Für manche Orte erwärmt man sich erst auf den zweiten Blick. Bei Frankfurt an der Oder ist es so, außer man mag Plattenbau-Charme. Doch es gibt sie. Die Architektur-Schätze der Stadt. Sie liegen versteckt. Ein Schmuckstück ist das Hotel „Palais am Kleistpark“, nur wenige Gehminuten vom Bahnhof und der geradlinigen Zentrums-Moderne entfernt.
Herrschaftlich zeigt sich die pastellgelbe Fassade des Drei-Sterne-Hauses mit dem überdachten Hoteleingang gegenüber vom Kleistpark. Der erste Schritt ins Innere ist wie ein Schritt in die Vergangenheit.
Das Haus wurde vom Frankfurter Zimmermeister Otto Stumpf errichtet für adelige Offiziere. Sie waren im 19. Jahrhundert in der Garnisonsstadt stationiert und wohnten auf Zeit in den großzügigen Quartieren in der Fürstenwalder Straße.
Im Zweiten Weltkrieg blieb das Haus weitgehend unzerstört, ab den 70er-Jahren wurde es für Bürozwecke genutzt. Die Gerichtsmedizin zog ein, dann die Kammer der Technik. 1997 übernahm ein Ehepaar aus Frankfurt am Main das in die Jahre gekommene Gebäude und gab ihm seinen alten Charakter zurück und den würdevollen Hotelnamen „Palais am Kleistpark“.
Nichts wirkt im „Palais am Kleistpark“ überladen
Heutzutage kann man sich gut vorstellen, wie früher vom Leutnant bis zum Oberst die Uniformierten auf den breiten Stufen durchs geschmackvolle Treppenhaus stiegen. Neugierig stibitzt man heutzutage in die Stockwerke, um staunend durch die hohen Flure mit den verzierten Türstöcken und Decken zu schlendern. Alles ist stimmig, nichts wirkt überladen. Natürlich kann man den Weg heutzutage auch mit einem Fahrstuhl zurücklegen.
Komfort spielt im „Palais am Kleistpark“ eine große Rolle. Das merkt man den 22 sehr gepflegten Zimmern an. Erst kürzlich wurden sie renoviert. Ihr helles, schlichtes Inventar kommt ohne viel Schnickschnack aus. Auf Design und Funktionalität der Lampen wurde Wert gelegt. Gleiches bei den Bädern. Sie sind modern und zum Wohlfühlen.
Das Frühstücksbuffet verdient einen Orden. Auf einer langen Tafel finden eine Vielfalt an Käse und Wurst, verschiedenste Brötchen, Tomaten mit Mozzarella, Eierspezialitäten, selbst gemachte Aufstriche, frisches Obst und Gemüse, Müsli-Variationen, Säfte und mehr Platz. Der rote Teppich und das dunkle Holzmobiliar verleihen dem Raum Wärme.
Die zahlreichen Spiegel an den Wänden geben ihm noch mehr Größe. Kronleuchter und Stuck zieren die Decke, weißer Stoff, kleine Blumensträuße und ein Kleist-Zitat die Tische. Ganz automatisch sitzt man bei all der Eleganz gleich ein wenig aufrechter.
Auf den Spuren des Dichters und Dramatikers
Wünsche werden teils unausgesprochen erfüllt. Die Servicekräfte sind zuvorkommend und aufmerksam. Ein Kellner bringt ein Kännchen Kuhmilch für alle, die keine Kondensmilch mögen, und ein paar Informationen: „Viele Radtouristen übernachten bei uns im Haus sowie Geschäfts- und Durchreisende.“ Selbstverständlich zieht es auch Literatur-Interessierte in die Geburtsstadt des Dichters Heinrich von Kleist (1777-1811), die 1253 gegründet wurde. Sie finden im „Palais am Kleistpark“ genau den passenden, stilvollen Übernachtungsrahmen. Kleist selbst nächtigte übrigens hier nie, das Haus wurde erst nach seiner Zeit erbaut.
Wir begeben uns ebenfalls auf die Spuren des Dichters, Erzählers, Dramatikers. Melancholisch spazieren wir durch den Kleistpark gegenüber vom Hotel. Die alten Bäume im ehemaligen Stadtfriedhof haben ihr Blätterkleid verloren, ein paar Mütter schieben ihre Kinderwagen über die Pfade. Lohnenswert ist eine Stadtführung.
Treffpunkt ist vorm Rathaus direkt am Marktplatz. „Vor dem Krieg standen hier Bürgerhäuser“, erzählt Stadtführer Wolfgang Brisch. Nun versammeln sich Neubauten wie die schmalen „Sieben Raben“, die auf den Grundmauern des alten Wohn- und Geschäftshauses fußen.
Für Schwindelfreie: Fantastischer Ausblick vom Kirchturm
Das Rathaus selbst ist ein bemerkenswertes Architektur-Sammelsurium. Die Seiten sind barock, der hintere Teil, die Gerichtslaube, hat einen Renaissance-Giebel, die Front ist gotisch, wobei auf den Türmchen barocke Pagoden thronen. Ein goldener Hering hängt am Giebel, Hinweis auf den Fischhandel im Mittelalter. Im Inneren des Gebäudes befindet sich das „Museum Junge Kunst“ mit Ausstellungen von Malern der ehemaligen DDR.
Ein weiterer hübscher Anblick ist das Bibliotheks-Haus auf der anderen Seite des Marktplatzes, roter Backstein-Jugendstil von 1911. Dahinter erhebt sich die gotische, fünfschiffige Hallenkirche St. Marien. Eine Besonderheit sind die drei zwölf Meter hohen Buntglas-Chorfenster, die lange als verschollen galten. Erst im Juni 2002 wurden sie als eines der wenigen russischen Beutekunststücke zurückgegeben.
Schwindelfreie können die 238 Stufen bis zur Spitze des Kirchturms bei einer geführten Tour hinaufsteigen. Der Ausblick ist fantastisch. Zu unseren Füßen liegt das barocke Hauptgebäude der Europa-Universität Viadrina. „Heinrich von Kleist studierte dort 1799 und 1800“, sagt der Stadtführer. Die heutige Konzerthalle war einst Garnisonkirche:, in der Heinrich von Kleist getauft wurde.
Kleist: Revolutionär an der Schwelle zur Moderne
Vieles hier weist auf Heinrich von Kleist hin. Manchmal ist es auch nur eine Gedenktafel, zum Beispiel gegenüber dem Chor der Marienkirche. An dieser Stelle in der Großen Oderstraße wurde Kleist im Oktober 1777 als fünftes von acht Kindern eines preußischen Offiziers geboren.
Das Gebäude wurde im Krieg zerstört, genauso wie das nahe Bolfras-Haus, benannt nach einer einflussreichen Frankfurter Familie. Um die Ecke lebt Kleists Geist weiter. „Mit seiner revolutionären Sprache war er der Dichter an der Schwelle von der Klassik zur Moderne“, schwärmt Anette Handke vom Kleist-Museum, das in der ehemaligen Garnisonschule untergebracht ist.
Am 21. November jährte sich sein Todestag zum 202. Mal. Pünktlich dazu wurde das umgestaltete Museum mit dem klar strukturierten Anbau fertig. In der neuen Dauerausstellung kann man an fünf interaktiven Stationen in das kurze, unruhige Leben Heinrich von Kleists eintauchen: in seine Herkunft und Familie, seine Veröffentlichungen, seine Reisen durch Europa, seine Lieben und seinen Selbstmord am Ufer des Kleinen Wannsees.
Spaziergang über die Stadtbrücke nach Polen
Doch genug Geschichte, die Oder lockt jetzt ein paar Schritte weiter zu einem Spaziergang am Fluss. Die Aussicht auf die ursprüngliche Landschaft auf der anderen Uferseite ist einmalig. Das ist Polen. Ein Abstecher nach Slubice lohnt sich.
Der einstige Stadtteil ist heute Partnerstadt von Frankfurt (Oder). Zwei Stunden später geht’s wieder zurück über die Stadtbrücke, hinein ins urige „Kartoffelhaus“. Schweinerücken-Steak in der Kartoffelkruste empfiehlt uns die freundliche Bedienung. Die junge Frau ist gebürtige Frankfurterin. „Alles ist schön klein, beschaulich, ruhig“, schwärmt sie von ihrer Heimatstadt mit ihren 60.000 Einwohnern.
Im angrenzenden Park der Sankt-Gertraud-Kirche erblicken wir Heinrich von Kleist von Angesicht zu Angesicht. 1910 wurde sein Denkmal enthüllt. Es steht einige Schritte vom gut 100 Jahre alten Postgebäude entfernt. Hinter diesem ragt ein neues Wahrzeichen in den Himmel: Der 25-stöckige Oderturm. Vom Panorama-Restaurant in der 24. Etage überzeugt man sich ein letztes Mal von der Vielfalt dieser Stadt.
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom „Palais am Kleistpark“. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit





