Wenn sich Arnstadt vollmundig „Bachstadt“ nennt, dann kann es eigentlich nur hoffen, dass niemand so genau das damalige Verhältnis des Ortes zu seinem Organisten Johann Sebastian hinterfragt. Das war nämlich ziemlich gespannt.
Der junge, nicht durchweg dienstbeflissene Bursche hatte ständig Querelen mit dem Kirchenkomitee. Er nahm Urlaub, wie er wollte und sogar eine „frembde Jungfer“ mit auf die Orgelempore. Ihm wurde vorgeworfen, die Gemeinde mit ungewöhnlichen Tönen zu verwirren, mal mit zu langen und dann trotzig mit zu kurzen Stücken.
Und also sieht man den großen Komponisten in Arnstadt nicht wie in seiner Geburtsstadt Eisenach oder an seiner Wirkungsstätte als Thomas-Kantor in Leipzig würdevoll über seine Verehrer blicken. Nein, er lümmelt als cooler Typ auf dem Denkmalsockel. Es scheint, als wolle er jeden Augenblick herabspringen und seiner Wege ziehen – wie er es dann ja auch tat.
Dennoch blieb mehr als anderswo von Bach zurück, um Arnstadt-Besuchern etwas zu zeigen. Und es gab nicht nur Johann Sebastian in Arnstadt, sondern von 1620 bis 1792 noch viele andere Mitglieder der weitverzweigten Musiker-Familie.
Zwei Dutzend Sehenswürdigkeiten
Ein Rundgang durch das einst reiche Handels-Städtchen führt vorbei an zwei Dutzend Sehenswürdigkeiten, von denen die meisten mit der Familie Bach in Verbindung stehen. Absolutes Muss sind die Bachkirche, das Bach-Haus und die Bach-Ausstellung im Schloss. Höhepunkte des Konzertlebens in Arnstadt sind das Bachfestival in März, die Thüringer Bachwochen im April und der Bach:Sommer unter der künstlerischen Leitung von Joshua Rifkin im August.
Zu den Guides, die Touristen über die Plätze, entlang der Stadtmauer, in die Höfe und durch die Gassen begleiten, gehört Judith Rüber. Vor allem führt sie Gäste, die in ihrem Hotel, dem „Stadthaus Arnstadt“, wohnen. Schon das ist ein Stück Geschichte und deshalb ein wenig anders. Es ist eine Unterkunft, die zwar nicht ohne Noblesse daherkommt, aber dennoch viel von einer gemütlichen, ländlichen Herberge hat.
Der Gast klingelt an der Haustür, wenn er einchecken möchte. Er stellt sein Gepäck nicht an einer herkömmlichen Rezeption ab, sondern auf der kunstvoll geschnitzten Bank in der Diele. Auf dem Weg in sein Zimmer kann es schon mal passieren, dass die hölzernen Stufen knarren. In den Gasträumen, der Bohlenstube oder im Schwarzküchengewölbe ist nicht wie üblich weiß eingedeckt, sondern wird auf blanken Holztischen serviert.
Auf der Suche nach Ruhe und Raum
Als sich Judith Rüber und ihr Mann in das Fachwerk-Haus von 1582 verliebten, war es beinahe eine Ruine. Es hatte die Jahrhunderte als Wirtschaftsgebäude von Ackerbürgern, Privathaus mit Bibliothek und Wunderkammer, als Mädchenschule und Handschuhfabrik überstanden und dämmerte seit den Neunzigern seinem Zerfall entgegen.
Aber die beiden Münchner auf der Suche nach Raum und Ruhe schreckte das nicht. Die neuen Inhaber bauten mit der Sanierung zunächst sechs Hotelzimmer ein, zwei Ferienwohnungen werden noch folgen. Alles ist modern: Wandheizung, W-Lan, Tagungstechnik, Bäder und die Betten. Aber alles verströmt Ursprünglichkeit: Lehm und Kalkfarben, Naturwachse und Leinöl, Gardinen aus gerissenem Leinen, Mobiliar nicht aus einem Guss, sondern so, als sei es in einem lebendigen Haus über die Jahrhunderte gesammelt worden.
„Bei der gesamten Gestaltung“, so die Hotelchefin, „war es uns wichtig, so wenig wie möglich von der alten Substanz zu zerstören. Dort wo es reizvoll ist, lassen wir den Urzustand durchschimmern – originalen Stuck und Putz, verblichene Deckenbemalungen und uralte Balken.“
Das gehört zum Konzept ebenso wie die zurückhaltende Gastronomie. Abends steht die Chefin in der Küche, wenn mindestens eine Handvoll Gäste vorher bestellt hat. Dann tischt sie ein Drei-Gang-Menü auf und schenkt die passenden Weine ein. „Hungrig muss dennoch auch kein spontaner Gast ins Bett“, versichert sie. „Frisches Sauerteigbrot, Thüringer Wurst und Käse habe ich immer in Hinterhand.“
Radtour zu Bach
Für jene Gäste, die ein paar Tage Zeit haben, besorgt Judith Rüber auch Leihfahrräder und schickt sie in die Umgebung. Ein Ausflugsziel für Radfahrer und Wanderer, dass keiner auslassen darf, der den Bach entlang pilgert, ist die Dorfkirche im vor den Toren Arnstadts gelegenen Dornheim.
Auf einer „Bach-in-Thüringen“-Tafel im Kirchhof ist alles zu lesen, was man wissen muss; an einem roten Brett rechts neben dem Torhaus ist zu erfahren, wohin man sich wenden kann. Aber höchstwahrscheinlich trifft man sogar auf jemanden, der hier zu tun hat, zumeist auf Siegfried Neumann, Vorsitzender des 1996 gegründeten und inzwischen 184 Mitglieder zählenden Freundeskreises der Kirche St. Bartholomäi zu Dornheim.
Der 73-Jährige kennt jeden Stein, jede Altar-Figur, jede Chronik-Notiz der Kirche. Zu den Eintragungen im Kirchenbuch, die er aus dem Kopf zitieren kann, zählt jene, die dem Gebäude vermutlich mehrmals in den vergangenen Jahrzehnten das Leben rettete. Es ist nämlich vermerkt, dass „... der Ehrenverte Herr Johann Sebastian Bach, ein lediger gesell und Organist .. mit der tugend samen Jungfer Marein Barberen Bachin ... allhier in unserm Gottes Hause ... copuliret worden“ sei.
„Offensichtlich war Großcousine Maria Barbara doch hübscher als die Tochter von Buxtehude. Das für den jungen Mann sehr verlockende Amt als Organist in Lübeck hing nämlich davon ab, ob er diese heiratet“, kommentiert Neumann schmunzelnd die Rückkehr Bachs aus dem Norden. Man munkelt auch, er habe noch schnell vor dem 20. Oktober heiraten wollen, denn dann wäre seine Braut schon 23 geworden, und welcher 22-jährige heiratet eine ältere Frau?
Wie auch immer – am 17. Oktober 1707 traten die beiden vor den Traualtar. Maria Barbara sang sogar selbst auf ihrer Hochzeit. Für die Feier danach hatte der Bräutigam bereits das Hochzeitsquodlibet komponiert, ein so gar nicht prüder Rundgesang (BWV 524).
Die Rettung der Dorfkirche
In den 80er-Jahren wurde schon einmal an der Instandhaltung des Gemäuers gearbeitet. Sogar eine neue Orgel hatte das Gotteshaus bekommen. Doch es war wie bei vielen Prestige-Sanierungen kurz vor Jubiläen. Weil Bachs 300. Geburtstag heranrückte und Touristen zu erwarten waren, wurde kurzerhand über das morsche Holz gepinselt.
Im März 1996 läuteten die Glocken zum letzten Male. Im Dach klafften wieder Löcher, der Zusammenbruch des Gebälks war voraussehbar. Die Dornheimer schlugen Alarm, gründeten den Freundeskreis, suchten Geldquellen, griffen selbst tief in ihre Taschen. Und krempelten die Ärmel hoch. „Kein Pfennig von den Spenden hat sich in Lohn für einen Einheimischen verwandelt“, so Neumann.
Egal woran einer glaubt – alle wollten, dass die Kirche im Dorf bleibt. „Die Jugendlichen arbeiteten so voller Eifer, dass wir sie am Abend nach Hause scheuchen mussten“, sagt Neumann. Bald galt es als Geheimtipp unter Bach-Verehrern, wie erhebend es ist, mit seiner Braut auf dem selben Bänkchen niederzuknien wie dereinst Johann Sebastian und seine Maria Barbara. Neumann schlägt die Hochzeiten-Chronik auf: „Evangelisch und katholisch wird hier geheiratet, russisch-orthodox …“
In diesem Augenblick öffnet sich die Kirchenpforte und ein paar Männer treten ein. Neumann erkennt einige davon wieder: „Sie haben doch hier auch schon ein Benefizkonzert gegeben“. Die Musiker aus aller Welt wollen ihr Gastspiel auf der Wartburg nicht beenden, ohne noch mal in Dornheim gewesen zu sein. Und ein Tipp für alle, die nicht selbst vor den Traualtar treten wollen: Jedes Jahr im Oktober wird in Dornheim die Hochzeit der Bachs nachgespielt. Mit Bachscher Musik und einem Kuchenschmaus im Kirchgarten.
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom „Stadthaus Arnstadt“ und Thüringer Tourismus. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit





