Kein Einheimischer der ostthüringischen Stadt Gera würde sich „Geraer“ nennen. Man ist Ger’scher. Das erste „e“ wird lang und breit betont, das zweit verschluckt. Auch würde sich keiner dagegen verwahren, als „Ger’sche Fettgusche“ tituliert zu werden.
Kündet der von neidischen Auswärtigen erfundene Begriff doch davon, dass die Ger’schen – als anderswo Mehlsuppe auf den Tisch kam – was Besseres verzehrten. Entsprechend fettig glänzten sie um den Mund, die Gusche, herum.
Nicht immer, aber ab und zu war Gera richtig reich. Zu ihren Fettguschen kamen die Bewohner im 16. bis 18. Jahrhundert, weil fast 100 von ihnen Bierhändler waren.
Eine Zeit lang besaß die Stadt das Braurecht für mehr als 30 Dörfer vor ihren Toren und ließ sich dieses Privileg gut bezahlen. Gelagert wurde die einträgliche Flüssigkeit in den Höhlern. Diese in Stein geschlagenen Gewölbe durchzogen noch unterhalb der Keller die ganze Stadt.
Nachdem sie ihre Bedeutung als Bierlagerstätte verloren hatten, verkamen sie zu Ramsch-Ecken, Bauschuttlagern und Luftschutzkellern. Vor 30 Jahren jedoch begannen die Geraer zu vermessen, zu buddeln und wegzukarren.
Museum unter der Stadt
Die Stadt unter der Stadt wurde wieder zugänglich, teils nur für die Bewohner der darüber liegenden Häuser, teils für Neugierige auf der Suche nach der ganz speziellen Stadtgeschichte. Einige der Höhler sind zum Museum avanciert, zur Mineralienausstellung, Kabarettbühne oder zum Schauplatz der alle zwei Jahre stattfindenden Höhler Biennale.
Für Grundstücksgrenzen und Straßenverläufe hatten die Männer untertage allerdings keinen Blick. Gegraben wurde, wie es der Fels vorgab. Damit man heutzutage nicht die Orientierung verliert, gibt es Führungen, rund eine Stunde lang und mitunter sogar mit Ausschank von speziell Gebrautem.
Auch manche Geschäftsinhaber öffnen ihre Höhler gelegentlich für die Kundschaft. Verkostungen zelebriert beispielsweise der Feinkostladen Weißenborn in der Großen Kirchstraße. Er liefert sozusagen Spezialitäten in zwei Dimensionen: typisch Geraer Höhler und typisch Geraer Kulinarik, natürlich vor allem Fettbemmen und Schwarzbier.
Eine der reichsten deutschen Städte
Neben dem Biergeschäft holte auch die Textilbranche Geld in die Truhen der Ger’schen. Seit dem 15. Jahrhundert wurde in der Stadt gesponnen, gewebt, gefärbt, bedruckt und gehandelt. Mit der Industrialisierung kam der Boom. Während deutschlandweit nur rund 40 Prozent der Erwerbstätigen in modernen Fabriken standen, waren es in Gera schon fast 70. Um 1900 gehörte Gera zu den reichsten Städten Deutschlands, leistete sich eine Straßenbahn, ein opulentes Jugendstiltheater, große Kirchen und Schulen.
Die Hotels der Stadt entstammen allerdings vorwiegend der Neuzeit. Zu denen mit ausgesprochen günstiger Lage, nämlich im Stadtteil Untermhaus, der zum historischen Stadtkern gehört, zählt das „Pentahotel“. Von hier aus ist nahezu alles Sehenswerte per Spaziergang zu erreichen: Theater, Philharmonie, die spätbarocke Orangerie und der seit der BUGA 2007 wiedererweckte Hofwiesenpark liegen direkt vor der Tür.
Das Haus selber bietet, was sich für ein modernes Stadthotel geziemt: Restaurant und Bar, Wellnessangebote und Sauna, Tiefgarage sowie alles, was Geschäftsleute und Kulturtouristen so brauchen. Natürlich ergeben 165 Zimmer und mehrere Konferenzsäle kein Puppenhaus. Aber gemütliche Ecken hat das „Pentahotel“ trotzdem.
Wie die Arbeiter wohnten
Wie in der Zeit des großen Aufschwungs die Arbeiter wohnten, zeigt ein Museum ganz in der Nähe, gleich neben der Marienkirche. Dieser Einblick in den Stube-Kammer-Küche-Alltag wird jedoch weniger der sozialen Balance wegen gewährt, sondern weil aus einem dort lebenden Kind ein großer Künstler des 20. Jahrhunderts geworden ist: Otto Dix.
Im Dezember 1891 hier geboren und verbrachte seine ersten Lebensjahre in diesen bescheidenen Verhältnissen. Eigentlich war vor Jahren ein Kunsthaus geplant gewesen. Doch Gera, das sich auch Otto-Dix-Stadt nennt, ist im Reichtums-Ranking nach hinten durchgereicht worden. Dennoch ist Dix in Gera viel zu sehen, denn rund 450 Arbeiten befinden sich in öffentlicher Hand, ergänzt durch zahlreiche Leihgaben.
Im Otto-Dix-Haus Untermhaus finden neben der Schau zu Dix noch Galerieräume Platz. Bemerkenswert und zu Gera passend: Nicht nur idyllische Landschaften hat er festgehalten, auch Bahnhöfe, Lagerplätze und Industrieanlagen. Ein Ger’scher eben. Fragt man die, wie sie sich so sehen, versuchen sie sich nicht in Poesie. „Ich bin sehr skeptisch. Das ist mein Erbteil aus Thüringen. Die Menschen dort sind sehr skeptisch, sehr kritisch…“, bekannte schon Otto Dix. Zweihundert Jahre Industrie, das prägt.
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Thüringer Tourismus und Gera Tourismus. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit


