Vor 500 Jahren muss es genauso geklungen haben. Durchs teils geöffnete, viersprossige Fenster dringt Vogelgezwitscher. Die gefiederten Sänger sitzen auf den herbstlich kahlen Ästen der Obstbäume im Garten hinterm Haus. Glockenläuten von der Klosterkirche mischt sich unter ihre Morgenmelodie.
Die Luft ist rein und weckt die Lebensgeister. Ob das Theodor Fontane vor 200 Jahren auch so wahrgenommen hatte, als er hier in Neuruppin lebte?
Kopf einziehen!
Im idyllischen „Up-Hus-Idyll“ aufzuwachen, hätte auch ihm gefallen. An manchen Stellen hat man das Gefühl, als großer Mensch den Kopf einziehen zu müssen. Schief, schräg und urig in ihrem Charakter gewinnen die Katen einen gleich für sich. Wer es neuzeitlicher oder aber feudal-antik mag, kriegt auch das im „Up-Hus-Idyll“, nur wenige Schritte vom Ruppiner See entfernt. „Wir haben für jeden Anspruch die passende Unterkunft“, sagt Hotelchefin Gabriele Lettow. „Wir befinden uns im ältesten erhaltenen Fachwerkhaus der Stadt. Im Jahre 1491 wurde der Hof gegründet, gestiftet von einem Handwerker.“ „Up Hus“ ist plattdeutsch und bedeutet „offenes Haus".
Jedermann soll sich in den 14 Doppelzimmern, zwei Einzelzimmern und der Suite wohlfühlen. Außer im Fachwerkhaus sind noch Domizile in der Remise nebenan untergebracht und im kleinen Hotel, dem ehemaligen Siechenhospital, auf der anderen Seite des lauschigen Hofgartens. Das originellste Zimmer gibt Einblicke in die angrenzende Kapelle frei: Durch zwei Gucklöcher in der Wand kann man in die Empore mit der Orgel luschern. Richtig gelesen, auch eine Kapelle gehört zum Hotel-Hof. Das spätgotische, einst katholische Gotteshaus ist mittlerweile konfessionslos. „Vielleicht saß auch mal Theodor Fontane in einem der Gottesdienste, möglich ist alles“, sagt Gabriele Lettow. Mittlerweile wird die Kapelle nur noch für weltliche Zwecke genutzt – gerne als Standesamt für Hochzeiten. Zudem stellen lokale und regionale Künstler regelmäßig ihre Werke aus, und es finden Veranstaltungen statt. Eine der bekanntesten sind die Musiktage „Aequinox“, jährlich Ende März. „Hochkarätige Konzerte erklingen dann in der Kapelle und an weitere reizvollen Orten Neuruppins“, sagt Gabriele Lettow, während sie hinter der Hotel-Rezeption Richtung Altar blickt. Die Anmeldung befindet sich direkt in der Kapelle, schräg unter der Orgel. Schräg im doppelten Sinne.
Der außergewöhnliche Fachwerk-Hof hatte es Gabriele Lettow schon lange angetan. Bereits zu DDR-Zeiten war sie immer wieder an dem heruntergekommenen und vernagelten Areal vorbeiging und malte sich aus, was wäre wenn … „Nach der Wende habe ich den zugemüllten Komplex der Stadt abgekauft“, erinnert sich die Bauingenieurin und gesteht: „In dem Anwesen steckt mein Trabi-Geld.“ Sie verzichtete 1990 auf das neue Auto, auf das sie jahrelang gewartet hatte, und fuhr ihr altes weiter. Mit viel Herzblut stellte sie die Originalstruktur des reizvollen Mittelalter-Ensembles und führt es als „Up-Hus-Idyll“ mit familiärer Note. Selbst für einen Tagesausflug lohnt sich ein Abstecher hierher. In knapp einer Stunde ist man von Berlin aus in Neuruppin. Zum Beispiel, wenn Adventsmarkt-Wochenende im „Up-Hus“ ist. Gemächlich tingelt man über die kleinen Stände im Innenhof und kehrt danach im Restaurant ein. In dem Puppenstübchen sitzt es sich gemütlich bei einer deftigen „Up Hus-Pfanne“. Schweinerückensteak mit Bratkartoffeln, Würstchen, Spiegelei und Grilltomate machen satt und sind lecker.
Rauch in der Siechenstraße
Ist man im „Up-Hus“, ist man mittendrin im historischen Stadtkern – und am nächsten Tag im Rauch. Die Siechenstraße vernebelt uns die Sicht. Übers Kopfsteinpflaster poltert ein Ochsenkarren. Frauen in langen Röcken und mit Hauben auf dem Kopf und Männer in Leinenhemden und Westen retten darauf ihr Hab und Gut. Alles gestellt. Aber vor langer Zeit einmal wahr gewesen. Ein Fernsehsender dreht eine Sendung über Stadtbrände. Dafür eignet sich Neuruppin als Kulisse gut und die Mittelalter-Fassade des „Up-Hus-Idylls“ in der Siechenstraße auch. „Hier stehen die ältesten Häuser, fast alle anderen in der Stadt stammen aus dem 18. Jahrhundert“, erzählt Stadtführer Günter Rieger. „1787 brannte Neuruppin komplett nieder.“
Nach dem Brand wurde alles wieder aufgebaut. Der französische Architekt Francois Philipp Berson konzipierte die Außengestaltung. „Er entwickelte die modernste Planstadt Preußens – ein rechtwinkliges Raster mit breiten Straßen. Durch die klare Linie konnte der Wind vom See durch die Straßen wehen und für frische Luft sorgen“, sagt Rieger.
Für Architekten ist Neuruppin nach wie vor eine Vorzeigestadt. Da wird man selbst als Bau-Laie hellhörig: „Die Häuser hatten eine einheitliche Höhe. Jede Familie bekam ihre neue Bleibe, je nach Bedarf und Beruf. Mal gibt es eine größere Eingangstür, mal eine kleinere, mal ein Tor für Kutschen, mal eins Karren oder keins.“ Bis heute ist das zu bestaunen. Jede Tür, jedes Tor ist eine Schönheit, jede Straßenlaterne anheimelnd. Letztere entstammen den Plänen Karl Friedrich Schinkels, der am 13. März 1781 in Neuruppin geboren wurde.
Es geht über den Neuen Markt, wo zwei nette Orte locken. Einer für tagsüber, einer für abends: Der Herr im „Teetraum“-Laden findet für jeden Kunden die richtige Mischung, die Kenner im „Weinhaus am Neuen Markt“ aus ihrer großen internationalen Vielfalt den idealen Tropfen. Am Platz hinter der Pfarrkirche, die heutzutage für Konzerte oder Tagungen genutzt wird, blicken wir erst hinauf zum schiefen Glockenturm, dann hinüber zum Schinkel-Denkmal und der massiven Friedenseiche.
Nun sind wir in der Karl-Marx-Straße angelangt, der Einkaufsmeile des 18.000-Einwohner-Städtchens. Hinter der Hausnummer 84 verbirgt sich eine Apotheke. „Seit 400 Jahren gibt es die schon“, sagt der Stadtführer und zeigt auf die zwei rechten Fenster in der ersten Etage: „Dort wurde am 30. Dezember 1819 Theodor Fontane geboren. Sein Vater Louis Henry, ein Apotheker, hatte damals neun Monate zuvor das Haus mit seiner Frau Emilie bezogen. Wenige Jahre später hat er es verspielt.“ Die Familie zog nach Swinemünde, da war Theodor sieben Jahre alt. Auf Wunsch seiner Mutter kehrte er nach Neuruppin zurück, um für eineinhalb Jahre das „Alte Gymnasium“ am Schulplatz zu besuchen, wie vormals Schinkel. Heute befindet sich in dem Prachtbau ein Kulturzentrum.
Über Neuruppins Geschichte und die Stadt-Berühmtheiten Fontane, Schinkel oder auch Kronprinz Friedrich, dem späteren König Friedrich II von Preußen, erzählen die Ausstellungen im Museum. Das hübsch sanierte Klassizismus-Schmuckstück wird derzeit um einen Neubau erweitert. Am 18. Mai 2014 eröffnet der Gesamtkomplex.
Unser nächstes Ziel ist der Pavillon vor dem „Seehotel Fontane“ im Resort Mark Brandenburg. Der Blick schweift übers Wasser, die Wellen gurgeln, die Möwen kreischen. Ausflugsdampfer ankern an der Uferpromenade, Familien flanieren vorbei an der Klosterkirche. Rechterhand schwimmt die See-Sauna der „Fontane Therme“ auf dem Wasser. Im hübschen Ambiente, das ein bisschen was von einer afrikanischen Safari-Lodge hat, kann man in Schwebe- und Süßwasserpools oder im beheizten Soleaußenbecken untertauchen. Das ist fast so schön wie ein anbrechender Morgen im „Up-Hus-Idyll“.
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom „Up-Hus-Idyll“. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit





