„Man sieht nur, was man weiß“ – das berühmte Goethezitat gilt auch im Müritz-Nationalpark. Zum Glück sitzt Libussa Müller mit im Bus von Waren (Müritz) zum Hafendorf Rechlin und erklärt, was es draußen zu sehen gibt. Und so wird aus der Böschung oberhalb der Straße das alte Ufer der Müritz, deren Wasserspiegel durch den Bau des Bolter Kanals in den 1830er-Jahren um anderthalb Meter sank – und aus den knubbeligen, grün überwucherten Hügelchen im Wald werden Binnendünen, die während der letzten Eiszeit entstanden.

Die Nationalpark-Mitarbeiterin weist auf Masten der Überland-Stromtrasse Berlin-Rostock, die quer durch den Park verläuft, und erzählt, dass Fischadler diese „Metallbäume“ in Ermangelung freistehender Bäume für den Bau ihrer Horste adoptiert haben – und das bereits zwei Jahre nach deren Errichtung in den 1930er-Jahren.

Auf einem dieser Hochspannungsmaste ist zudem eine Kamera installiert. Sie liefert Livebilder vom Fischadler-Nachwuchs ins Haus der Nationalpark-Information in Federow.

Die Gegend ist einsam. Pro Quadratkilometer leben hier nur drei bis fünf Einwohner. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs waren es einige mehr: Von Häusern ist zwar nichts mehr zu sehen, doch Libussa Müller weist auf Fliederbüsche und Obstbäume hin, die unvermittelt im Wald wachsen und von einstiger menschlicher Besiedlung zeugen. Doch nach 1945 war die Region am Ostufer der Müritz Sperrzone: Die Russen nutzten sie als Truppenübungsplatz, ein weiterer Teil wurde ab den 1970er-Jahren Jagdgebiet der DDR-Politprominenz.

Am 1. Oktober 1990 wurde der Müritz-Nationalpark mit den Teilgebieten Müritz und Serrahn gegründet, einer der letzten Akte der alten DDR-Regierung. Seitdem kann sich hier die Natur auf einer Fläche von insgesamt 322 Quadratkilometern mehr oder weniger nach eigenen Regeln entwickeln.

Wie auf einem Kreuzfahrtschiff

Für einen Überblick kann man die 167 Stufen zur Aussichtsplattform auf dem 55 Meter hohen Käflingsbergturm in der Nähe des Dörfchens Speck erklimmen – oder man mietet sich im Penthouse auf dem Müritzturm im Hafendorf Rechlin ein, fährt bequem per Fahrstuhl in den fünften Stock und genießt aus mehr als 20 Meter Höhe einen Panoramablick über Wälder und Wasser – selbst von der Badewanne aus.

Ein bisschen fühlt sich der Gast hier wie auf einem Kreuzfahrtschiff, das in einem kleinen nordischen Hafen angelegt hat. Ihm zu Füßen liegt das Feriendorf mit roten, gelben und hellblauen Holzhäusern im skandinavischen Stil, links und rechts Wald und Wiesen, voraus erstreckt sich die Müritz, die mit einer Wasserfläche von 117 Quadratkilometern der größte See innerhalb Deutschlands ist. Der Name stammt vom slawischen „Morcze“, was wiederum „Kleines Meer“ heißt. Ein Stichkanal verbindet die Müritz mit dem kleinen Claassee, wo es zahlreiche Liegeplätze für Boote und Yachten gibt.

Der Urlauber schwebt quasi über den Dingen, so luftig, licht und leicht ist es hier oben im rundumverglasten Dachgeschoss des Müritzturms. Die Farben Weiß, Silber und Türkisblau dominieren die luxuriöse Einrichtung mit Ledermöbeln, Leinenstoffen und lackierten Flächen. Auf der umlaufenden Terrasse warten Liegen auf Sonnenanbeter, an kühleren Tagen sorgen Kamin, eine eigene kleine Sauna und ein Whirlpool für Erwärmung.

Mit dem Go-Kart zum Einkaufen

Diese Annehmlichkeiten, über die auch die meisten Ferienhäuser verfügen, machen den Ferienpark Müritz zum Ganzjahresziel für Familien. Sie kommen besonders aus dem Berliner Raum und den Neuen Bundesländern, aber auch aus Niedersachsen – und das natürlich bevorzugt im Sommer. Zu vielen Häusern, die in verschiedenen Größen buchbar sind, gehört ein Garten oder eine Terrasse, wo gegrillt werden kann. Es gibt zwei Spielplätze und einen Badestrand, zur Erkundung der Region stehen Fahrräder und Go-Karts bereit.

Einige Urlauber lassen es sich nicht nehmen, mit diesen Gefährten zum Einkaufen ins nahe Rechlin zu strampeln. Wann hat man sonst schon Gelegenheit dazu? Wem am parkeigenen Strand zu viele Steine im Wasser das Badevergnügen trüben, der fährt ebenfalls nach Rechlin: Der flach abfallende Sandstrand „Mili“ ist besonders für Kleinkinder gut geeignet.

Parkdirektorin Andrea Stuff erzählt – von damals, heute und morgen. 1918 wurde hier die „Flieger-Versuchs- und Lehranstalt am Müritzsee“ eröffnet. Später testete die Reichsluftwaffe auf dem Gelände ihre Flugzeuge, nach dem Zweiten Weltkrieg stationierten die sowjetischen Streitkräfte hier Jagdbomber und Hubschrauber. Bis 1994 war das Areal Sperrgebiet. Aufgearbeitet ist dieser Teil der deutschen Geschichte im Luftfahrttechnischen Museum am Claassee.

Zauberwort „Konversion“

Der Förderverein, der dieses Museum betreibt, widmet sich mit seinen Ausstellungen auch der Ortsgeschichte sowie der einstigen Volkseigenen Schiffswerft Rechlin. 1996 kaufte die Reederei Kuhnle das Areal und nutzt noch heute einen Teil für den Bau von Hausbooten.

Seitdem lautet das Zauberwort „Konversion“, die Umwandlung von militärischer in zivile Nutzung. Aus der Werft-Industriebrache hat ein Immobilienunternehmen den Ferienpark Müritz entstehen lassen. Die privaten Investoren und heutigen Hauseigentümer machen hier selbst Urlaub oder lassen ihre Kapitalanlage vermieten. Der einstige Beobachtungs- und Büroturm wurde abgerissen und als Landmarke an der südlichen Müritz neu aufgebaut. Unter dem Penthouse befinden sich Appartements sowie die Rezeption und ein Mini-Markt, der allerdings nur zwei Stunden am Tag geöffnet hat.

Im vergangenen Sommer wurde neben dem Anleger für die Schiffe der Weißen Flotte eine neue Hafenmole aufgeschüttet, damit Bootsurlauber leichter in die Marina am Claassee einfahren können. Und wenn die Bundeswehr 2018 ihr Materialdepot auflöst und den Standort Rechlin verlässt, steht die nächste Konversion an: Eine neue Zufahrt ist geplant. Vielleicht auch ein Ausbau der Gastronomie, denn in diesem Bereich ist noch Luft nach oben.

Vor zweieinhalb Jahren verschlug es Andrea Stuff von Berlin an die Müritz. Noch immer ist sie fasziniert von der Natur und der Einsamkeit: „Hier sagen sich Fuchs und Hase ,Gute Nacht’, und man kann ihnen dabei sogar zusehen.“

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von All Season Parks.