In Wismar heißt „Bernd das Brot“ Bruno – und ist ein Backstein. Mit Stricharmen rechts und links des Backsteinkörpers sowie zwei großen runden Augen mittig auf den Leib gemalt schwebt der Ziegel durch 700 Jahre Baugeschichte. 3-D-animiert, auf einer an Stahlseilen montierten Leinwand im Innern des Marienkirchturms.

„Ja, da ist uns ein Wunder gelungen“, sagt Marita Fauk, die mit 3-D-Brille im Gesicht in einer der Stuhlreihen vor dem Film mit Bruno sitzt. Der Ziegel fliegt von Backstein zu Backstein, zeigt, wie seinesgleichen hergestellt, in die Kirche St. Marien verbaut worden ist.

Und Marita Fauk? Lächelt und nickt im Wechsel dazu. „Ja, hier gehe ich immer mit Besuchern hin“, sagt sie, als sich Bruno Backstein in einer Szene, irrtümlich in die Kirchenwand gepresst, mit einem Ruck aus dieser drückt. „Das ist doch toll, nicht?!“

Die ehemalige Lehrerin und gebürtige Wismarin führt ihre Gäste regelmäßig zu Bruno Backstein in den Marienkirchturm. Die dazugehörige Kirche St. Marien ist im 13. Jahrhundert erbaut, im Zweiten Weltkrieg beschädigt und vom DDR-Regime angeordnet in den 60er-Jahren gesprengt worden.

Doch da sie wie die anderen sakralen Wahrzeichen von Wismar, die Kirchen St. Georgen und St. Nikolai, für die Backsteingotik der 1229 erstmals erwähnten Stadt steht, hält Bruno Backstein zur charmanten Visualisierung her. Inklusive Ziegel selbst herstellen im Zelt nebenan.

„Sie glauben gar nicht, was das ausmacht“

Wismar, 250 Kilometer von Berlin entfernt. In die Sanierung der Hansestadt ist nach Mauerfall ähnlich wie in andere Ostseestädte von Kühlungsborn bis Binz investiert worden. 2002 wurde die Altstadt gemeinsam mit Stralsund zum Teil des Unesco-Weltkulturerbes erklärt. „Sie glauben gar nicht, was das ausmacht“, sagt Marita Fauk.

Mit ihr geht es weiter durch Wismar. Vorbei am Karstadt-Stammhaus in Jugendstil-Architektur, an der Wasserkunst, an Häusern mit Gotik-Schaugiebeln und klaren Kanten aus Klassizismus und Moderne, über das mittelalterlich angelegte Straßennetz, durch eine ehemalige Residenzstadt der mecklenburgischen Fürsten, entlang all der vielen Backsteinhäuser, für die der Bruno steht.

Von Zerstörung oder Ostflucht nach Mauerfall ist kaum etwas zu spüren. Ereignisse wie der Stadtbrand 1267? Beispielhafter Wiederaufbau. Die Hanse hatte Stadt und Bürger reich gemacht. Ab und an, vielleicht drei Mal, fällt ein verlassenes Haus auf. Doch bei weitem nicht so häufig wie an anderen Orten Mecklenburg-Vorpommerns.

So schwedisch, so gut

Seit der Adelung durch die Unesco steigen die Besucherzahlen für Wismar stetig. Allein im vergangenen Jahr ist der Anteil von internationalen Gästen um 34 Prozent gestiegen. Elf Prozent davon stammen aus Schweden – Wismar stand 155 Jahre, nach dem Dreißigjährigen Krieg, unter schwedischer Führung.

Viele Orte in der Stadt zeugen aus dieser Zeit: das Kommandantenhaus am Marktplatz, die Schwedenköpfe vor dem Baumhaus, das älteste Bürgerhaus der Stadt, der Alte Schwede am Markt. In diesem Gasthaus prangt gleich an der Tür eine goldene Plakette, die vom Besuch König Carls XVI. Gustav mit Frau Silvia im April 1993 erzählt. „Ich mache die Touren so gern, weil es hier so viele schöne Orte und interessante Menschen gibt“, sagt Marita Fauk.

Sie steht vor dem Gasthaus am Marktplatz, hier endet ihre Tour. Mit 10.000 Quadratmeter Fläche einer der größten Norddeutschlands, ehemaliges Bürgerhaus sowie klassizistisch gebautes Rathaus inklusive. Rechts davon steht das „Steigenberger Hotel Stadt Hamburg".

Durch die Tittentasterstraße

Vier Sterne, 103 Zimmer, Restaurant, Wellnessbereich plus Garagenplatz warten dort auf den Gast. Sofern reserviert. Es empfangen Direktorin Ruth Ramberger, die halbtags zugleich das Landhotel „Schloss Teschow" führt, sowie „Operations Managerin“ Anja Leistekow. „Uns sind alle Gäste lieb“, sagt Anja Leistekow. Das Haus würde sich sowohl als Business- als auch als Freizeithotel verstehen.

Erstere Besucher sprechen Tagungsräume, kostenfreier Internetzugang im gesamten Haus, Tageszeitungen sowie freundlich klare, in dezenten Tönen und hellem Holz weniger atmosphärisch ausgestattete Einzel- und Doppelzimmer an. Urlaubsgäste interessieren sich wohl eher für das ausgiebige Frühstück, die zentrale Position in der Altstadt und den kleinen Wellness-Bereich mit Dampfbad und Sauna. Leider ohne Fitnessraum, jedoch sehr sauber und mit dem Blick auf Wismar aus der Liege von der zugehörigen Terrasse mehr als entschädigend.

Der erste Beleg des Hotels als Gast- und Logierhaus findet sich in der „Wismar‘schen Zeitung“ von 1795. 1816 besuchte Feldmarschall Leberrecht von Blücher das Hotel „Stadt Hamburg“, 1844 Dichter und Denker Hoffmann von Fallersleben. Bei einem Umbau 1840 verschwand der schmale Durchgang zur hinteren Straße – die tatsächlich so genannte Tittentasterstraße existiert heute nur noch als Eingang zum Gewölbekeller des Hauses.

Eins der beliebtesten Fotomotive ist das über dem Bogen hängende Straßenschild – das zudem meistgeklaute der Stadt – dennoch. „Hier war es früher so eng, dass viele Menschen sehr nah aneinander vorbei mussten“, erklärt Anja Leistekow den Titel. „Das ist jedoch nur eine der Legenden, die um den Namen kreist.“ 1991 erwarb das Hotel eine Betreibergesellschaft, die es zur heutigen Form umbaute. Seit 2005 gehört es zur Steigenberger-Gruppe.

Von Wirtschaft bis Wellness

Vom hier aus lassen sich viele schöne Wismar-Tage voll abwechslungsreichem Programm planen. Ob Besuch und Einblick in die Sektproduktion, in der Hanse Sektkellerei bei Astrid Ratz, eine Hafenrundfahrt auf einem charmant in die Jahre gekommenen Boot der Adler-Schiffe, bei der sich in die monströse Einfahrt von Wismars wichtigstem Wirtschaftsstandort, der Werft der Nordic Yards schauen lässt, das Technikmuseum phantechnikum oder ein entspannendes Rasul, einer Wellness-Behandlung mit Schlamm in den Räumlichkeiten der Bade- und Erlebniswelt Wonnemar.

Fragen Sie nach Daniel Poser, unglaublich nett macht er das. Als Tagesausflug bietet sich Schwerin an. Eine Stadttour mit anschließendem Besuch des schönsten Landtags Deutschlands, des Schlosses, zeigt, wie sehr nicht nur Wismar, sondern auch die Stadt in der Nachbarschaft einen Besuch wert ist.

Zum Genuss sollte es zurück nach Wismar gehen: Unbedingt ins „Café Glücklich" an der Schweinsbrücke sowie in die „Seeperle“ mit Kombüse, Kutter und Fischverkauf am Alten Hafen. Im Café gibt es herrlich selbst gemachte Tartes und Zimtschnecken bei freundlichster Bedienung, in der „Seeperle“ sorgt Inhaberin Gisela Schadwinkel mit ihrem Sohn für frischen Fisch und tollen Blick. Das Highlight jedoch bildet ein anderer Ort: Überraschend, auch in Wismar herrscht bei den Einwohnern Schwellenangst vor den Hotelrestaurants, dabei begeistert die „Weinwirtschaft“ im Steigenberger.

Küchenchef Oliver Kießling und Demi Chef de Partie Hagen Schattner bieten ein Tapas-Menü zum Staunen, für unter 20 Euro. Keine Dosen-Sardinen oder matschige Pimientos werden serviert: Mediterran Ausgewogenes wie Büffelmozzarella mit Avocado und Mango, Wildkräutersalat mit karamellisiertem Ziegenkäse und geeistes Gurkensüppchen mit Forellenkaviar erwarten den Gast. Herrlich.

Der herzliche Service von Ronny Birnbaum erfreut zusätzlich. Und der Restaurantleiter dieses Schatzes heißt: Marco Fauk, Sohn von Marita Fauk. Der Frau, die zum Symbol der Stadt führt. Zu Bruno Backstein, Wismars Variante von „Bernd das Brot“.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von der Tourismuszentrale Wismar, dem Stadtmarketing Schwerin und dem „Steigenberger Hotel Stadt Hamburg". Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit