KLeine Fluchten

In Kloster liegt Hiddensees kreativer Mittelpunkt

Im „Haus Dornbusch“ residierten bereits Gustaf Gründgens, Carl Zuckmayr und Billy Wilder. Heute zieht das einstige Hotel als Appartementhaus besonders Paare und Familien mit Kindern an.

Foto: Heinz Wohner / Getty Images/LOOK

Schon von Weitem ist bei klarer Sicht der Hafen von Kloster zu sehen. Die Fähre drosselt ihr Tempo, die Gäste sammeln ihr Gepäck zusammen, die Besatzung macht sich zum Anlegen bereit. Kaum angekommen, schnappen sich die Gäste ihre Trolleys und rollen los.

Nach wenigen Metern in Richtung Ortszentrum erhebt sich auf einer kleinen Anhöhe das „Haus Dornbusch“ mit seiner leuchtenden Fassade in Blau und Weiß.

Wer das Vier-Sterne-Appartement-Haus betritt, kann im Eingang lesen, wer vor knapp 100 Jahren hier residierte. Als der Bädertourismus begann, zog es vor allem Städter nach Hiddensee und an die Ostseeküste. Das 1913 erbaute Hotel gehörte zu den ersten Adressen. Die reproduzierten Seiten des alten Gästebuchs, die gerahmt im Treppenhaus hängen, erzählen davon.

Der Maler und Berliner Professor Emil Orlik, zu dessen Schülern George Grosz gehörte, verbrachte im Juli 1919 seine Sommerfrische auf der Insel, die Schauspieler Gustaf Gründgens und Otto Gebühr folgten in den 20er-Jahren. Auch der Schriftsteller Carl Zuckmayer sowie der Regisseur und Drehbuchautor Billy Wilder wohnten im Dornbusch.

Der erste Besitzer, Paul Gaul, wusste seinen Gästen sein Haus schmackhaft zu machen. Zu einladenden Fotos von den Zimmern, der Veranda und dem Speise- und Gesellschaftssaal schrieb er damals „größtes und vornehmstes Hotel am Platze, herrliche Lage am Fuße des Hiddenseer Hochlandes mit Aussicht auf die Binnengewässer und das große offene Meer“. Sein Hotel, nahe Hafen und Strand gelegen, war für Gaul „der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Verkehrs“.

Hinter der historischen Fassade ist alles neu

An der Lage hat sich nichts geändert. Die historische Fassade ist erhalten geblieben, dahinter wurde alles neu gemacht. Das Lesezimmer, das Restaurant und die 28 Gästeappartements sind mit hellen Möbeln aus Ahornholz, Rattan und blauen Stoffen eingerichtet.

Längst ist das Haus kein vornehmes Hotel mehr, sondern eine Adresse, in der sich Paare und Familien mit Kindern wohlfühlen. Das Restaurant Inselstube mit großer Fensterfront ist gleichzeitig der Frühstücksraum.

Nach dem Zweiten Weltkrieg diente das Haus als Flüchtlingsunterkunft. Der frühere Besitzer verkaufte das Hotel an seinen Oberkellner. Anschließend wurde das ehemalige Hotel Dornbusch eine Gaststätte mit Tanzsaal, 1996 eröffnete es als Betriebsferienheim und wurde im Jahr 2000 wieder geschlossen.

Ein Unternehmer aus Schleswig-Holstein kaufte das geschichtsträchtige Objekt und setzte im Jahr 2004 schließlich Stefan Schlegel, den heutigen Leiter, als Geschäftsführer ein. „Ich bin nach und nach in die Hotellerie hineingewachsen“, sagt Schlegel, der aus der Nähe von Dresden stammt.

Die Insel Rügen im Blick

Die Heidelandschaft bei Neuendorf mit den weiten Wiesen im Süden und das Vogelschutzgebiet in Altbessin nordöstlich von Kloster mit guter Sicht zur Insel Rügen begeistern ihn immer noch.

Doch auch in Kloster gibt es einiges zu entdecken. Wenige Meter vom Hotel Dornbusch entfernt, am Rande des Ortszentrums, befindet sich das Haus des Dichters, Dramatikers und Literaturnobelpreisträgers Gerhart Hauptmann. Schon bei seinem ersten Aufenthalt 1885 beeindruckte ihn die Natur der Insel. Weitere Reisen folgten, und 1930 erwarb er das Haus Seedorn als Sommerhaus.

Seit 2012 besitzt das Haus einen Ausstellungspavillon mit einer gut sortierten Buchhandlung. So wie Gerhart Hauptmann zog es viele Künstler, Schriftsteller und Schauspieler nach Hiddensee. Diesen wird künftig eine Ausstellung in dem neuen Gebäude gewidmet.

Mehr über die Inselgeschichte und auch über ihre illustren Bewohner kann man wenige Meter weiter im Heimatmuseum erfahren. Hier wird auch eine Kopie des Hiddenseer Goldschatzes gezeigt, ein Wikingerschatz aus dem 10. Jahrhundert. Im Erdgeschoss befindet sich eine Galerie, die zudem wechselnde Ausstellung zeigt.

Stars und Künstler als Urlauber

Am besten lässt sich die autofreie Insel mit dem Fahrrad, beim Reiten oder bei einer Kutschfahrt entdecken. Der Hauptort Vitte ist nur etwa zwei Kilometer entfernt. Kurz vor Vitte befindet sich linker Hand das „Karussell“. Der Architekt Max Taut entwarf das moderne, fast runde Haus ursprünglich für einen Geschäftsmann.

Berühmt wurde es erst durch die zweite Besitzerin, den dänischen Stummfilmstar Asta Nielsen. Bis 1936 verbrachte sie hier jeden Sommer gemeinsam mit ihrer Schwester und Gästen, darunter der Schauspieler Heinrich George und der Dichter Joachim Ringelnatz. Heute kann man das Haus im Rahmen von Führungen besichtigen.

Wenn die See allerdings mal richtig braust und der Wind ordentlich faucht, sollte man unbedingt einen Spaziergang am Meer einplanen. Denn nach starken Weststürmen stehen die Chancen recht gut, dass das Gold der Ostsee angespült wird: Bernstein. Wer den Kescher in die Hand nimmt und die Augen offen hält, kann die Steinchen am Meeressaum finden.

Und mit ihnen dann gleich nach Vitte eilen: In den Monaten von April bis Oktober nämlich kann man immer dienstags und donnerstags in der Bernsteinwerkstatt von Ingolf Engels unter Anleitung Bernsteine schleifen. So kann man die Steine, die man gefunden hat, zu ganz persönlichen Schmuckstücken machen. Wer kein Glück bei der Suche am Meer hatte, nimmt die Bernsteine, die in der Werkstatt in verschiedenen Größen vorrätig sind. Das Steineschleifen ist für jedes Alter geeignet, vom Kind bis zum Senior.

Im „Haus Dornbusch“ in Kloster ist das Ehepaar Köhler aus Oberursel bei Frankfurt/Main unter den Gästen und genießt das Frühstücksbüfett. „Wir besitzen seit zwölf Jahren eine Ferienwohnung auf Rügen und sind jetzt zum ersten Mal auf Hiddensee“, erzählt der Richter Daniel Köhler. Nach ausgedehnten Spaziergängen und Radtouren freuen sie sich auf die Sauna und das Schwimmbad im Hotel. Schon nach zwei Tagen wissen die beiden: Es wird nicht ihr letzter Besuch gewesen sein.