Kleine Fluchten

Radweg nach Uelzen führt durch den Hotelgarten

Auf ins nordöstliche Niedersachsen mit Fachwerkarchitektur und Backsteingotik, Heidelandschaft, einem Hotel mit Wassermühle – und einem sehenswerten Bahnhof, den ein weltberühmter Künstler entwarf.

Kaum etwas hat eine so entspannende Wirkung wie das rhythmische Plätschern eines Mühlrades. Vielleicht hatte Gerard Minnaard diesen Effekt im Sinn, als er eines an die Rückseite der „Woltersburger Mühle“ bauen ließ.

Seine Wirkung verfehlt es jedenfalls nicht. Daneben am Mühlbach und unter alten Bäumen stehen fünf hölzerne Ferienhäuser mit kleinen Terrassen und weißen Fenstern, unweit eines mit Hecken eingefriedeten Ziergartens mit Teehaus. Alles wirkt wie ein kleines Dorf, bloß nagelneu gebaut.

2012 wurden die Häuschen eröffnet, das Holz riecht noch neu, die Pflanzen drumherum sind noch klein. Zu den Türen gelangt man über Stege, denn in manchen Jahren tritt der Mühlbach über die Ufer. Zwei bis sechs Personen haben in den Häusern Platz, die Ausstattung ist einfach, aber komfortabel.

Die kleinen Schlafzimmer im Parterre und im Dachgeschoss sind mit Holzmöbeln bestückt, von Küche und Esszimmer blickt man entweder in den Wald, aufs Wasser oder auf die Mühle. Wer will, kann sich nebenan im Café, das zur Mühle gehört, ein Frühstück bestellen.

Windrauschen in den Bäumen

Die „Woltersburger Mühle“ liegt rund zwei Kilometer außerhalb von Uelzen in der östlichen Lüneburger Heide. Auf dem 1,5 Hektar großen Gelände hat Minnaard einen Platz voller Charme und Ruhe geschaffen.

Das Mühlrad, das Windrauschen in den Bäumen, der Blick auf die großen Fischteiche hinter der Mühle, an deren Rändern sogar schneeweiße Silberreiher schreiten – ab und zu bleiben sogar die Radfahrer stehen, um sich genau umzusehen. Der Fahrradweg nach Uelzen führt durch die Anlage. Einen halben Kilometer entfernt liegt ein Badesee.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Grundstücks hat Minnaard einen 500 Quadratmeter großen Steingarten anlegen lassen. In der Mitte: eine riesige Kräuterspirale mit bis zu 70 verschiedenen Kräuterarten. Unter einer mächtigen Eiche steht ein Tisch mit Sitzplatz.

Auf der Weide daneben grasen drei Pferde, die ebenfalls zur Woltersburger Mühle gehören. Davor stehen Apfelbäume alter regionaler Sorten. Katzen und Hühner gibt es natürlich auch. Und wieder ein schöner Blick: Dort, wo der Mühlbach einen Knick macht, senken die Bäume ihre Äste über das Wasser, das sich durch einen hellgrünen Tunnel schlängelt.

„Wir haben versucht, überall auf dem Gelände schöne Sichtachsen freizugeben“, erklärt Geraard Minnaard. „Das macht für mich den Reiz eines schönen Grundstücks aus.“ 2011 kamen 50 Wandergesellen auf der Walz zur „Woltersburger Mühle“, darunter nicht nur Zimmerleute und Tischler, sondern auch ein Edelschmied, eine Segelmacherin und ein Holzbildhauer. Sie hinterließen ihre Spuren – auch in Form von Skulpturen, die überall auf dem Gelände verteilt sind.

Ein Pfarrer als Hotelier

Kaum zu glauben – ursprünglich lagerten auf dem verwilderten Grundstück Autowracks und jede Menge Sperrmüll. Gerard Minaard, der eigentlich weder Hotelier noch Gastronom ist, sondern Pfarrer und Sozialarbeiter, leitet das Projekt „IDA“ für Langzeitarbeitslose in Uelzen.

Vor sieben Jahren kaufte „IDA“ dank einer Erbschaft und unterstützender Stiftungen das Gelände um die Mühle. In vier Jahren Bauzeit wurden Ruinen saniert, Gärten angelegt, aus aufbereitetem Altholz ein neuer Fachwerk-Pferdestall gebaut.

Das Mühlengebäude, an dem Tag und Nacht das Mühlrad läuft, um Strom zu erzeugen, ist Industriearchitektur vom Ende des 19 Jahrhunderts: Backsteinfassade und große Fenster mit vielen Sprossen. Im Inneren gibt es ein Café, in dem man unter altem Gebälk sitzt und über Dielenboden geht.

Mit der Sanierung außen und innen entstand auch ein moderner Anbau mit Terrasse. Dort, wo früher das Getreide auf seinem Weg von Stockwerk zu Stockwerk zu Mehl wurde, gibt es heute Seminarräume und ein großes Wohnzimmer für alle Besucher.

Mit dem Fahrrad in die Stadt

Für 7,50 Euro pro Tag können sich die Gäste ein Fahrrad mieten. Der Radweg führt über eine kleine Holzbrücke und durch vorgelagerten Wiesen in die Stadt hinein. Uelzen ist mit etwas mehr als 34.000 Einwohnern nicht groß, ziemlich schnell ist man im Zentrum angelangt.

Dort steht, obwohl die Stadt im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde, noch reichlich klassizistisches Fachwerk mit bunten Fassaden, Erkern und Utluchten und verzierten Balken. Die Fundamente sind zum Teil aus eiszeitlichen Geschieben gebaut, die aus Schweden stammen.

Uelzen ist eine alte Hansestadt. Die englische Schiffsflotte soll vor Jahrhunderten mit Uelzener Leinen bestückt worden sein. Viele der historischen Gebäude waren Lagerstätten – bis etwa zum Jahr 1600 gab es 42 Bierbrauereien.

Besonders auffällig: Die Eingangstüren zu den Geschäften und Restaurants, die heute in den historischen Gebäuden sind, haben statt einer Türklinke eine große, metallene oder hölzerne Eule.

Stadtführerin Margrit Drögemüller hat auf Wunsch gerne die entsprechende Sage dazu parat. Nur so viel sei verraten: Die Uelzener werden von anderen Heidjern gerne als die „Uhlenköper“, Eulenkäufer, bezeichnet. Und Till Eulenspiegel war auch schon in Uelzen.

Großer Bahnhof für einen Künstler

Das offizielle Wahrzeichen der Stadt ist eine kleines goldenes Schiff, verziert mit Halbedelsteinen. Es stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist eine Nachbildung einer Bremer Hansekogge, ausgestellt in einer großen Kirche.

Das inoffizielle Wahrzeichen ist um einiges größer. 21 knallbunte, riesige Steine einer schwedischen Künstlerin weisen durch die ganze Innenstadt den Weg zum eindrucksvollsten Gebäude: Dem Hundertwasserbahnhof.

Rund 350 Züge fahren hier täglich durch. Viele Fahrgäste, die hier nur umsteigen, sind überrascht, dass die Lifthäuschen rund und apricotfarben sind, der Tunnelboden unter den Bahnsteigen sich schlängelt wie ein Fluss.

Zwölf bunte Keramiksäulen in orientalischem Stil mit großen goldenen Kugeln darauf runden die Ecken ab. Es gibt zwar den vorgeschriebenen ebenen Boden auf den Bahnsteigen, aber einige Meter daneben befindet sich in Wellen verlaufendes Mosaik mit Symbolen, Blumen und Tieren darauf.

Geschenk für die Stadt

Auf dem Dach wachsen wild Sträucher und kleine Bäume. Die alte Fassade ist sandgestrahlt, viele Fenster sind ungerade und verziert, alte Ziegel sind an einigen Außenwänden mitverputzt worden.

Zwar hat der Bahnhof mehr als 27 Millionen Mark gekostet, finanziert unter anderem aus Mitteln der Deutschen Bahn und des Landes, aber Friedensreich Hundertwasser hat der Stadt Uelzen im Jahr 2000 mit seinem Werk ein Geschenk gemacht, dessen ideeller Wert immens ist.

Der Künstler selbst konnte den Bahnhof nicht mehr erleben. Er machte sich auf den Weg nah Uelzen, um sich das fertige Werk anzusehen. Als er auf der „Queen Elizabeth II.“ durch den Pazifischen Ozean fuhr, starb er an Herzversagen.

„Ich liebe diesen Bahnhof“, sagt Margrit Drögemüller. „Ich kann mich wirklich nach 13 Jahren gar nicht sattsehen und stundenlang davon erzählen.“ Sie hat seine Geschichte und Besonderheiten eingehend studiert, betet Zahlen und Fakten herunter und verknüpft sie mit Anekdoten.

Sie schwärmt geradezu von den bunten Steinen, dem Brunnen im Innern, den Lichtschachten auf den Bahnsteigen, unter denen in großen Kästen Pflanzen wachsen.

Wenn Backstein Kunst wird

Ein optisch verwahrlostes Gebäude mit wilhelminischer Fassade von 1887 war der ursprüngliche Bahnhof. In der Nähe fand in den 90er-Jahren eine Hundertwasserausstellung statt. So entstand die Idee, mehr Hundertwasser nach Uelzen zu holen.

Stadtverantwortliche Politiker schickten trostlose Bilder des Bahnhofs an den österreichischen Künstler, der in Neuseeland lebte. Hundertwasser überlegte, verlangte nach mehr Bildern, entwarf, berechnete und präsentierte schließlich seine Pläne.

Er verwandelte das bestehende Backsteingebäude in bunte und lebendige Architektur – ohne rechte Winkel oder gerade Linien, aber mit viel Ausstrahlung.

Lässiger Restaurant-Tipp

Im Parterre gibt es das gut besuchte Bio-Restaurant „Lässig im Bahnhof“ (Tel. 0581/97 36 55 21, www.laessig-im-bahnhof.de). Den Eingang säumen Zitronenbäume, die Gäste blicken durch riesige Fenster mit roten Sprossen oder von der Terrasse auf den Bahnsteig.

Weil es ein Anbau ist, verwendet man die sanierte wilhelminische Fassade als schmuckvolle Innenwand. Von der Bahnhofshalle aus können Kunden das Biobrot aus der nahen Bolsener Mühle kaufen.

Auf der Karte stehen Hausmannskost und Gourmetküche, ausschließlich Bio-Lebensmittel. Die stilvollen Tische und Stühle stammen von einem Uelzener Hersteller.

„Hundertwasser war ökologisch orientiert“, sagt Küchenchef Gerd Waldecker. „Wir wollen im ,Lässig’ Kunst, Historie und Vollbioküche vereinen.“ Ein Feinschmeckerrestaurant, das man an einem Bahnsteig normalerweise nicht erwartet. Passend zum Bahnhof eben.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Uelzener Tourismusverband. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie im Internet unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit