Gleich muss sie auftauchen. Übersehen werden wir die 345 Meter lange und 15 Decks hohe Lady nicht. Dafür haben wir heute Abend den schönsten Logenplatz Hamburgs mit der besten Aussicht auf die „Queen Mary 2“ ergattert: die Lindenterrasse des Hotels „Louis C. Jacob“ am Elbhang.
Vor zehn Jahren traf das Kreuzfahrtschiff zum ersten Mal in Hamburg ein. 400.000 Zuschauer hießen sie am 19. Juli 2004 willkommen. Und das um 5.34 Uhr! „So etwas habe ich noch nie erlebt“, schrieb „Queen Mary 2“-Kapitän Paul Wright in einem Brief an die Stadt über den Massenempfang.
Auch Jost Deitmar, Direktor des Fünfsternehotels „Louis C. Jacob“, erinnert sich noch haargenau an dieses Ereignis: „Es war ein nebelverhangener Tag, kaum etwas war zu sehen. Plötzlich tauchte der Bug der Gigantin aus dem Schleier auf. Einfach mystisch, wie sie sich den Weg zum Hafen ebnete. Wir schwenkten Servietten und Handtücher zur Begrüßung, ganz so, wie man früher am Bahnhof seinen Lieben mit Taschentüchern zuwinkte.“
Mittlerweile ist es 22 Uhr. Die Aufregung nimmt zu. Jeder wartet darauf, die „Queen Mary 2“ zu verabschieden, die als nächstes Ziel New York ansteuert. Gegen acht Uhr legte das Kreuzfahrtschiff am Morgen in der Hansestadt an, aus Norwegen kommend. Einige Hotelgäste hatten ihre Einfahrt gesehen. Bewegend sei es gewesen, ein Gänsehautmoment. Ist doch nur ein Schiff, mag denken, wer das noch nicht erlebt hat.
Hamburgs Einwohner stehen jedes Mal Kopf, wenn der Luxusliner der britischen Traditionsreederei Cunard Line zu Gast ist. Beim Auslaufen wirft dieser stets noch einen „Schulterblick“ auf die Lindenterrasse des „Jacob“ und wird gebührend zurückgegrüßt mit Bettlaken, Kanonendonner und britischen Klassikern. Heute kredenzt Zweisterne-Chefkoch Thomas Martin zudem noch ein exquisites Zehn-Gänge-Jubiläumsmenü.
Eine besondere Beziehung
Zwischen dem hanseatischen Traditionshotel und der Cunard-Königin baute sich eine besondere Beziehung auf. Die Winktücher wurden durch eigens angefertigte Bettlaken mit Sprüchen ersetzt, die Begrüßung gezielter und arrangierter; gemeinsam entwickelten Hotel und Reederei Kreuzfahrtangebote.
Damit hätte der alte Jacob wohl nicht gerechnet. Der Hotelgründer, der ursprünglich Daniel Louis Jacques hieß, floh in den Wirren der Französischen Revolution nach Altona. Er heiratete 1791 die Witwe des Zuckerbäckers und Zündelkönigs Nikolaus Paridom Burmester, der bei der Explosion einer selbstgebauten Böllerkanone gestorben war, und eröffnete auf dessen Grund und Boden sein geschichtsträchtiges Wein- und Logierhaus – direkt an der Elbchaussee.
Diese zählt mit ihren weißen Villen, uralten Bäumen, weiten Parks und gestaffelten Kapitänshäuschen am steilen Ufer zur Prachtmeile Hamburgs, das „Jacob“ wiederum zur feinsten Adresse. Der Stil eines hanseatischen Kaufmannshauses, die vornehme Zurückhaltung und das historische Flair, das sich entspannt mit modernem Luxus vermischt, machen die Atmosphäre des Fünfsternehauses aus.
Hier heiratete Robert Redford
Viele Blankeneser haben hier entweder einen runden Geburtstag gefeiert oder geheiratet. Mancher Promi auch. Hollywoodstar Robert Redford heiratete 2009 an diesem Ort seine deutsche Frau, eine Hamburgerin.
85 Zimmerunikate vereint das privat geführte Hotel, das seit 2002 zu den „Leading-Hotels“ zählt. Unsere Suite befindet sich im neuen Hoteltrakt, über die Elbchaussee rüber. Aus unserem hanseatisch-modernen Maisonetteapartment möchten wir am liebsten nicht mehr raus. Na gut, für das Frühstück am nächsten Morgen schon.
Berühmt ist das Hotel vor allem wegen seiner Lindenterrasse, die der Hugenotte Daniel Louis Jacques als gelernter Landschaftsgärtner anlegte. Hier machen wir es uns in Rattansesseln gemütlich. Etageren und Teller voller herzhafter und süßer Leckereien warten im Restaurant, Eierspeisen werden auf Wunsch an den Tisch gebracht – und Gäste später zur Besichtigung auf die „Queen Mary 2“. Da sind wir dabei!
Gewaltige Ausmaße an Bord
Für viele Menschen ist es ein Traum, einmal mit dem Luxusliner über den Atlantik zu reisen und die Verabschiedung aus Hamburg zu erleben. Für manche ist es Faszination genug, „Queen Mary 2“-Boden unter den Füßen zu spüren und dort zu essen. Das „Jacob“ macht das möglich. Der Shuttlebus kutschiert die Gäste zum Kronprinzkai. Wie ein schwimmendes, breites Hochhaus liegt die „Königin der Meere“ in der Hafencity.
Unter Sicherheitskontrollen betreten wir die Schönheit. 1310 Kabinen (1017 mit Meerblick!) auf 15 Decks beherbergt sie. Verlaufen? Keine Kunst. 2600 Passagiere haben auf der „Queen Mary 2“ Platz, 1300 Besatzungsmitglieder, etliche Restaurants, ein Casino, ein Theater, eine Bibliothek, ein Ballsaal, ein Spa, ein Schiffskrankenhaus, (Außen-)Pools und sogar ein Planetarium.
Alles ist gewaltig. Die Grand Lobby ist sechs Stockwerke hoch mit geschwungener Freitreppe und ausladenden Sofa-Ensembles, daneben gleiten zwei gläserne Panoramafahrstühle empor. Bei soviel Luxus und Opulenz wird einem fast schwindlig.
Das verlangt nach einer Stärkung. Für uns wurde im „Britannia Restaurant“ eingedeckt, im Stil der Goldenen Zwanzigerjahre. Das Dreigangmenü gibt einen Vorgeschmack auf das Essen an Bord, das delikat und durchaus üppig ist. Beim Verdauungsspaziergang auf dem Außendeck liegt uns der Hafen in seiner ganzen Pracht zu Füßen.
Doch die Uhr tickt, der Rundgang an Bord ist vorbei. Auf dem Rückweg spuckt uns der Shuttlebus in der Innenstadt aus. Mit einem Eis setzen wir uns an die Alster und genießen den Trubel, bevor es durch die Alsterarkaden zum Rathausmarkt geht und weiter zum Bummel über die Mönckebergstraße.
Die Aufregung ist deutlich zu spüren
Wir müssen ins Hotel zurück, denn abends steigt die Jubiläumsparty zu Ehren der „Queen Mary 2“. Gegen 22.30 Uhr ist der achte Gang verputzt und die Aufregung deutlich zu spüren. Gleich muss sie da sein!
Von Weitem erklingt ein Schiffshupen. Raddampfer, Segler, Ausflugsboote, alle stehen im Elbwasser Spalier, in blaues Licht getunkt, um Ihre Hoheit feierlich zu geleiten. Die royalen Takte vom „Pomp & Circumstance March No. 1“ ertönen auf der Lindenterrasse, Gänsehaut breitet sich aus.
Hinter dem Blätterwald schiebt sich der Bug der „Queen Mary 2“ aus der Nacht. Ergriffen stehen wir da, Gäste, Personal, teils mit offenen Mündern, vergessen mitzusingen, die Bettlaken zu schwenken. Die Emotionen sind grenzenlos. Die „Queen Mary 2“ ist eben doch nicht nur ein Schiff, sondern weckt Sehnsüchte. Das nächste Mal am 18. August, wenn sie wieder in Hamburg anlegt.
Die Reise wurde unterstützt vom Hotel „Louis C. Jacob“

