Ausgerechnet Merseburg? Shereen Amin war etwas verstört, als ihm der Direktorenposten für das dortige „Radisson Blu Hotel“ angeboten wurde.
Er war doch durch die Metropolen der Welt gezogen – und nun das, die Provinz von Sachsen-Anhalt? An der Saale, bei Leuna, Schkopau, Halle – klang nicht unbedingt einladend.
Aber Irrtümer und Vorbehalte haben in Merseburg nun mal eine lange Geschichte. Auch die Abbitte danach. Warum er dann doch unterschrieben hat?
„Zuerst einmal die Stadt: Direkt vor unserer Haustür der Dom, das Schloss und der Schlosspark. Die Gäste können vor die Tür treten und stehen mitten in der Historie. Und dann natürlich das Hotel, kein seelenloser Neubau-Quader, sondern selbst ein Stück Geschichte“
Klassisches Ambiente im Palais
Zwar hat das „Radisson Blu“ auch einen Neubau, aber der passt sich seinen altehrwürdigen Nachbarn nicht nur stilistisch an, sondern tritt artig ein paar Meter zurück, damit denen die ganze Aufmerksamkeit gilt: Auf einer Seite das 1782 errichtete Zech’sche Palais, das etwa ein Drittel der Radisson-Räumlichkeiten birgt.
Im Inneren verraten nicht nur die Korridore oder das mondäne Treppenhaus, sondern auch die 133 Gäste-Zimmer bereitwillig, in welchem Gebäudeteil man sich gerade befindet: Modernes Ambiente im Neubau, klassisch mit historischen Klängen im Palais.
Ansonsten hat das Haus alles, was zu einem modernen Stadthotel gehört. Die Sauna im Dachgeschoss ermöglicht sogar einen Blick über die Stadt. Empfehlenswert ist das Restaurant des Hauses, das sich „Belle Epoque“ nennt und internationale Küche vom Feinsten serviert.
Als wäre sie eben mal aus dem Zech’schen Palais herübergekommen, schwebt gerade eine Frau mit ausladendem Rock durch die Hoteltür, eine als Hofdame gekleidete Stadtführerin, die auf eine Reisegruppe warte. Die opulente Robe hat sie sich gleich nebenan, im Keller des Ständehauses, geliehen.
Dort ist die Werkstatt eines Vereins heimisch, der sich „Königliche Hofschneiderei“ nennt. Die Merseburger haben‘s nämlich mit der Geschichte ihrer über tausendjährigen Stadt, feiern Schlossfeste und veranstalten Umzüge.
Die Gattin des Domstifters
„Ich bin die Edle Kunigunde“, begrüßt eine ebenfalls vornehm, aber mittelalterlich Gewandete die Gäste im Dom, mit dessen Bau anno 1015 begonnen wurde. „Mein Gatte, Heinrich der Zweite, stiftete einst diesen Dom“, deklamiert sie und beschreibt im Folgenden ihre Familienverhältnisse.
Die waren nicht sehr übersichtlich in einer Zeit, da Herrscher kreuz und quer durch Europa heirateten, da oftmals früh und manchmal rätselhaft gestorben wurde und da der Thron dort stand, wo der Kaiser gerade unterwegs war.
Und Merseburg immer mittendrin. Hier pulsierte im Mittelalter deutsche Geschichte, hier residierten Bischöfe, waren Könige und Kaiser zu Gast.
Heute sind es Touristen. Eine Handvoll steht maulend vor dem Eingang zum Dom: „Sechs Euro Eintritt, das ist zu viel“, ist man sich einig. Was den Sparsamen entgeht, ist nicht nur der Dom selber, sondern sind noch andere Gebäude und die Ausstellung des Domschatzes mit der ältesten europäischen Bildnisgrabplatte aus Bronze, Handschriften, Gewändern.
Etwas Besonderes sind die Merseburger Zaubersprüche, ältestes Schriftzeugnis althochdeutscher Sprache. „So etwa könnten die geklungen haben ...“, Domführerin Kerstin Wille deklamiert: „Eiris sazun idisi, sazun hera duoder, suma hapt heptidun …“ Mystisch hallt durchs Gewölbe, was vor über 1000 Jahren von germanischen Göttern erfleht wurde.
Ein Knarren und Krächzen
Andere legendenumwobene Töne sind an der Schlossmauer zu hören. Ein Knarren und Krächzen. Zwei Raben hüpfen in einer Voliere umher und erfüllen ihre Mission: Sie erinnern an die Merseburger Rabensage.
Die erzählt von Bischof Thilo von Trotha, welcher im 15. Jahrhundert in Merseburg regierte und seinen treuen Diener hinrichten ließ, weil dieser in den Verdacht geraten war, seinem Herrn einen wertvollen Ring gestohlen zu haben.
Nach längerer Zeit wurde bei einer Dachreparatur des Schlosses ein Nest mit dem Diebesgut entdeckt. Thilo hat aus Abbitte für diesen Irrtum sein Familienwappen – angeblich – verändert und einen schwarzen Raben mit einem goldenen Ring im Schnabel in seinen Schild übernommen.
Aber noch mehr ist auf diesem Hügel über dem Steilufer der Saale zu entdecken: Fassaden, Wappentafeln, Portale, Erker und die Wendeltreppe des Renaissanceschlosses; die Willi-Sitte-Galerie und das Kulturhistorische Museum.
Den besten Blick auf den Schlosskomplex hat man jedoch von der Saale aus. Wer Sonntags in Merseburg ist steige dazu auf das Schiffchen „Capitain Fu“ und tuckere zwei Stündchen entlang grüner Ufer und alter Mauern.
Stadtkirche und Kapitelhaus
Natürlich hat Merseburg auch eine Innenstadt. Doch die ist nicht so romantisch und kuschelig, wie man es von den Fachwerkstädtchen Sachsen-Anhalts kennt. Vieles Historische fehlt, Neubauten füllen die Lücken. Hinter großen Bilden verstecken sich blinde Fenster.
Ein Spaziergang könnte zur Stadtkirche oder zur Neumarktkirche führen, zum alten Rathaus oder Kapitelhaus. Manches Sehenswerte findet man auch nicht von alleine, das Kunsthaus „Tiefer Keller“ zum Beispiel, kennt vermutlich noch nicht mal jeder Merseburger. „Uns haben die Leute für verrückt erklärt“, so Galerist Holger Leidel, „als wir vor zehn Jahren anfingen, diese Müllhalde umzuwühlen.“
Aber, wie es in Merseburg so ist, am Ende kommt alles doch ganz anders: Die über 700 Jahre alten Keller sind inzwischen während Führungen begehbar und erzählen vom Handel im Mittelalter, von Bierlagerung und Feuersbrünsten, von wirtschaftlichem und kulturellem Auf und Ab. Teilweise nutzt Leidel sie als Ausstellungsräume und setzt Kunstwerke so in ein bizarres Ambiente.
Auch Shereen Amin gehört inzwischen zu jenen, die mit den Vorbehalten der Zeitgenossen gegenüber Merseburg spielen. Und so erzählt er auch die Story von einem deutschen Unternehmen, das seine Veranstaltungsagentur feuerte, weil die einen Kongress in Merseburg vorschlug.
Irgendwie nahmen die Veranstalter die Location dann doch in Augenschein – und leisteten bei der Agenturchefin mit einem Riesen-Strauß Abbitte.
Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom „Hotel Radisson Blu Halle-Merseburg“. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit


