Von Löwen und Liebe

Auf Berliner Spuren durch Braunschweig wandeln

Die Stadt an der Oker hat mehr mit der Spree-Metropole zu tun, als man denkt: Eine Tour vom „Hotel Stadtpalais“ zu Residenzschloss und Quadriga, zu „Traditionsinseln“ und einer hübschen Ausstellung.

Ja, an dieser Tafel würde man jetzt gerne sitzen: Man sieht preußisches Städtesilber mit vergoldeten Tafelaufsätzen, Jardinieren, Leuchtern und Silbergeschirr. Eingedeckt ist hier im Schlossmuseum von Braunschweig gerade einmal für 16 Personen.

An der originalen Galatafel vor 100 Jahren im Weißen Saal des Berliner Schlosses saßen sie allerdings zu Hunderten, eine Traumhochzeit zu feiern, wie es sie heute höchstens noch in Monaco oder den verbliebenen Monarchien gibt: Prinzessin Victoria Luise von Preußen, einzige Tochter des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II., hatte Ernst August, Herzog von Braunschweig und Lüneburg, das Jawort gegeben.

Hohenzollern und Welfen, seit dem Deutsch-Österreichischen Krieg 1866 erbittert verfeindet, hatten sich in dieser Romeo-und Julia-Hochzeit wieder an einen feierlich gedeckten Tisch gesetzt – und hohen Besuch empfangen: Sowohl Zar Nikolaus II. von Russland als auch König Georg V. von Großbritannien beehrten die insgesamt viertägigen Feierlichkeiten im Berliner Schloss im Mai 1913 am Vorabend des Ersten Weltkrieges.

„Es war das letzte fürstliche Großerereignis überhaupt“, sagt Anne-Kristin Rullmann, die junge Leiterin des Schlossmuseums in Braunschweig, wo noch bis zum 27. Oktober die Sonderausstellung „Europas letztes Rendezvous – die Hochzeit von Victoria Luise und Ernst August“ zu sehen ist.

Einkaufszentrum im Schloss

Eigentlich hätte diese kleine, feine Ausstellung, die von Schautafeln über Stammbäumen bis zu Hochzeitsgeschenken Entwicklung, Verlauf und Bedeutung der letzten großen Gesellschaftsereignisses vor den tödlichen Schüssen von Sarajewo erzählt, ja besser dorthin gepasst, wo das Event einst stattfand, nämlich in Berlin.

Doch die Braunschweiger haben ihr altes Schloss eben ein bisschen schneller aufgebaut als die Preußen. Allerdings zu einem sehr hohen Preis: Den Großteil des 1960 abgerissenen und 2007 wiederaufgebauten Residenzschlosses bilden nämlich heute die „Schloss Arkaden“, ein Einkaufszentrum.

Der Innenhof, in den Mitte des 19. Jahrhunderts der Erbauer, Herzog Wilhelm von Braunschweig, einritt, ist heute ein Lichthof, um den sich Boutiquen, Restaurants und die gängigen Marken der Shoppingcenter drängen.

Immerhin: Neben dem 2011 gegründeten Schlossmuseum im Nordflügel des wiederaufgerichteten Gebäudes haben Stadtarchiv und Bücherei Platz gefunden. Der Prachtbau hat sichtbar die Innenstadt nicht nur für Shoppingtouristen belebt. Was Braunschweig offensichtlich guttat. Man besinnt sich hier eben gerne der Geschichte.

Und die ist in der einstigen prächtigen Handelsstadt, Sitz von Heinrich dem Löwen und angesehenes Mitglied der Hanse, mehr als wechselvoll. Das kleine, tapfere Herzogtum musste sich stets von preußischen Provinzen umzingelt seiner Haut erwehren. Das hat den Braunschweigern bis heute ein gesundes Maß an Bodenständigkeit und Aufsässigkeit gegeben.

Oberbürgermeister ist Berliner

Fremdregenten wie nach dem Tod des kinderlosen Herzog Wilhelm 1884 hat man nicht einmal ignoriert, dafür die Rückkehr Ernst Augusts mit seiner Hohenzollern-Gattin 1913 auf den nahezu 30 Jahre verwaisten Welfen-Thron mit umso größerer Freude gefeiert.

Und das, obwohl der Welfe aus dem bis heute ungeliebten Hannover kam. Aber das ist eine andere Geschichte, oder wie es Oberbürgermeister Gert Hoffmann kürzlich sagte: „Das Verhältnis Braunschweig-Hannover ist eine gänzlich humorfreie Zone.“ Offene Worte des OB, der übrigens ein waschechter Berliner ist.

Jedenfalls finden die Braunschweiger auch auf die schwierigsten Fragen eine Antwort, und nachdem am Ende des Zweiten Weltkriegs 90 Prozent der Altstadt in Schutt und Asche lagen, hat man eine ganz eigene architektonische Antwort gefunden, die heute als Braunschweiger Schule bekannt ist.

Diese fragt nicht etwa nach städtebaulicher Schönheit, Denkmalschutz oder inhaltlicher Geschlossenheit, sondern einzig und allein nach Funktion, Konstruktion und Form. Also wurde der wirklich sehr hübsche, zentral gelegene alte klassizistische Bahnhof an der Friedrich-Wilhelm-Straße, in dem heute eine Bank sitzt, dichtgemacht und ein Neubau an den südlichen Stadtrand gesetzt.

Von hier zerschneiden bis heute zwei hässliche Schnellstraßen das Areal zwischen Bürgerpark, Löwenwall und Viewegsgarten bis zur Altstadt. Es war der Triumph einer autogerechten Stadt über städtebauliche Ästhetik.

Einst größte deutsche Fachwerkstadt

Immerhin bewahren sogenannte „Traditionsinseln“ den Charme des Alten im sich ständig verändernden Stadtkern: die Burg Dankwarderode und der Dom St. Blasien in Sichtweite des Schlosses gehören dazu genauso wie Kohl- und Altstadtmarkt im Westen.

Ebenso jene Plätze, die die Reste der einst größten deutschen Fachwerkstadt tragen: Das beliebte Magniviertel mit seinen zahlreichen Cafés und Restaurants im Osten der Altstadt oder die Echternstraße im Westen bei der St.-Michaeliskirche mit ihren windschiefen Häusern, die man bei einer zweistündigen Segway-Tour entlang der Wallanlagen besichtigen kann.

Wenn man will, ist auch das „Best Western Hotel Stadtpalais“ so eine Traditionsinsel: Es liegt mitten in der Altstadt am Straßenzug „Hinter Liebfrauen“, der schon auf historischen Karten das weiter südlich gelegene Aegidienkloster mit dem Kohlmarkt im Westen verband.

Das Gebäude einer ehemaligen Waisenhausdruckerei, dessen bewegende Geschichte einschließlich Erweitungs-, Um- und Wiederaufbau bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht, wird seit 1991 als Hotel und Restaurant geführt. Seit 2007 ist der schmucke Komplex im Privatbesitz der Familie Puzia.

Wladislaw Puzia, vor 62 Jahren in Krakau geboren und seit 32 Jahren in Braunschweig ansässig, hat ein stilvolles Refugium im englischen Stil geschaffen: Klassisch, dezent, seriös. „Ich wollte den Stil dem Haus anpassen“, sagt Puzia in der eleganten „Smokers’ Lounge“, die nur eine der guten Ideen der neuen Betreiberfamilie war: Ein Refugium für Raucher und für Genießer, die es sich bei einem Buch oder mit dem Fernseher gemütlich machen wollen.

Kein Restaurant

Nicht die einzige Änderung, die mit der zwei Millionen Euro teuren Sanierung einherging. Die Zahl der Zimmer wurde von 45 auf 55 erhöht, der Eingang weg von der unscheinbaren Seite hin zur repräsentativen Front gelegt und das Restaurant schlichterhand abgeschafft.

Wo einst der Eingang war, lässt es sich heute unter anderem Ex-Tennis-Star Michael Stich in der 60 Quadratmeter großen Kaisersuite zwischen Marmorvertäfelungen und blauem Samt gutgehen. Dezente Farben bestimmen das Ambiente des ganzen Hauses: Zwischen braunen Tapeten und bordeauxfarbenem Teppich herrscht elegante Zurückhaltung.

Das Angebot an Zeitschriften und Zeitungen an der Rezeption und zum reichhaltigen Frühstück zum Blättern ist außergewöhnlich vielseitig, der Service am Desk (einschließlich Tochter Katharina als potenzieller Nachfolgerin des Vaters) aufmerksam und hilfsbereit, und die Bar durchgehend geöffnet, wenn es in einem der Zimmer keine Minibar gibt (wie bei mir geschehen).

Rekord bei Übernachtungen

85 Prozent der Gäste sind Geschäftsleute, am Wochenende zieht es klassische Stadtetouristen in das „Stadtpalais“: „Wir haben auch ein älteres Berliner Ehepaar, das jedes Jahr zum Weihnachtsmarkt immer das gleiche Zimmer nimmt“, sagt Puzia.

Die Auslastung des Hauses ist mit 65 Prozent ordentlich, es könnte natürlich immer besser sein, aber Puzia, der auch Vorsitzender des Tourismusausschusses der Stadt ist, hat erfreuliche Zahlen bekommen: „Wir haben letztes Jahr in Braunschweig erstmals die Marke von einer halben Million Übernachtungen erreicht, exakt 504.000", sagt Puzia, der einst für Kattowitz und Krakau die Fußballstiefel schnürte, bevor es ihn in die Hotellerie zog.

Dem runden Leder hat es der Mann bis heute angetan. Schweren Herzens musste er vor zwei Jahren Bayern München einen Korb geben, als die zum DFB-Pokal nach Braunschweig kamen und das komplette „Stadtpalais“ blocken wollten. „Das Spiel war an einem Montagabend, und da hätte ich Stammgästen absagen müssen. Außerdem habe ich keinen Wellnessbereich, kein Restaurant.“.

Hoffen auf Fantourismus

Aber der Fantourismus, der könnte Puzia und die ganze Stadt demnächst sehr interessieren. Denn der Aufstieg von Eintracht Braunschweig in die Bundesliga nach 28-jähriger Abwesenheit hat die ganze Stadt elektrisiert.

34.000 Menschen haben an Pfingsten auf dem Schlossplatz die Mannschaft gefeiert, und wer heute quer durch die Altstadt von Kohl- und Altstadtmarkt über Burg, Dom und Schloss bis zum Magniviertel läuft, wird allüberall gelb-blaue Poster, Schals, Bilder, Mützen, Trikots und Fahnen sehen. „Ich wünsche mir sehr, dass die Fans zu uns kommen“, sagt Puzia und spricht da sowohl als Hotelier wie auch als Braunschweig-Touristiker.

Übrigens könnte er dann durchaus auch mehr Berliner Touristen empfangen. Die Hertha ist ja bekanntlich mit der Eintracht aufgestiegen – und wenn die Berliner Fans Anfang Dezember zum Spiel im Stadion an der Hamburger Straße kommen, verpassen sie zwar die Schau im Schloss.

Sie brauchen aber auf der Suche nach einer weiteren Berliner Reminiszenz nicht weit zu gehen. Sie müssen nur aufs Dach steigen – und dabei ganz demütig werden. Auf dem Residenzschloss gibt es nämlich auch eine Quadriga. Und diese Brunonia, wie sie heißt, ist mit stolzen 9,50 Meter Länge, 7,50 Metern Breite und 9,20 Metern Höhe deutlich größer als ihr Berliner Pendant.