Wunderbar träge macht die Sonne. Der Morgenkaffee mundet unter geschlossenen Augen. Die frischen Brötchen und liebevoll zubereiteten Köstlichkeiten sind längst getilgt, der lichtdurchflutete Frühstücksraum mittlerweile gegen ein Freiluftplätzchen auf der Terrasse getauscht. Aus naher Ferne sind die fröhlichen Stimmen der Kinder zu hören. Sie sind wohl bei den Pferden, helfen Marie Kunzog und den Stallmädchen beim Striegeln und Bügeln.
So sieht der Urlaubsalltag aus auf dem „Ferienhof Kunzog“ am Ortsrand des Fachwerkstädtchens Gartow, etwa 200 Kilometer und zweieinhalb Autostunden von Berlin entfernt. Der Landkreis im ehemaligen Zonenrandgebiet Wendland inmitten der Niedersächsischen Elbtalaue zählt insgesamt 48.000 Einwohner, Gartow selber hat gerade einmal um die 1000 Bewohner. Aber es ist alles da, was man eben so zum täglichen Leben braucht: Supermärkte, Bäcker, Tankstellen, Eisdielen, Restaurants und eben der beliebte „Ferienhof Kunzog“.
Kinder kommen hierher und werden von den Eltern nicht mehr gesehen. Die einen sausen mit dem Bobbycar übers 6000 Quadratmeter große Grundstück mit seinen vielen Blumen, Stallungen und Entdeckerecken, die anderen schnappen sich Mikado oder wagen sich rauf aufs Pferd.
Urlauber können auch ihre eigenen Rösser unterbringen
Unter Marie Kunzogs erfahrenen Händen werden selbst winzige Angsthasen mutig. Stolz wie Oskar fassen sie die Leine mit an, um Reitjunioren im Kreis zu führen. Und versuchen sich dann selbst: Breit grinsend thront gerade ein dreijähriger Zwerg auf dem Rücken von Shetlandpony Sammy. Für jede Größe gibt es das passende Tier: Sammy, Winny, das Gastpferd, sowie Peggy Sue, eine Kreuzung aus Norweger und Trakehner. In fünf Gastboxen können Urlauber zudem ihre eigenen Rösser zum Ausritt unterbringen.
Peggy, die grau gestreifte Schmusekatze, schleicht auf weißen Pfötchen um unsere Beine. Ausgiebig kraulen wir sie, während wir die Nase weiterhin der Sonne entgegenstrecken und noch einmal die Kaffeetassen füllen. Wunderbar, solch ein Urlaubsmorgen auf dem „Ferienhof Kunzog“. Mit Frühstück auf Bestellung oder hergerichtet in der eigenen Einbauküche der Ferienwohnung, zum Beispiel in Nummer drei.
Die Räume sind hell, rustikal, gemütlich. Im Wohnzimmer warten Essecke und Couch, im Schlafzimmer bequeme (Rattan-)Betten und im bunten Kinderzimmer viel Holz. Unter den Terrakotta-Fliesen versteckt sich eine Fußbodenheizung. Der Spielplatz mit Sandkasten und Kletterturm liegt direkt vor der Nase, Kinderbett und Hochstuhl stehen auf Wunsch bereit.
„Urlaub auf dem Bauernhof“ seit 1973
Bereits seit 1973 bietet Familie Kunzog zertifizierten „Urlaub auf dem Bauernhof“. In insgesamt sechs Ferienappartements respektive -häusern und zwei roten Blockhäusern können sich sowohl Singles und Familien als auch Paare oder Gruppen einmieten. Das Fachwerkensemble versprüht ländlichen Charme und ist neu, aber auf alt gemacht.
Unverändert ist der Innenhof der zentrale Treffpunkt zum Klönen. „In den Sommermonaten werfen wir einmal in der Woche den Grill an, meistens dienstags“, lässt Marie Kunzog wissen. „Jeder Gast bringt sein Fleisch mit und Salat, Nachtisch oder Beilage, von dem alle probieren können.“
Im Jahre 1968 hat ihr Mann Volkhard von seinem Vater, der einst von Pommern nach Gartow auswanderte, den Hof übernommen. Damals standen nur das kleine Spitzdachhaus und die Stallungen. Der Sohn begann Anfang der 70er-Jahre mit der Zimmervermietung, bald wurden die Räume zu Ferienwohnungen und die Stammgäste mehr. Manche kommen schon seit mehr als 35 Jahren und die Kinder nun mit ihren Kindern.
Zweieinhalb Jahrzehnte führte Volkhard Kunzog den Hof als „Nebenerwerb“, während er als landwirtschaftlicher Berater tätig war. Seit der Pensionierung ist die Aufsicht des Ferienhofs nun seine Hauptaufgabe. Früher hatte er Schweine, erzählt der 71-Jährige: „In den 80er-Jahren schafften wir sie ab, dafür kamen Schafe und ein Pony. Im Jahr 2000 tauschten wir dann Schafe in neue Ponys um, da wir merkten, dass das Interesse der Kinder sich darauf konzentrierte.“
Radeln durch die Elbtalaue
Wie wahr! Es ist gar nicht so einfach, den Nachwuchs vom Hof wegzulotsen und zu einer Fahrradtour zu überreden. Endlose Radwege führen ins Biosphärenreservat Elbtalaue mit seiner einmaligen Auenlandschaft und in die romantische Nemitzer Heide mit ihren Schäfern, die ihre Ziegen- oder Schafsherden durch die Landschaft treiben. Lassen wir es mit den Kindern mal langsamer angehen. Sicher verstaut im Fahrradanhänger nehmen wir sie zunächst mit zu einer Runde um den Gartower See.
Gartow, das zu Lüchow-Dannenberg gehört, liegt direkt an der Südseite des Gewässers, das etwas über zwei Kilometer lang und 650 Meter breit ist. Im Jahre 1973 wurde der See als Naherholungsgebiet künstlich angelegt, fügt sich aber harmonisch in die Landschaft ein. Direkt davor erhebt sich die Wendland-Therme, die bei jedem Wetter unbeschwerte Badestunden beschert. Wir bleiben in der Sonne und hinter Marie Kunzog, die gerne die Radtour-Führung übernimmt.
Mal flotter, mal gemütlicher zuckeln wir am Seeufer entlang über sandigen Boden, Stock und Stein. Ein Schwanenpaar gleitet übers Wasser. „Auf dem Gartower See kann man Boot fahren, surfen, angeln und schwimmen“, erzählt Marie. Ihre Augen leuchten, wie immer, wenn sie mit französischem Akzent von ihrer Wahlheimat erzählt.
500 Biber leben wieder hier
Sie stammt aus der Bretagne. 1989 kam sie zum Urlauben her und blieb. Der Liebe wegen – zur Natur, zum Ferienhof und ihrem Mann Volkhard. „Es ist wunderschön im Wendland“, schwärmt sie. „Wir haben Wald, Heide, Elbe, Seen – und seit 1990 auch wieder den Biber.“ Eine kleine Sensation, wenn man weiß, dass der Nager bereits seit 1918 als ausgestorben galt. Heute leben rund 500 Tiere in der Niedersächsischen Elbtalaue, lesen wir später nach. Mit abgenagten Ästen und Zweigen oder Fußabdrücken im Sand hinterlässt er seine Spuren. Ein Rundwanderweg auf dem Seegedeich führt ins Reich des Bibers.
Pause am Gartower See. Die Kinder turnen über den Abenteuerspielplatz, und Marie zeigt in Richtung Elbe hinter uns, wo ihre Lieblingsradtour zum Elbholz ist, einer der letzten relativ naturnah erhaltenen Auwälder in den alten Bundesländern. Eine prächtige Eichenallee führt in circa vier Kilometern dorthin. „Es gibt kaum Autoverkehr, da die Straße nur zu ein paar Höfen abgeht“, sagt Marie. Etwa in der Mitte der Allee kann man von der Vogelwarte aus Kraniche bei ihren Balztänzen beobachten. Sie brüten hier.“
Wer länger entlang der Elbe in die Pedalen treten möchte, nimmt die Route nach Meetschow mit seiner Fachwerkkapelle. Dann weiter nach Gorleben (wohl jedem ein Begriff, durch das Atommülllager, das Anfang der 80er-Jahre im ehemaligen Fischerort errichtet wurde), Laase, Pretzetze, Grippel, Langendorf und Kaltenhof. Rechterhand zeigen sich die Überreste der großen Eisenbahnbrücke über die Elbe. Bis zur Wende galt sie als stummes Zeugnis deutscher Teilung.
Blick nach Mecklenburg-Vorpommern
Auf der neu errichteten Straßenbrücke kann man den Fluss überqueren und hat einen wunderschönen Blick auf Dömitz. Jene mecklenburgische Kleinstadt mit ihrer Festung, in der der Dichter Fritz Reuter einst inhaftiert war.
Lieber Wald statt Wasser? Marie hat eine Fütterung im Wildgatter des Gartower Forstes arrangiert. Zahlreiche Kiefern wachsen auf den sandigen Böden des größten Privatforstes Norddeutschlands, der seit anno 1694 im Besitz der Familie von Bernstorff ist. 200 Meter nach dem Forsthaus Falkenmoor eröffnet sich das Gehege. Die Wildschweine freuen sich über die mitgebrachten rohen Nudeln.
Gerade mal eine Woche sind ihre Frischlinge alt. Tapsigen Schrittes folgen sie ihrer Mama. Gegenüber haben anmutige Rehe und stolze Hirsche ihr Revier. Sie halten nicht viel von unseren mitgebrachten Äpfeln, bewegen sich in sicherer Entfernung und verputzen das Obst wohl erst in dem Moment, wenn wir wieder weg sind.
Kulturerbe Rundlingsdörfer
Das Wendland ist ein Paradies für Tiere, Pflanzen, Menschen. Die starke Gemeinschaft aus Alteingesessenen und Zugezogenen ist etwas ganz Besonderes. Ausdruck findet das in den geschichtsträchtigen Rundlingsdörfern. Sie bestehen aus Drei- und Vierständerhöfen, die sich wie Tortenstücke um einen zentralen Punkt versammeln. Die besondere Siedlungsform ist Teil des kulturellen Erbes und Anwärter für die Unesco-Liste.
Einen Rundling ansehen? Unbedingt. Im stattlichen Lübeln tauchen Gäste des Freiluftmuseums aktiv in die Geschichte ein, blicken wie in guten, alten Zeiten Töpfer, Schmied und Stellmacher über die Schultern und treten ein ins typische Hallenhaus aus dem 18. Jahrhundert mit seiner „guten Stube“. „In dieser wurde genäht, gewebt und geredet“, erzählt Sabine Schöning von der Elbtalaue-Wendland Touristik und erklärt, was es mit der Inschrift im Hoftor auf sich hat. „Erbauer, Baujahr und jetzige Hofinhaber stehen auf dem Spruchbalken sowie eine Glaubensinschrift.“
Die Rundlinge sind jedoch keine Museumsdörfer. Ganz normales Leben findet statt in Orten wie Satemin (unbedingt hinfahren, wenn Pfingstmarkt ist!), Mammoissel, Schreyahn oder Jabel. Das ist in Diahren nicht anders, gut zehn Kilometer weiter von Lübeln. Stattliche Vierständerhäuser gruppieren sich um den Dorfplatz mit altem Baumbestand, das Zuhause vieler Familien. Kinder spielen auf einem Sandberg mit Bagger, Eimerchen und Förmchen. Unsere gesellen sich dazu. So stellt man sich idyllisches Landleben vor. Jetzt noch einen Kaffee, bitte.
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom „Ferienhof Kunzog“.


