Kleine Fluchten

Neue Einblicke in die Altstadt von Lüneburg gewinnen

Im „Alten Kaufhaus“ in Lüneburg entsteht die Telenovela „Rote Rosen“, und im Keller gibt es Kunst. Stadtspaziergänge führen zu historischen Gebäuden und süßen Köstlichkeiten.

Foto: F. Scholz / picture alliance/Arco Images

Schnell und fast lautlos fließt die Ilmenau vorbei. Kleine Strudel bilden sich an Fußgängerbrücken. Die Sonne geht hinter dem alten Hafen unter, uralte Fachwerkhäuser werfen lange Schatten auf das Wasser. Über die Brausebrücke, die so heißt, weil unter ihr ein rauschendes Wehr liegt, geht es vorbei an Wasserturm, Mühleninsel und Biergarten. Das Lüneburger Wasserviertel atmet Ruhe, Romantik, bürgerliche Geschichte – und ein wenig Glamour: Hier entstehen die meisten Szenen der deutschen Telenovela „Rote Rosen“.

Barock-Fassade zwischen Fachwerk

Zwischen den alten Fachwerkhäusern leuchtet die barocke Fassade des „Alten Kaufhauses“. Dahinter liegen 83 Hotelzimmer mit Blick auf die Ilmenau, den historischen Hafen und natürlich jede Menge Fachwerk. Die Architekten haben kunstvoll Altes mit Neuem kombiniert. Die langen Flure sind mit kleinen Spots erhellt, die Lichtpunkte auf den Boden malen. Gut erhaltene Stützbalken ragen in die modernen Räume; teils gestärkt durch kleine Stahlkonstruktionen.

Zum Teil führt ein dicker Firstbalken sichtbar durch die Zimmer in der obersten Etage, Gauben vergrößern die Räume unter dem Dach. In der untersten Etage gibt es gläserne „Utluchten“, was niederdeutsch ist und Ausblick bedeutet. Sie hängen als große, vorstehende Kästen über dem Wasser – sowohl in der Lobby als auch im Restaurant. Wer sich traut, setzt sich hinein, genießt den Rundumblick und „schwebt“ über dem Fluss.

Das macht vor allem beim Essen Spaß. Im Hotelrestaurant „Canoe“ haben sich der US-amerikanische Koch Dwayne Ridgaway und der Chefkoch des benachbarten Schwesterhotels „Bergström“ Speisen wie Champagner-Senfsuppe mit Bündnerfleisch gemeinsam ausgedacht. Dazu serviert wird duftendes Brot aus eigener Herstellung. Jede Nacht stehen drei Mitarbeiter des Hotels um ein Uhr auf, um das Hotel mit Brot und Brötchen zu versorgen. Ein ungewöhnliches Angebot, das aber mit der Bäckertradition der Eigentümerfamilie zusammenhängt.

Eine Überraschung im Untergeschoss

Doch die größte Überraschung liegt im Untergeschoss. Einige Stufen abwärts, an Sauna und Fitnessbereich vorbei – und die Besucher stehen inmitten einer großen Ausstellung moderner Kunst aus aller Welt. Auf 400 hell erleuchteten Quadratmetern sind Drucke, Radierungen, Skulpturen und Gemälde internationaler Künstlern zu sehen.

Die Sammlung wird von vielen Hotelgästen immer wieder besucht – nach vorheriger Anmeldung. Sie ist entstanden, weil Hoteleigentümer Henning J. Claassen einen Ort suchte, wo er seine im Laufe der Jahrzehnte auf Reisen zusammengetragene Kunst in einer Ausstellung unterbringen konnte.

Das Gebäude selbst blickt dabei auf ein bewegtes Leben zurück, bevor es vor drei Jahren zum Hotel wurde: Lagerstätte für gesalzene Ostseeheringe im Spätmittelalter, nach dem Niedergang der Hanse um 1560 Lagerstätte für alles, was die Bürger von Lüneburg versorgen sollte, schließlich bekam es ein barockes Antlitz.

1959 wurde es zum größten Teil Opfer einer Brandstiftung, in die zweckmäßig wieder errichteten Hallen zog die Feuerwehr ein. Bis schließlich Unternehmer Henning J. Claasen 2008 beschloss, ein Hotel daraus zu machen und seine Optik trotz eines modernen Baus wieder ihrem historischen Ursprung anzugleichen.

Die nähere Umgebung des Hotels erkunden Gäste zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Täglich beginnt um elf Uhr eine anderthalbstündige Stadtführung (6 Euro) durch die Altstadt mit alten Giebeln und bunten Fassaden. Besonders sehenswert: Die Nicolaikirche, deren Kirchenschiff beim Eintreten groß und gewaltig wirkt, dreht man sich am Altar vorne um, wirkt sie plötzlich viel kleiner.

Wer sich alleine auf den Weg machen will, landet zuerst bei Hans und Sven Seelenmeyer. Sie haben aus einer ehemaligen Gewürzmanufaktur mit Fachwerk und weißen Sprossenfenstern die „Lüneburger Bonbonmanufaktur“ gemacht, in der sie 100 Sorten Bonbons und Lakritz anbieten. Jeden Tag führen sie vor, wie an der Bonbonwalze Blaubeer, Waldmeister oder Kirsch-Lakritz-Bonbons entstehen.

Fast wie im Film

Viele Hotelgäste kommen hierher, um den Schauplatz von „Rote Rosen“ zu besuchen. Und schnuppern Filmatmosphäre. Häufig werden hier Szenen gedreht, und das Hotel verwandelt sich dann in den fiktiven Biosupermarkt „Bio Mertens“. Dazu werden für Außenszenen die Fenster mit Werbefolien verklebt.

Wenn Scheinwerfer und Kameras wieder abgebaut sind und die Fenster wieder frei, ist noch lange keine Ruhe im Wasserviertel. Über die Brücken und durch die Gassen eilen die Lüneburger auf dem Weg nach Hause, die Touristen spazieren in den Abend hinein. An der Fassade des „Alten Kaufhauses“ gehen die Lichter an. Erst wenn die Dunkelheit sich über das Wasserviertel senkt, wird auch das Treiben weniger. Und vom Hotelfenster aus ist das leise Rauschen unter der Brausebrücke zu hören.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von der Bergström Hotels GmbH. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit