Acht barfüßige Menschen eilen an einem sonnigen Wintertag über den Ostseestrand der Insel Usedom Richtung Wasser. Die Blicke in sich gekehrt, bekleidet nur mit weißen Mänteln wie Mönche, durchqueren sie zielstrebig den Strom der Spaziergänger zwischen den Kaiserbädern Ahlbeck und Heringsdorf. Dann: ein lauter Schrei. Und ein Platschen. Die „Mönche“ haben sich frei gemacht und tauchen johlend ins drei Grad kalte Wasser. Ein paar Spaziergänger sind stehen geblieben. Manche staunen. Andere kennen das schon. „Ach, das sind nur Hotelgäste“, sagt ein älterer Herr in Funktionsjacke, Pudelmütze und Kennerblick. „Die machen das jede Woche.“

Genauer gesagt: Es sind jede Woche wieder neue Gäste, die Wellness-Trainerin Diana Göhler ans eiskalte Wasser heranführt wie an ein heiliges Ritual. Die 33-Jährige arbeitet im „Strandhotel Ostseeblick“ in Heringsdorf und ist die Erfinderin des winterlichen Ostsee-Vergnügens. Mit bestärkenden Worten („niemand muss mit, aber es ist ein wunderbares Gefühl und regt den Kreislauf an“) lockt sie ihre Gäste aus der fast 100 Grad heißen finnischen Sauna an den Strand. Fürsorglich trägt sie in zwei Eimern heiße Fußbäder hinterher.

Seebrücke in Sichtweite

Das Bad in der Ostsee gehört zu den Höhepunkten im Winter-Wellnessprogramm im „Strandhotel Ostseeblick“, das in Heringsdorf an strategisch günstigem Platz liegt. In Sichtweite der Seebrücke, mit dem Eingang direkt im historischen Ort.

Was hier stattfindet, ist nichts weniger als die Wiederentdeckung des Ostseevergnügens, wie es schon einmal Mode war. Wer zwischen den frisch sanierten historischen weißen Villen und Kurhotels der alten „Kaiserbäder“ Heringsdorf, Ahlbeck und Bansin spazieren geht, kann wieder spüren, wie es gewesen sein muss, als hier vor 100 Jahren wohlhabende Bürger ihre Sommerresidenzen bauten. Als Zeit noch eine andere Bedeutung hatte. Als man nicht für ein Wochenende kam, sondern gleich für den ganzen Sommer. Maler wie Lyonel Feininger und Schriftsteller wie Thomas Mann entdeckten die Insel mit ihren stillen Weiten aus Strand und Meer, Feldern und Wäldern. Eine Gegenwelt zur brüllenden, boomenden Großstadt.

Auf dem Weg zurück ins Hotel bereitet Diana Göhler ihre Gäste auf den nächsten Punkt des Saunavergnügens vor: Ganzkörper-Algen-Peeling im „Tepidarium“. Sechs feste Mitarbeiter kümmern sich im 1000 Quadratmeter großen Wellness-Bereich um das Wohl der Besucher. Das Angebot reicht von medizinischen Massagen über Fitness an professionellen Geräten bis zu kosmetischen Behandlungen in der „Beauty-Lounge“. Im Relax-Guide 2014 gab es dafür gerade zwei Lilien als Auszeichnung.

Im Saunabereich nehmen die vier Gäste-Paare vom Strand auf wohlig warmen Kachelbänken im Tepidarium Platz. Die Frauen kichern zufrieden, als Wellness-Trainerin Göhler ihnen duftende Algen-Creme in die Hand gibt. Die Männer, die eben am Strand noch große Sprüche gemacht haben, grinsen unsicher und lassen sich erklären, wie man eine Gesichtsmaske aufträgt.

Getrocknete Kräuter für den Sauna-Aufguss

Wie verrückt muss man sein, um im Winter an einem belebten Strand die Hüllen fallen zu lassen? Sich in Gesellschaft fremder Menschen mit Essenzen zu bestreichen? Nicht sehr, offenbar. Diana Göhler sagt: Die Idee sei, „Schnupperangebote“ zu machen. Viele Gäste haben sich so erstmals in eine Sauna gewagt, Stöcke fürs Nordic Walking in die Hand genommen, sich im Sommer am Strand massieren lassen – oder ins winterkalte Meer gewagt. Viele kommen wieder.

Diana Göhler arbeitet seit zehn Jahren hier. Sie stammt aus Sachsen. „Eigentlich wollte ich nur zwei Jahre bleiben“, sie lacht. Heute ist sie mit Mann und Kind auf Usedom zu Hause. Zum Sauna-Aufguss bringt sie getrocknete Kräuter aus dem eigenen Garten mit. Den Duft von Heimat.

Auch das ist es, was die Gäste am „Ostseeblick“ mögen: das vertraute Gefühl, ein bisschen zu Hause zu sein, zu Gast bei guten Bekannten. Das Inhaber-Ehepaar Sibylle und Uwe Wehrmann wohnt selbst mit im Haus, sie haben den Stil geprägt. Von den 61 modern gestalteten Zimmern bis hin zur Hotel-Lounge, in der auf gemütlichen Sofas am Kamin mit Ostseeblick auch düstere Regentage zum gemütlichen Erlebnis werden. Die Großeltern der Wehrmanns hatten 1936 das ursprüngliche Hotel erworben, waren in den 50er-Jahren durch die DDR enteignet worden, die auf dem Areal ein FDGB-Ferienheim baute. Die Kinder erstritten das Areal nach der Wende zurück. Der heutige moderne Hotelbau ist nun in der Hand der Enkelgeneration.

Ein Bad im warmen Pool

Unter den Saunagästen, die inzwischen im Ruheraum liegen, gibt es nicht wenige, die diese Geschichte kennen und gern weitererzählen. Es gebe ja immer weniger inhabergeführte Hotels, sagt ein Hamburger Ehepaar. Sie kommen seit zehn Jahren hierher, sagt sie, und er ergänzt: „Vor allem wegen der Küche“. Dann herrscht Schweigen angesichts des großen Meerpanoramas draußen. Die untergehende Sonne lässt den Himmel orange aufleuchten. Die Ostsee antwortet gleißend hellblau. Wenig später spiegeln sich im tiefschwarzen Wasser die Lichter der Seebrücke. Zeit für eine letztes Bad im warmen Pool.

Am Abend sitzen im Restaurant „Bernstein“ die Menschen beim Vier-Gänge-Menü. Meer macht hungrig, und glücklicherweise sind auch auf Usedom die Zeiten vorbei, in denen der Gast zwischen Soljanka und Würzfleisch wählen musste. Die gibt es zwar auch noch, als kultige DDR-Zitate. Im „Bernstein“ aber wird nach Gourmet-Prinzipien gekocht. Seit 2007 steht hier der Niederländer Arjan Mensies am Herd. Mit seiner unkonventionellen Art hat er sich inzwischen 15 Punkte im Gault-Millau erkocht. Seine Kochkurse gehören zu den beliebtesten Angeboten des Hotels.

Am nächsten Tag stehen fast 20 Gäste rund um den Koch, der mit seinen hellblonden Stoppelhaaren ein bisschen aussieht wie Sting und dessen Deutsch so klingt wie das des frühen Rudi Carrell. Mensies hat Miesmuscheln für eine Suppe mitgebracht und Austern, die gratiniert werden sollen.

Er erklärt grinsend, wie man Austern knackt, ohne sich zu verletzen („man lässt es den Koch machen“) und präzise, welche Gerichte sich fürs Niedrigtemperatur-Garen eignen („ein Lachs braucht vier Stunden bei 38 Grad“). Und er schildert, wie er auf seine berühmten Dekorationsideen kommt. „Heute hab’ ich einen alten Plattenspieler gekauft, auf den stellen wir die Teller, um Sauce in Spiralmustern aufzutragen. Ist doch toll!“

Zeit hat hier andere Bedeutung

Dieser Koch ist kein Apologet hoher Küchengeheimnisse. Sondern ein Gefühlsmensch, der zum Mitmachen animieren will, zum Genießen. Und zum Lachen.

Am nächsten Tag, nimmt man sich vor, wird man dann wirklich aufbrechen, die Insel zu entdecken. Sie hat noch viel mehr zu bieten als weißen Strand und weiße Villen. Ein Besuch im nahen Swinemünde (Świnoujście) zum Beispiel ist ein Ausflug in eine andere Welt.

Das polnische Städtchen hat sich inzwischen herausputzt und ist eine echte Konkurrenz der Kaiserbäder. Oder ein lieber ein Ausflug ans nahe Achterwasser, in winzige Fischerdörfer wie den Ort Kamminke, wo die Zeit stillzustehen scheint?

Am besten, das weiß jeder Fernreisende, lernt man fremde Inseln mit den Augen der Einheimischen kennen. Rudi Dargel kutschiert seine Gäste mit dem Auto oder Boot über Straßen, Seen und Meer. „Mehrblicke“ heißt seine Agentur für Erlebnistouren. Das Wortspiel trifft zu. Die Besucher kehren mit echtem Herrschaftswissen zurück. Vom Geheimnis des Heringsdorfer Rathauses (es war ursprünglich ein Warmbad) bis zur Frage, warum sich die dicken Dampfer da draußen gar nicht bewegen. Es sind Frachtschiffe auf „Außenreede“, hat Dargel erläutert. Sie warten schlichtweg auf Aufträge.

Ein schönes Bild. Ein Usedom-Besuch im Winter ist, wenn man so will, eine Art touristische Außenreede für gestresste Großstädter. Im Anblick der weiten See sitzt man da und stellt fest, wie die wirkliche Welt sich weiter und weiter entfernt. Stress? Nö. Zeit hat auf Usedom einfach eine andere Bedeutung.

Die Teilnahme an der Reise wurde unter-stützt vom „Strandhotel Ostseeblick“. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit