Vermutlich steht Chemnitz bei der Suche nach einem sächsischen Städtereiseziel für viele nicht gerade oben auf der Liste. Aber warum eigentlich? Verstecken muss sich die einstige Hochburg der Textil- und Fahrzeugindustrie und des Maschinen- und Werkzeugbaus vor prominenterer Konkurrenz jedenfalls nicht. Denn auf einmalige Weise erzählt Chemnitz von wirtschaftlichem Erfolg und dem Wirken namhafter Künstler, von Aufbruch und Veränderung.

Eindrucksvoll lässt sein Stadtbild die Geschichte der letzten 200 Jahre aufleben – von der industriellen Revolution, die 1798 mit der Schaffung einer ersten Baumwollspinnerei ihren Anfang nahm, und der bürgerlichen Pracht späterer Jahre über die Ideale aus DDR-Zeiten, als Chemnitz Karl-Marx-Stadt hieß, bis zur Neugestaltung des Stadtzentrums nach der Wende.

Und so vereinen sich alte Fabrikhallen, in deren verlassenen Mauern Restaurants, Museen oder Wohnungen Einzug gehalten haben, elegante Gründerzeitviertel wie der Kaßberg, weniger einnehmende Plattenbauten und die Schöpfungen bekannter Architekten der Gegenwart zu einem großen Ganzen.

Einem Puzzleteil gleich fügt sich da das „Biendo Hotel“ nahtlos in die Stadtgeschichte – maßgeschneidert zum Image von Chemnitz als „Stadt der Moderne“. Seit Sommer 2012 besetzt es die fünfte und sechste Etage des sogenannten Rawema-Hauses.

Der schmale, langgestreckte Bau stammt aus den 60er-Jahren, als in der vom Krieg fast völlig zerstörten Innenstadt mehrstöckige Wohn- und Bürogebäude, Parade- und Einkaufsstraßen entstanden, im unverkennbaren Geschmack sozialistischer Stadtplaner. Zuletzt leer stehend, fand der Rawema-Bau Ende 2009 einen Käufer, wurde kernsaniert und zum attraktiven Standort für Geschäfte, Restaurants – und auch für die 100 Zimmer des „Biendo Hotels“.

Klare Linien, keine Schnörkel

Der Name der modernen und komfortablen Gästeherberge leitet sich vom Spanischen ab: „Bien dormir“ heißt „Gut schlafen“. Und dazu laden nach dem Check-in an der futuristisch anmutenden Rezeption im Erdgeschoss neben sieben Juniorsuiten 46 Einzel- und 47 Doppelzimmer ein. Die Räume (manche mit Küchenzeile) verteilen sich auf zwei baugleiche Geschosse und liegen an endlos scheinenden Fluren, die die ganze Länge des Hauses ausnutzen.

Sie sind einfach, aber geschmackvoll eingerichtet, die Ausstattung favorisiert klare Linien, keine Schnörkel. Weiß, Grau und Rot geben Wänden und Boden, Textilien und Sitzmöbeln Farbe. Viel Licht fällt durch die großen Panoramafenster. Und sie bieten dem Gast weite Ausblicke – egal, ob er sich im luftigen Ambiente des Frühstücksraums für den Tag stärkt, in der dezenten Gemütlichkeit der Lobby-Bar ausruht oder sich in sein Zimmer zurückzieht.

Wer zur Straße hinaus wohnt, schaut auf die fülligen Baumkronen des gegenüberliegenden Parks, um den sich die Architektur verschiedenster Zeiten schart: wie die DDR-Stadthalle, der Rote Turm als letzter Rest der mittelalterlichen Stadtmauer und die Einkaufsgalerie „Roter Turm“, die im Jahr 2000 eröffnet wurde. Sie ist mit sandfarbenen Steinen verkleidet, einem Zinnenkranz als Abschluss versehen und wird überragt von den Türmen des Doppelrathauses am Markt.

