Kleine Fluchten

Wie eine friedliche Insel der Zeitlosigkeit

Die Lüneburger Heide, die gerade zu blühen beginnt, ist Natur in Reinform. Ruhe und Genuss bietet dazu das Heidehotel „Rieckmanns Gasthof“ in Bispingen.

Foto: Johann Scheibner / picture-alliance/Dumont Bildarchiv

Jeden Moment müssten wir ihnen begegnen. Sonja Ziemann und Rudolf Prack, ihr als Landschöne im Petticoat-Kleid, ihm als Förster in Uniform, beim gemeinsamen Anbandelungsspaziergang durch die Lüneburger Heide.

Wir fahren mit einer Kutsche, der Wind streicht über die Heide, die noch grünlich-braun wie Wolle den Boden bedeckt. Die ersten Einzelsträucher blühen bereits zartlila. Die Bäume und Büsche schmücken mit ihrem Grün die Landschaft. Nichts stört den Blick. Vor allem hören wir nichts, nur das Getrappel der zwei Kaltblüter. Und das gelegentliche Ermuntern der Pferde durch unseren Kutscher Michel: "Komm, Dickerchen."

Der Kinofilm "Grün ist die Heide" von 1951 war seinerzeit ein Kassenschlager. Groß war die Sehnsucht der Deutschen nach echter Idylle und Unversehrtheit. Nach einem Ort, der nicht vom Krieg zerstört war und der äußerlich nichts mit den kalten Protzbauten der Nationalsozialisten zu tun hatte.

Auch in der Realität war die Lüneburger Heide in den Jahren zwischen Kriegsende und Mauerfall ein beliebtes Naherholungsziel für die West-Berliner. Und eine weitere Verbindung zwischen der heutigen Hauptstadt und der Heide besteht: Man mag es vielleicht für einen Scherz halten, aber tatsächlich gab es Pläne, zumindest einiger weniger, Berlin in die Lüneburger Heide umzusiedeln.

In einem Artikel des "Spiegel" von 1960 steht, dass sich in den Jahren 1958/59 eine deutsch-alliierte Arbeitsgruppe mit der Frage beschäftigte, wohin die Berliner im Falle einer neuerlichen sowjetischen Blockade der Stadt wenigstens teilweise evakuiert werden sollten, darin wird die Heide erwähnt.

Für Schlagzeilen sorgte im gleichen Jahr auch der Militärkorrespondent Leonard Beaton der englischen Tageszeitung "Guardian". Er schlug vor, West-Berlin gegen ein Territorium einzutauschen und den betroffenen Bewohnern freizustellen, sich entsprechend umsiedeln zu lassen. Gut, es waren nur Vorschläge.

Berlins damaliger Regierender Bürgermeister Willy Brandt antwortete: "Es ist eine herrliche Sache, dass die Lüneburger Heide Naturschutzgebiet ist. Dabei sollte es auch bleiben."

Hier vergisst der gestresste Großstädter alles

Die Lüneburger Heide ist Natur in Reinform, heute noch. Die Heidelandschaft rund um den Ort Niederhaverbeck, wo unsere Kutschfahrt beginnt, erlebt man als friedliche Insel der Zeitlosigkeit, die gestresste Großstädter alles vergessen lässt. Das Smartphone in der Hand, mit allen Möglichkeiten zur sozialen Kontaktaufnahme, wirkt wie ein zu lauter Begleiter, auch wenn es nicht klingelt.

Alles Strukturierende wie Uhr oder Kalender wird ausgeblendet. Einzig der Termin für die Wellnessanwendung am Nachmittag darf nicht vergessen werden, doch dazu später.

Die Hauptsaison der Besenheide, die dann so schön lila blüht, beginnt in der Regel zwischen dem 8. August und dem 9. September. In diesem Jahr sei allerdings schon zwei Wochen früher als gewohnt mit der Heideblüte zu rechnen. Zum glücklichen Umstand führt der milde Winter. "Das wird sich besonders auf den Tourismus auswirken", vermutet der Geschäftsführer der Lüneburger Heide GmbH, Ulrich von dem Bruch. Für den gewohnten Zeitraum der Heideblüte seien bereits drei Viertel der Hotelzimmer und Ferienwohnungen gebucht worden.

Wir haben natürlich noch ein Zimmer bekommen. Unsere Flucht hat uns nach Bispingen gebracht. Ja, genau an den Ort, der für die künstliche Erlebniswelt Center Parcs bekannt ist. Wir haben uns für das Heidehotel "Rieckmanns Gasthof" entschieden.

Auf der Buchungsseite Hotel.de bekommt das Hotel stolze 97 Prozent Weiterempfehlungen früherer Gäste, bei Holidaycheck.de sind es sogar 100 Prozent. Das ist eine Ansage und ein Versprechen zugleich. Eines, das gleich vorweg, das das "Rieckmanns" voll erfüllt.

Hoteliers in sechster Generation

Das Hotel wird von der Familie Reibold geführt. Peter Reibold und seine Frau Gaby, beide 48 Jahre alt, haben zwei Söhne, von denen einer später mal das Haus übernehmen soll. Gaby Reibold ist die Erbin des Hotels, ihre Familie führt den Gasthof seit 1812 in bereits sechster Generation.

Der Hotelier hat zunächst als Bankkaufmann gearbeitet und dann noch einmal umgesattelt, die Hotelausbildung gemacht und 2002 das Haus übernommen. "Damals war alles noch relativ einfach", erzählt Peter Reibold, "die Schwierigkeit lag darin, behutsam zu verändern und zu verbessern, ohne dass das Haus viel teurer wird."

Die Familie investierte, mit dem Ziel sehr gute drei Sterne zu halten, in manchen Punkten sogar einen Vier-Sterne-Standard zu bieten, ohne so ausgezeichnet zu sein. "Vier Sterne würden viele unserer Gäste abschrecken", erklärt Reibold.

Regionale Vielfalt im Restaurant

Neben schlichten Möbeln, die das traditionelle Bauwerk des Haupthauses hervorheben, legt Reibold besonderen Wert auf die Qualität im hauseigenen Restaurant "Tafelhuus". Die meisten Zutaten wie Gemüse oder Fleisch kommen aus der Region. Das ist eines der Konzepte der Hotelierfamilie, die regionale Vielfalt zeigen und sich so individuell von anderen Orten abheben.

Die Zimmer entsprechen drei Sternen, die Betten sind neu, Wäsche und Handtücher gestärkt und absolut rein. Allein der Teppichboden in einigen Zimmern muss nicht jedem gefallen. Überall verbindet den Gast kostenloses Wlan mit dem Internet.

Der Fokus des Hotels liegt auf Ruhe und Genuss. Zum Anwesen gehört ein 3000 Quadratmeter großer Garten, mit Schaukeln für Kinder, einem Teich und einem Kräutergarten. Kleine Tische laden ein, seinen Kaffee oder gleich sein ganzes Frühstück mit hinauszunehmen.

Im Hotel gibt es zudem einen Fahrradverleih, für Familien mit Kleinkindern wurde ein neuer Kindersitz angeschafft. Denn für Fahrradtouren und Wanderungen bietet die Lüneburger Heide eine breite Vielfalt. Bispingen Touristik empfiehlt zum Beispiel eine neue Tour: Den 223 Kilometer langen "Heidschnuckenweg" von Hamburg-Fischbek bis nach Celle.

Die Bispinger Etappe wurde in die Riege der Top Trails Deutschland aufgenommen. Sie führt durch das autofreie Naturschutzgebiet rund um Wilsede und dem Totengrund. Wer möchte, kann sogar ohne Gepäck wandern, Bispingen Touristik vermittelt maßgeschneiderte Pauschalen mit Tourenbeschreibungen, Kartenmaterial, Gepäcktransport und Lunchpaket.

Wer dann am nächsten Tag im Wasser entspannen möchte, dem sei ein Besuch in der Soltau-Therme, etwa 15 Kilometer von Bispingen entfernt, empfohlen. Sie ist eleganter und nicht so überladen wie das Erlebnisbad in der Center Parcs-Anlage.

Mit einem Lächeln im Gesicht

Zum hauseigenen Genuss: Wer möchte, kann über die Rezeption eine Wellnessbehandlung buchen. Im Anbau des Hauses hat sich die selbstständige Wellnesstherapeutin, Reikimeisterin und staatlich geprüfte Kosmetikerin Stephanie Daugs einen kleinen Ruheraum mit Behandlungsbank eingerichtet. Ich probiere eine Kosmetikbehandlung und Massage aus.

Nach eineinhalb Stunden, die sich vom Entspannungsgrad her wie fünf Stunden Schlaf anfühlen, wanke ich heraus. Mit einem Lächeln im Gesicht, und – so sagt es meine Begleitung – "fünf Jahre jünger". Stephanie Daugs Massage, kombiniert aus Reiki, klassischer Technik und Lomi Lomi hat Eindruck hinterlassen, ich bin tatsächlich unter ihren Händen eingeschlafen. Die Cremes der Marke Rosa Graf, einer regionalen Kosmetiklinie, haben zudem Wunder gewirkt.

In diesem Zustand steuere ich das Restaurant an, um die Empfehlung des Hauses zu probieren. Peter Reibold ist überzeugt von seinem Spargel mit Hummer, dazu reicht er einen Sauvignon Blanc vom Weingut Uwe Spies, Jahrgang 2012.

Der Spargel wird im Sous-Vide-Verfahren zubereitet, übersetzt heißt das, dass der Spargel eingeschweißt in einem Vakuumierbeutel bei 80 Grad im Ofen gedämpft wird. Durch das schonende Verfahren bleibt ein blumiger Spargelgeschmack erhalten, die Konsistenz ist bissfest. Der Hummer wird halbiert und bei 160 Grad drei Minuten angegart, schließlich mit hausgemachter Café-de-Paris-Butter bestrichen und im Grill gratiniert.

Man würde in der Lüneburger Heide nicht direkt auf den Hummer kommen. Eher auf die angebotenen Wildbratwürste mit Wacholdersauce, Forellen aus dem Silbergrund, Heidschnucke oder das gegrillte Rumpsteak vom Black-Angus-Rind – alles regional natürlich. Der Hummer aber ist einem Syltaufenthalt von Peter Reibold geschuldet.

Er hat das Rezept mitgebracht und bietet jetzt einmal im Jahr die "Sylter Woche" als Sonderaktion an, so wie die Heidschnucken-Woche oder die Spargel- und die Pfifferlingszeit im Sommer. Reibold sagt über seine Arbeit: "Ich bin zufrieden, wenn meine Gäste sagen: So gut habe ich lange nicht mehr gegessen." Heute kann er sehr zufrieden sein.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von "Rieckmanns Gasthof", Bispingen Touristik und dem Mietwagenvermittler Auto Europe.

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