Punkte-Vorsprung (34:29), der ja zum Erreichen der Königsklasse gereicht hätte, ein Sechs-Punkte-Rückstand (46:52). Ein tiefes Loch, in das Alba versunken war. Zu tief, um sich für höhere europäische Aufgaben zu empfehlen. Und das mit Spielern wie Marko Marinovic oder Tadjia Dragicevic, die mit ihrer internationalen Erfahrung eigens im Sommer verpflichtet worden waren, um dem Druck auf dem europäischen Parkett Stand zu halten.
„Wir haben Phasen, in denen wir unsere Defense nicht bis zur letzten Sekunde zu Ende spielen und dann leichte Körbe kassieren, wir holen dann nicht die Rebounds, die wir haben müssten, fallen zurück und kämpfen uns wieder heran“, rätselt Derrick Allen, mit 20 Punkten erneut Albas bester Werfer. „Alles Kleinigkeiten, auf die uns der Coach auch immer hinweist und an denen wir arbeiten. Wenn ich wüsste, warum wir es nicht umsetzen können, würden wir es abstellen.“
Allen und Femerling waren die einzigen, die während der großen Krise im dritten Viertel für Alba punkteten. In den letztlich entscheidenden zehn Minuten, die mit 12:23 verloren gingen, machten beide jeweils sechs Punkte. Von anderen, die als Leistungsträger gelten wie beispielsweise Julius Jenkins, der in der zweiten Halbzeit gar nicht mehr traf, oder Immanuel McElroy, der seine vier Punkte in der 40. Minute machte, war nichts zu sehen. Yassin Idbihi, der mit seinem robusten Einsatz in der ersten Halbzeit (sieben Punkte/fünf Rebounds) Charleroi extrem genervt hatte, saß auf der Bank. Ob und in welcher Besetzung das Nervenkostüm der Mannschaft eventuell stabiler gewesen wäre, muss sich der Trainer jetzt auch beim Studium des Spiel-Videos fragen. Rückwirkend wird es aber keine Antwort geben – alles Spekulation. Unterm Strich steht: Spieler und Trainer gehen mit besagtem Rucksack in die Saison.
Und die hat es in sich. Schon am Freitag wäre es dem Team von Michael Koch ein Hochgenuss, den Berlinern im ersten Bundesliga-Spiel in Bonn gleich die nächste Niederlage zuzufügen. Und zu was für einer Ochsentour sich die zweite europäische Liga, der Eurocup, auswachsen kann, weiß man bei Alba noch bestens aus der vergangenen Saison. „In der Europaliga wären die Verhältnisse klarer gewesen. Du bist in einer Gruppe, in der vier Teams ohnehin stärker sind. Du hast keinen Druck, wenn du verlierst“, rechnet Pavicevic vor. „Im Eurocup sind alle Mannschaften mehr oder weniger auf Augenhöhe. Ein extrem harter Wettbewerb, in dem wir natürlich versuchen werden, so weit wie möglich zu kommen.“
Auch in der Kasse wird sich das Nichterreichen der Europaliga bemerkbar machen. „Mit einer kleineren sechsstelligen Summe“, schätzt Marco Baldi, die allerdings im Etat nicht eingeplant ist. „In der Europaliga hätten wir in der Gruppenphase zehn Spiele gehabt, im Eurocup sind es jetzt sechs knochenharte Spiele mit knochenharten Reisen. Die schillernden Teams mit den großen Namen, die wir nach Berlin bringen wollten, kommen jetzt nicht. Das schmerzt, aber das müssen wir so annehmen.“
Und zwar schnell. Denn würde Alba jetzt auch national einen wackeligen Start hinlegen, würde bis zum Beginn des Eurocups vor allem für den Trainer sicher noch ein zweiter, nicht gerade kleiner Rucksack dazu kommen. „Wir können jetzt anfangen, unser Spiel zu bauen und mehr Stabilität anzugehen“, sagt Baldi. „Bisher war das ja alles mehr ein Crashkurs und dann ging es gleich in die Spielvorbereitung. Jetzt müssen wir ganz schnell die Basis bauen, die wir noch nicht haben.“