Kulturgeschichte im ehemaligen Kaufhaus

Seine zentrale Lage macht das „Biendo Hotel“ zu einem gefragten Ausgangspunkt für einen Stadtrundgang und einen Blick hinter die Kulissen der Moderne. Direkt um die Ecke am Stefan-Heym-Platz steht das „Schocken“, ein Paradebeispiel der Neuen Sachlichkeit. Wie auch der historische Sparkassenbau mit der Kunstsammlung Gunzenhauser und weitere überwiegend dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts entstammende Gebäude, erfuhr das vom berühmten Architekten Erich Mendelsohn entworfene Kaufhaus Schocken eine andere Nutzung.

Hinter den Stein- und Fensterreihen der abgerundeten Fassade zeigt das Staatliche Museum für Archäologie (smac) seit Mai 2014 rund 300.000 Jahre sächsische Kulturgeschichte, beginnend mit den Jägern und Sammlern der Altsteinzeit. Über 6000 Exponate haben die Museumsmacher in einer spannend inszenierten Ausstellung und einer spektakulären Architektur in Szene gesetzt.

Nicht weniger Aushängeschild als das neue Archäologie-Museum ist die Villa Esche im südwestlichen Teil der Innenstadt. Festungsgleich thront das ehemalige Zuhause des Textilfabrikanten Herbert Eugen Esche und seiner Frau Johanna erhöht über der Parkstraße. Die Pläne für die Villa, die 1903 fertiggestellt war, stammen von keinem Geringeren als Henry van de Velde.

Der belgische Künstler gestaltete in seinem ersten architektonischen Auftragswerk in Deutschland jedoch nicht nur das Gebäude, sondern auch das Interieur: Türen, Fenster, Vorhänge, Wandbespannungen, Heizungsverkleidungen, Mobiliar, Geschirr und sogar persönlichste Gegenstände wie eine Pfeife für den Hausherrn. Es ist ein Gesamtkunstwerk in der Formensprache eines reduzierten Jugendstils, ein Meilenstein der Klassischen Moderne.

Heute dient die nach Jahrzehnten der Fremdnutzung und des Verfalls aufwendig sanierte Villa unter anderem als musealer Ort, in dem Besucher Einblicke in die privaten Räumlichkeiten der Fabrikantenfamilie Esche erhalten.

Adresse für Feinschmecker

Als Teil dieser architektonischen Komposition hat sich van de Velde auch dem umgebenden Garten gewidmet, in dem Linden und Rotbuchen, Eichen und Spitzahorn ihren Schatten auf Wege und Rasenstücke werfen. Hinter dem Haus im Grünen steht die ehemalige Remise, die früher unter anderem zur Unterbringung von Ponys und zur Überwinterung von Topfpflanzen verwendet wurde.

Heute ist sie eine empfehlenswerte Adresse für Feinschmecker, das Restaurant bietet eine frische und exquisite Küche. Solange das Wetter mitspielt, sitzen die Gäste am liebsten auf der romantischen Terrasse und genießen zum kalten Gurkensüppchen mit Rotschwanzgarnelen und anderen Köstlichkeiten den weiten Blick in den Park.

Auch anderswo haben sich Restaurants fremden Raums bemächtigt. Wie das „Heck-Art“, das im Wohnhaus von Ex-Wirtschaftsminister Fritz Heckert neben gehobener Kost Kunstausstellungen serviert, oder das „Janssen“, untergebracht im repräsentativen Backsteinbau der Strumpfwirkerei William Janssen. Die stillgelegte Strumpffabrik aus dem Jahr 1894 ist ein schönes Beispiel für das industrielle Erbe der Stadt. Denn so wie auch die umgebaute Gießerei Escher, die heute das Industriemuseum beherbergt, haben etliche der mächtigen Fabrikbauten die Zeiten überdauert, selbst wenn die Schornsteine von Chemnitz nicht mehr rauchen.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom „Biendo Hotel“ Chemnitz und der Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft.