Es war nur ein kleiner Abstecher für den Staatsmann, aber ein großer Tag für die Stadtführerin, damals 1988. Francois Mitterrand schien sehr interessiert, und Jytte Asmus war dementsprechend aufgeregt. Aber auch gut vorbereitet. Der damalige französische Staatschef blieb nicht lange, lernte aber eine Menge über Celle von der gebürtigen Dänin. Die kleine, blonde Frau lächelt heute stolz, wenn sie an dieses Erlebnis denkt. Und es war nicht ihr einziger prominenter Gast. Auch Prinzessin Benedicte von Dänemark bekam eine Stadtführung.

Immer noch führt Jytte Asmus fast täglich Gäste auf Deutsch, Dänisch, Französisch, Englisch oder Norwegisch durch die Altstadt, zeigt die schönsten der 500 farbigen Fachwerkhäuser oder beschreibt alte Erzählungen und Sagen.

Celle, die Residenzstadt im Süden der Lüneburger Heide, einst Sitz der Herzöge des Fürstentums Lüneburg, birgt Überraschungen und Merkwürdigkeiten. Die 70.000-Einwohner-Stadt beherbergt das älteste Barocktheater Deutschlands, in der Sankt Marien-Kirche steht die zweitgrößte Orgel Deutschlands. Und das Hochsicherheitsgefängnis, 1724 erbaut, sieht aus wie ein Schloss.

Alte Inschriften auf Fachwerk

Jytte Asmus bahnt sich einen Weg durch eine Schulklasse, die Richtung Residenzmuseum im barocken Celler Schloss strebt. Die Gästeführerin zeigt alte Inschriften auf Fachwerk, die hölzernen, stark profilierten Eingangstüren, die historischen Architekturschätze, die sich in den verwinkelten, kleinen Gassen verstecken. Unter strengen Denkmalschutzauflagen floriert die charmante Altstadt als Geschäftszentrum für die ganze Region.

Ungefähr fünf Minuten zu Fuß vom Rathaus liegt der „Fürstenhof Celle“, der einzige Adelshof aus Celles Barockzeit, der heute noch unbeschadet erhalten ist. In dem herrschaftlichen Landhaus, das um 1670 gebaut wurde, befindet sich seit 1970 ein Hotel. Eigentlich ein Fachwerkhaus, wurde die Fassade mit ihren Balken von Beginn an übermalt – ein Privileg für die Häuser hoher Beamter, um sie von „gewöhnlicher“ Architektur abzugrenzen.

Der Fürstenhof, der zunächst Palais von Adelebsen hieß, wurde von dem italienischen Architekten Stechinelli gebaut. Schon von weitem fällt seine besondere Farbe auf: Ochsenblut. Dieser warme, hell-rötliche Ton der Fassade bildet einen hübschen Kontrast zu den großen weißen Sprossenfenstern. „Die Farbe ist unglaublich schwierig herzustellen“, sagt Hoteldirektor Ingo Schreiber. „Die Restaurierung war deshalb sehr aufwendig. Aber es hat sich gelohnt, finden wir.“

Eine der Remisen ist jetzt eine Trattoria

Er steht in der Terrassentür und blickt auf die abendliche Stimmung im Innenhof. Links und rechts liegen zwei Remisen. Zu der Zeit, als Herzöge hier lebten, waren sie die Herberge von Knechten und Pferden. Eine der Remisen ist nun zur italienischen Trattoria „Palio“ umgebaut, das 16 Gault Millau-Punkte verzeichnet. Unter zwei prächtigen, ausladenden Kastanien, mindestens 150 Jahre alt, stehen Tische und Stühle, Kerzenlaternen beleuchten den Platz.

Angrenzend liegt das Restaurant „Endtenfang“, das seit 26 Jahren einen Michelinstern hat. Die Herzöge von Lüneburg-Braunschweig legten großen Wert darauf, Enten aus ihrem eigenen Fang zu essen. Also ließ Herzog Georg Wilhelm im 17. Jahrhundert im heutigen Stadtteil Boye einen „Endtenfang“ bauen, einen rechteckigen Teich mit Lockenten, Holzplanken und Netzen, wo die Wildenten, damals „Endten“ geschrieben, regelmäßig gefangen werden konnten.

Eine Rarität in Deutschland und Spezialität des Restaurants: Canard à la Presse. Am Tisch werden die Knochen, von denen das fertige zubereitete Entenfleisch gelöst wurde, in eine silberne Entenpresse gegeben. Heraus kommt ein bei Feinschmeckern sehr beliebter Saft, zur Soße angerührt.

Das Landhaus wurde 1969 von Christian Ludwig Graf Hardenberg vor dem Abriss gerettet. Einst hatte auch einer seiner Vorfahren hier gelebt, offenbar Anlass genug, sich des Gebäudes anzunehmen und ein stattliches, modernes Hotel daraus zu machen. Seit 2005 gehört es zu den Althoff-Hotels.

Die barocke, geschwungene Holztreppe stammt aus einem alten Hotel in Hannover. Sie führt hinauf zu den Zimmern und den Veranstaltungsräumen. Sie werden Blaues Zimmer oder Tapetenzimmer genannt, haben in feinem Mosaik gelegten Eichenboden oder handgedruckte Tapeten aus dem 19. Jahrhundert.

Von der Heide- zur Golf-Etage

Im Gebäude dahinter liegt ein Großteil der 72 Zimmer. An den Wänden in den Korridoren hängen die niedersächsischen Adelswappen. Jede Etage hat ein anderes Thema – zum Beispiel Jagd, Pferde, Romantik oder Fürstentum. In der Golf-Etage gibt es Zimmer mit kleinem Putting-Green, in der Heide-Etage Heidschnuckenteppich und Sessel mit Bienenmuster. Zu den Superior-Zimmern gelangt man durch einen Flur mit niedrigen Decken und alten Balken, der Teppichboden ist einer schottischen Wolldecke nachempfunden.

Vom Straßenlärm hört man fast nichts. Das Hotel steht etwas zurückversetzt, die Kastanien bieten ebenfalls Schallschutz. Unweit liegt der Französische Garten, ein großzügiger Park, durch den Jytte Asmus heute aber nicht führt. Sie zeigt auf das Bronzemodell der Stadt, das auf dem großen Marktplatz mitten in der Altstadt steht. Man sieht, es ist ein Stadtmodell zum Anfassen – einige bronzene Dächer und Türme glänzen schon. Die Straßennamen sind in Blindenschrift geprägt.

Jede Pfeife der Orgel ist fein gearbeitet

Dass Celle einmal Residenzstadt wichtiger Fürstenhäuser war, ist nicht nur im Celler Schloss zu entdecken, sondern auch in der Sankt Marien-Kirche. Die aufwendig gestaltete Dekoration ist fast original erhalten, an der Balustrade sind zum Beispiel Szenen aus dem Alten und Neuen Testament illustriert.

Heute noch sieht man anhand der auffälligen Sitze, wo die fürstlichen Familien einst gesessen haben. „Ein Ausdruck großer Macht“, erklärt Jytte Asmus. „Immerhin saßen die Geschlechter Hannover und Braunschweig lange auf dem britischen Thron. 1714 wurde Georg Ludwig von Hannover König Georg der Erste.“

Jede Pfeife der imposanten Orgel ist bis ins Detail fein gearbeitet – die Schlitze, aus denen die Töne entweichen, sind kleine Gesichter aus Gold. Auch Johann Sebastian Bach hat hier Orgel gespielt.

Die Kaffeerösterei wurde vor 162 Jahren gegründet

Wenige Gehminuten hängt ein Schild mit dem königlich Hannoverschen Wappen an einem Fachwerkhaus von 1670: „Fr. Huth Nachf.“. Die Kaffeerösterei, vor 162 Jahren gegründet von Friedrich Huth, sorgt dafür, dass der Duft von frisch geröstetem Kaffee durch die Gassen zieht. Jytte Asmus kennt die Wirkung des Dufts sehr gut.

Während ihre Gruppen meist schnurstracks ins Geschäft streben, hält sie einen Plausch mit Joachim Schwanitz, der als fünfter Besitzer das Geschäft von seinem Vater übernommen hat. Sie ist verwurzelt hier, hat sich aber den interessierten Blick einer „Zugezogenen“ auf die Stadt bewahrt.

Ein Umstand, den Francois Mitterrand wohl zu schätzen wusste. Was dem Franzosen am besten an Celle gefiel, daran könne sie sich nicht mehr erinnern, sagt Jytte Asmus. Sie lächelt verschmitzt und sieht dabei sogar ein wenig stolz aus. „Aber ich hatte den Eindruck, es hat ihm wirklich gut gefallen. “

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom „Fürstenhof Celle“. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit