„Wo kommen die her? Aus Berlin?“ Die beiden Striezelmarkt-Besucher haben das Schild an der Bude entdeckt und ziehen verwirrt weiter. Wer sich hier durch die Gassen schieben lässt, ist süchtig nach einer Überdosis Sächsischem, nach Nussknackern und Räucherkerzen aus dem Erzgebirge, Christstollen aus Dresden, Glühwein von den Elbhängen, Pfefferkuchen aus Pulsnitz, Töpferwaren aus der Lausitz.

Wem es noch immer an Adventsstimmung mangelt, der kann sich hier fit machen lassen. Das Erzgebirge mit seinen bergmännischen Traditionen gilt seit Ewigkeiten als Weihnachtsland, Leipzig rühmt sich, einen der schönsten und größten Weihnachtsmärkte Deutschlands zu veranstalten, Bautzen hat mit dem seit 629 Jahren stattfindenden Wenzelsmarkt den ältesten deutschen Weihnachtsmarkt, und die Landeshauptstadt trumpft neuerdings als „Weihnachtshauptstadt“ auf. Wie auch immer – Dresden hat viele Besonderheiten zu bieten, den Pflaumentoffel zum Beispiel.

Jeden Monat eine Pflaume

Thomas Grän verkauft diese schwarzen Dörrobst-Männchen mit Zylinder auf dem 579. Dresdner Striezelmarkt. Fragenden Auswärtigen erzählt er die Geschichte dieser Dresdner Schöpfung: „Aus elf Backpflaumen ist ein Männlein zusammengesteckt, schwarz wie die kleinen Waisenkinder, die einst von den Schornsteinfegern als lebendige Besen durch die Kamine gejagt wurden. Essen Sie jeden Monat eine Pflaume, das bringt Glück! Und im Dezember kommen Sie dann wieder.“

Ein paar Buden weiter, beim doppelstöckigen Kinder-Karussell, verkauft das Dresdner Backhaus seine Ware: den Dresdner Christstollen, eine Spezialität, die 130 Bäcker der Stadt und des Umlandes – sofern sie das güldene Gütesiegel vorweisen können, herstellen. In einem Dutzend Backstuben der Stadt darf der Gast auch selbst in den Teig greifen und sich seine eigene Stolle kneten.

„In unserer Bäckerei geht das dieses Jahr nicht“, so Produktionsleiter Tino Gierig, aus dessen Öfen täglich rund 1000 Stollen gezogen, dann gebuttert, gezuckert, sorgsam in Seidenpapier gehüllt und in Kartons oder Blechdosen verpackt werden. Manchmal aber wird der Bäckermeister in Hotels geladen, um dort mit feierlich gestimmten Gästen seinen täglich Broterwerb zu zelebrieren.

Auch im „Swissôtel“ in der Schlossstraße war Gierig schon zugange. Und seine Kreationen trifft man derzeit immer dort: Unübersehbar türmen sich an der Rezeption die als Souvenir beliebten Stollendosen. Ansonsten zeigt sich das zu einer Schweizer Kette gehörende Spitzen-Haus selbst in der Weihnachtszeit nur behutsam sächsisch. Keine Räuchermännlein oder Nussknacker bevölkern die Räume. Die Herrnhuter Sterne fanden nur Eingang, weil es sie auch in jenem Rot gibt, das, der Schweizer Flagge entlehnt, die farblichen Akzente setzt.

Originales Renaissance-Relief

Das Foyer des Hotels erinnert an den Innenhof des barocken Palais, das hier in der Bombennacht im Februar 1945 wie all seine Nachbargebäude zusammenbrach. Verschiedenartige Fassaden und Dächer erwecken beim „Swissôtel“ den Eindruck einer gewachsenen Häuserzeile in bester Lage. Ein originales Renaissance-Relief kehrte an seinen Ursprungsort zurück, ein rekonstruiertes Ornament zitiert einstige barocke Pracht.

Ansonsten bestimmen Understatement und Hightech das Ambiente. Das vielfach verwendete Holz der Zirbelkiefer und die unübersehbare Wanduhr bringen einen Hauch Schweiz, das Mosaik aus Meissner Porzellan und Ornamente aus Dresden den Hauch Sachsen. Die Speisekarte greift nach beiden Wurzeln.

Sogar der Spa-Bereich gibt sich binational: Über 500 Quadratmeter dehnen sich die Gewölbekeller aus sächsischem Sandstein, teilweise taucht sogar die Stadtmauer aus dem 12. Jahrhundert auf. In alledem riecht es – so will es das Swissôtel-Spa-Konzept – nach alpinen Kräutern, und die Behandlungszimmer tragen rätoromanische Namen.

Eine Ausstellung über Schokolade

Das 2012 eröffnete Hotel in optimaler Lage erlebt jetzt seinen zweiten Dezember. Da kann es wie alle anderen Häuser die Preise anheben. Denn Fakt ist: In der Vorweihnachtszeit herrscht in Dresden höchste Hochsaison. Wer also nichts mit Lichterschein und Stollenduft am Hut hat, der sollte seinen Trip in die anderen Monate verschieben.

Doch wer all dies liebt, findet, wonach er sich sehnt. Neben dem renommierten Striezelmarkt locken noch zehn andere, teilweise bis Anfang Januar geöffnete Märkte, die sich mittelalterlich, romantisch, stylisch oder als Après-Ski-Location geben und auf denen auch Dresdens Spitzen-Gastronomie, das „beans & beluga“ zum Beispiel, auftischt.

Die Sonderausstellungen in den Museen – wie die im Stadtmuseum zur „Schokoladenstadt Dresden“ – haben sich passende Themen gesucht. Gästen, die nicht glühweintrunken ins Hotelbett fallen, bieten sich noch Abendprogramme vom Orgelkonzert über Weihnachtskabarett bei Breschke und Schuch bis zu „Hänsel und Gretel“ in der Staatsoperette.

Besinnlichkeit in der Frauenkirche

Zwar ziehen an den Advents-Hotspots die Menschen Schulter an Schulter durch die Weihnachtshauptstadt. Dennoch gibt es auch die besinnlichen Orte: Im Altarraum der Frauenkirche brennen am Kranze die Lichter. Ein Organist schenkt mit der kraftvollen Musik dem hohen Raum noch eine vierte Dimension. Die Besucher treten ein, schauen sich um, setzen sich, lauschen, gehen weiter.

Manche erwarten die Mittagsandacht, der eine halbstündige Kirchenführung folgt. Vorbei die Zeit, da Touristenlawinen durch das Gotteshaus fluteten. Selbst an den Weihnachtstagen – ein Geheimtipp ist die Christnacht Heiligabend um 22 Uhr – findet sich meist noch ein Plätzchen. Normalität ist eingekehrt – und die Feierlichkeit geblieben.

Ähnlich klangvolle Stille füllt die Kreuzkirche. Eine Sängerin probt für die Striezelmarktmusik, die jeden Tag 17 Uhr Besucher aus dem Buden-Trubel gleich nebenan herüberzieht. Die 147 Chorknaben sind noch auf Tournee. Aber während der Weihnachtstage treten sie mehrmals auf. Zum Beispiel bei der erzgebirgisch anmutenden Christmette am 25. Dezember um 6 Uhr.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Swissôtel und der TMGS. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit